Flashbacks in mein früheres Leben – Cosy Crime auf dem Kaff

Noch bevor der Bürgermeister die drei Stufen zur Bühne erklomm, hatte Helmut Nassauer die Hälfte der Rede notiert, die der Mann gleich halten würde.

So beginnt mein aktuelles Manuskript, das hoffentlich nächstes Jahr in der Krimireihe des Ashera-Verlags erscheinen wird. Darf ich vorstellen: Helmut Nassauer, 77 Jahre alter freier Lokaljournalist aus dem hessischen Helmersberg an der Dill. Seine chronisch knappe Rentenkasse stockt er auf, indem er einfach nie aufgehört hat, zu arbeiten und über sein Heimatdorf zu schreiben. Zwei Zeilengelderhöhungen in einem halben Jahrhundert mitgemacht, immer der erste am kostenlosen Büffet, nie aus seinem Kaff rausgekommen, bekannt wie ein bunter Hund und durch nichts zu überraschen. Meine Güte, was habe ich Flashbacks zu meinem alten Beruf!

Helmut ist so etwas wie ein Gedankenexperiment für mich: Hätte ich länger in diesem Job durchgehalten, wenn es mir gelungen wäre, eine größere Wurschtigkeit an den Tag zu legen? Dinge nicht zu sehr an mich rankommen, Kritik an mir abperlen zu lassen, mich nicht zu ärgern über Kürzungen des Budgets, immer knappere Zeit für Recherche etc? Im Juli 2017, zehn Jahre nach meinem Journalistik-Diplom, trat ich endgültig aus der Gewerkschaft aus und stellte fest, dass ich die Arbeit, die ich machen wollte, seit ich 14 war, herzlich wenig vermisste. Das geht mir immer noch so. Oder vielmehr: Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, so herumzuhetzen, immer auf dem neusten Stand sein zu müssen, immer informiert, um zu informieren, immer auf der Suche nach Themen. Und so schreibe ich nun einen alten Mann auf der anderen Seite, am Ende seiner Karriere, die nie besonders erfolgreich war, weil er nie große Ambitionen hatte. Der sich nie  über einen Bach gesprungen und fast bis zur Hüfte in einem Schlammloch versunken wäre, um ein Foto von einem Unfall auf der B49 zu machen (s. Bild unten – sehr zur Begeisterung von Tesha. Dieses Bild bot ich der Redaktion als Erklärung und Ausgleich an, warum das Unfallbild nie kam, das mir ohnehin Bauchschmerzen bereitete). Katharsis, vielleicht, Verarbeitung dessen, was mich bis heute beeinflusst, ob ich will oder nicht, eine Absage an einen Perfektionismus, den ein oberflächliches wirtschaftliches System nicht brauchen konnte. Und nicht gerade leicht, in diese Stimme hineinzufinden. Vielleicht schreibe ich deshalb momentan noch so langsam.

Deshalb und weil ich sehr viel in alten Artikeln wühle, nachrecherchiere, mir in Erinnerung rufe. Denn gleichzeitig soll dieses Buch meine Liebeserklärung an meinen alten Beruf werden. Hab ich früher mal von Geo und Feuilleton geträumt, habe ich mich später ins Lokale verliebt, gerade weil man da einfach alles machen kann, jedes Thema bearbeiten. Weil man dort authentischen Menschen begegnet, die sich mit Herzblut engagieren. Weil man im Kleinen tatsächlich Dinge bewegen kann, Veränderungen in der Region anstoßen. Weil das Lokale das Einzige ist, was die Zeitung den Online-Medien noch voraus hat, weshalb es eine umso größere Schande ist, wenn gedankenlose Herausgeber ohne Bezug zu journalistischer Verantwortung den Bereich kaputt sparen, Redakteur:innen immer mehr Aufgaben aufhalsen, bis ein sauberes Arbeiten fast nicht mehr möglich ist, und nur noch untertariflich bezahlte Halbjahresverträge vergeben.

Man merkt: Es schmerzt mich noch nach so vielen Jahren.  Aber Helmut macht das alles nicht so viele Sorgen. Der ist in seinem Trott und holt für sich das Spaßigste raus – bis die Recherche um einen Hausbrand plötzlich persönlich wird. Ich hab  jetzt schon mehr über Angeln, Töten und Ausnehmen von Fischen gelernt, als ich je wissen wollte (und in der Geschichte verwenden werde, denn es soll ja „cosy“ bleiben). Bei den witzigen Anekdoten, die ich aus meinem eigenen Berufsleben einbaue, achte ich darauf, ausreichend zu fiktionalisieren, damit sich niemand wiedererkennen und bloßgestellt fühlen muss. Allem voran, dass es Helmersberg an der Dill gar nicht gibt, auch wenn es zwischen dem real exisierenden Wetzlar und Dillenburg liegt, wo das – wiederum fiktive – Westerwänder Tageblatt Redaktionssitz hat. Ich will mich ja auch künftig noch in meine alte Heimat trauen dürfen.

Villmar an der Lahn, mein Heimatdorf, im winterlichen Morgennebel

2 Kommentare zu „Flashbacks in mein früheres Leben – Cosy Crime auf dem Kaff“

  1. Na dann schauen wir mal, ob wir dich noch zu „uns“ reinlassen, liebe Andrea. 😉
    Der Helmut erinnert mich ein wenig an unseren Dorfpfarrer, der auch immer der erste am kostenlosen Buffet ist …
    Das Manuskript klingt spannend, und dein Schreiben in der „kleinen“ Welt hört sich verlockend entspannend an.
    Weiter so – wünscht
    Elli

    1. Ich danke dir, meine Liebe. Nachteil: Ich träume jetzt immer öfter von der Arbeit… in dem Job, den ich längst nicht mehr habe. 😀

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