Kinder und der Wolf: Über den Unterschied von Klischee, Angst und Vorsicht

„Die sind doch gar nicht böse!“ Hach, was liebe ich Kinder manchmal. Gerade haben wir die ganzen Märchen durchgehechelt und analysiert, welchen Eigenschaften dem Wolf darin zugeschrieben werden: intelligent, hinterhältig, böse. Aber wenn ich sie frage, warum der Wolf so böse ist, bekomme ich diese Antwort. Weil sie das Fabelwesen im Kopf gar nicht mit dem konkreten Tier in Verbindung bringen. Weil sie zwar die Geschichten kennen, aber die Vorurteile (noch) nicht verinnerlicht haben. Deshalb finde ich es so wichtig, mit Wolf-Seminaren an Schulen, Mehrgenerationenhäuser, sogar Kindergärten ranzugehen.

Ängste sind trotzdem da, auch wenn Kinder es nicht immer zugeben wollen. Wenn ich ihnen am Beginn ein Wolfsheulen vorspiele, sind mir schon manche zusammengezuckt – andere haben umso breiter gegrinst. „Gruselig“ klingt es, und wenn sie sich vorstellen, alleine im Wald sowas zu hören … Aber wann sind Kinder mal alleine im Wald? Die bislang naheste Begegnung mit einem Wolf in Deutschland hatte eine Hundebesitzerin aus Niedersachsen – und wenn die Jäger sich darüber beschweren, dass sie nichts anderes machen könnten, als den Wölfen klatschend hinterherzurennen, sage ich nur: Ja, macht das! Wenn ein Wolf zu wenig Scheu zeigt, greift man im Yellowstone Nationalpark auch erstmal zu Verschreckungsmaßnahmen. Warum wird immer gleich nach dem Abschuss geschrien? Neugierige Wölfe und faule Wölfe, die die kürzeste Strecke durch ein Wohngebiet nehmen, sind nicht automatisch gefährlich.

Kinder sind da noch ganz weltoffen. Als ich beim Jubiläumswochenende der Stadt Schwedt mit meinem Infostand in der Fußgängerzone war, konnte ich das selbst erleben. Aber auch über die kritischen Fragen der Erwachsenen hab ich mich gefreut. Das ist besser, als mit bösem Blick vorbeizugehen und im letzten Moment „Abknallen sollte man se!“ zu zischen. Das nützt niemandem was. Besser ist es, darüber zu sprechen, wie man sich verhält, wenn man einem Wolf begegnet, über Schutzmaßnahmen für Nutztiere … Ich verstehe Landwirte, die sich über den Mehraufwand ärgern. Aber, ganz ehrlich: Jahrhundertelang haben die Menschen Schafe gezüchtet, nur im letzten mussten sie dabei auf Übergriffe von Raubtieren verzichten. Ich denke, wir müssen uns einfach darauf besinnen, wie der Job richtig gemacht wird. Wer allerdings die Welt rein nach „Nützlichkeit“ einteilt und alles, was ihn irgendwie stört, abknallen, abhacken, wegreißen will – mit dem ist es schwer zu diskutieren, weil wir eine zu unterschiedliche Philosophie vom Leben haben.

Mittlerweile hab ich schon eine kleine Sammlung an Bildern, die Kinder in meinen Seminaren malen. Das hier von Pauline finde ich super: Mama Wolf bringt dem Welpen einen toten Hasen – da ist nichts beschönigt, verhätschelt, aber da ist auch keine Angst. Der Wolf ist ein wildes Tier, nicht mehr und nicht weniger. Und das Thema spricht gerade Jungs an: Bei zwei Vorlesetagen an der Schwedter Grundschule am Waldrand habe ich schon feststellen können, dass gerade die, die sonst gern auf dem Stuhl rumzappeln, mir bei Wolfsgeschichten förmlich an den Lippen kleben. Wenn es zur großen Pause klingelt und Kinder still sitzen bleiben, weil sie hören wollen, was ich noch zu sagen hab – ein größeres Kompliment kann man nicht kriegen.

Verstehen lernen: Bei Wölfen geht viel über die Körpersprache

Die Wölfe sind da. 37 Rudel und sechs Paare nach dem aktuellen Stand. Ich musste zwar noch auf die andere Seite von Berlin fahren, um eine (höchstwahrscheinlich) echte Wolfsspur zu finden (obwohl wir schon soooo gesucht haben).

Kleinere Hinterpfote sauber in den Abdruck der größeren Vorderpfote gesetzt,
 schnurgerader Verlauf über hunderte von Metern – könnte das Original sein

Sie sind freiwillig gekommen, weil sie sich hier wohlfühlen, weil es schon früher ihr Zuhause war. Sie brauchen keine Wildnis. Mit Vorsicht und Respekt können wir gut zusammenleben. Ich freue mich immer noch auf meine erste „deutsche“ Wolfsbegegnung.

P.S. Der Titel des Beitrags ist natürlich an „Peter und der Wolf“ angelehnt. Hab’s gerade mal wieder gehört und dachte mir: Für seine Zeit – 1936 – ist es geradezu erfrischend, wie wenig echte Böse-Wolf-Klischees darin vorkommen. 1. Hat nur der Großvater vor dem Wolf Angst (der Alte, der die Schauergeschichten kennt), nicht Peter. 2. Kommt der Wolf erst aus dem Wald, nachdem die Menschen von der Wiese verschwunden sind. 3. Schnappt er sich die Ente, das langsamste und dümmste Tier, das nicht mal zu fliegen versucht. Dass die Jäger wild auf den Wolf losballern, der schon längst gefangen ist, finde ich auch interessant. Ein Glück nur, dass in Realität Wölfe nie Beute lebendig verschlucken. Nie wird gesagt, dass die Ente märchenmäßig aus dem Bauch befreit wird – also wird sie jetzt langsam und qualvoll verdaut?

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