Leipziger Buchmesse: Papierfüchse, Engel-Vogelgrippe und Qualitätssiegel

Wenn einem frühmorgens im Zug schon ein frisch pensionierter Modedesign-Professor im wahrsten Sinne des Wortes in den Schoß fällt, kann es nur ein besonderer Tag werden. Der ICE nach Leipzig ist völlig überfüllt, dabei gilt der Donnerstag als Auftakt der #Buchmesse noch als einer der ruhigen Tage. Zwei zusätzliche Wagons hat die Bahn angehängt (und sagt dreimal durch, dass alle in Wagen eins und zwei nach vorn kommen müssen zum Aussteigen, weil der Bahnsteig bei der Haltestelle Messe nicht lang genug ist), trotzdem stehen oder sitzen viele Passagiere in den Gängen – oder, in diesem einen Fall, kommen ins Wanken und fallen auf mich drauf. Na ja, für den Rest der Reise habe ich einen lustigen Gesprächspartner. 
Ich bin bislang noch auf gar keiner Buchmesse gewesen, mit Ausnahme einer süßen kleinen, die eine Berliner Uni organisiert hat. Dabei wird seit vielen Jahren die Schülerzeitung meines Vaters regelmäßig in Frankfurt prämiert. Aber, wie viele meiner Autorenfreunde sagen, ist die Leipziger viel besser, da kleiner und persönlicher. Was die so klein nennen! Fünf Hallen, die große Glaskuppel (s.o.) des Eingangsbereichs nicht mitgezählt. Verbunden ist die ganze Konstruktion durch Glastunnel mit Blick auf die Übertragungswagen sämtlicher deutscher Fernsehsender, wie es scheint.
Ich habe mir für den Tag kein großes Programm vorgenommen. Wer nur einen einzigen Tag Zeit hat, kommt ohnehin nicht dazu, sich alle Lesungen anzuhören, und Stargast Patrick Rothfuss ist sowieso erst ab Freitag da (ganz davon abgesehen, dass ich ihm gern seinen eigenen Rat geben will: Statt zu reisen, soll er endlich seine Haupt-Reihe fertig stellen! Das gilt übrigens auch für dich, George!). Ich verbringe also den Tag hauptsächlich mit Herumlaufen, das Angebot der fünf Hallen auszukundschaften, in den ein oder anderen Vortrag/Lesung/Podiumsdiskussion reinzuhorchen (die sich in geschickt aufgebauten Nischen so gut wie gar nicht gegenseitig stören) und vor allem Leute zu treffen, die ich bislang nie persönlich getroffen habe, obwohl sie eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt haben. 
Die Stände sind zum Teil wirklich wunderschön gestaltet. Besonders für Kinder, aber auch für Erwachsene gibt es ein Mitmach-Programm zum Lesezeichen-Basteln, Buchbinden und Drucktechnik ausprobieren.
Die Stadt Halle an der Saale versucht, mit kostenlosem Kaffee Unterstützer zu finden für ihr Anliegen, die Stadt zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Die Fotoaktion dazu ist lustig und ich mach gerne mit: Zwar war ich noch nie in Halle, aber ich hab eine schöne Idee für einen Roman, der in dieser Stadt spielen soll. Deshalb steht sie ganz oben auf meiner Wunschliste für einen Städtetrip.
In Halle 1 findet zeitgleich eine Manga-Convention statt. Ein Teil der Besucher schwappt auch in die anderen Hallen. Es ist schon recht amüsant, wenn seltsame rosa Drachenwesen mit Schwanz und Hörnern zwischen den Ständen herumschlendern. Zwischen den ganzen Narutos und Sailor-Moons fallen mir zwei ins Auge, die endlich mal ein bisschen cooler aussehen. 
Als jemand, der für Computerspiele wenig Geduld hat, ist mir der Ego Shooter „Team Fortress“ völlig unbekannt, aber statt ihre Mördertaube auf mich zu hetzen und meinen Brustkorb von innen zerpicken zu lassen, bekomme ich Schokolade mit Marzipan aus dem Top-Secret-Koffer. Danke schön!
Aber ich mache mir ein wenig Gedanken, in welcher Gesellschaft sich Jack Skellington neustens rumtreibt… 
Ansonsten freue ich mich zu sehen, dass die Manga-Fans mit Origami-Falten, Tee-Zeremonie und Bogenschießen auch ein wenig echte japanische Kultur zu sehen kriegen. Was dort allerdings fehlt, ist das „Kamishibai“. Das gibt es in Halle 2 beim Stand der Edition Bracklo. Gabriela Bracklo habe ich bisher in Berlin und München getroffen, bald erscheint ein Portrait, das ich über sie geschrieben habe, in der Märkischen Oderzeitung. Das japanische „Puppentheater“ hab ich  gekauft und bei einem Wolfsvortrag zum Einsatz gebracht. Es stimmt: Die Kinder sind viel aufmerksamer als bei Power-Point. Ganz davon abgesehen, dass es ein echtes Erlebnis ist.
Vor allem aber erreiche ich mein wichtigstes Ziel für den Tag: den Grenzverkehr zwischen virtueller und realer Welt! Endlich treffe ich ein paar nette Menschen, die ich bislang nur „gelesen“ habe auf Facebook oder höchstens mal am Telefon gehört.
Autorin Anna Moffey zum Beispiel, die mit diesen kleinen Papierfüchsen eine der schönsten Ideen für Werbeflyer geschaffen hat, die ich bislang gesehen habe. Leider verpassen wir uns öfter mal im Messechaos, aber meine Buchsignatur habe ich bekommen. 
„Textehexe“ Susanne Pavlovic hat gerade ihren neuen Fantasy-Zweiteiler „Feuerjäger“ herausgebracht – nur deshalb zwei Teile, weil ihr Verleger über die schiere Länge des Manuskripts entsetzt war. Eine starke Heldin, die gerne Zwergenschnaps trinkt, der natürlich am Stand nicht fehlen darf. Hier erreicht uns übrigens die traurige Nachricht von Terry Pratchetts Tod. Ich habe nicht viel von seiner Scheibenwelt gelesen, zu eingeschüchtert war ich von der schieren Masse der Bücher, aber ich weiß zum Beispiel, dass einer meiner liebsten Autoren, Neil Gaiman, ihn sehr schätzte – und kenne natürlich die ganzen Referenzen auf seine Kultserie.
Susanne hat mir schon viele wertvolle Tipps für mein neues berufliches Standbein Lektorin gegeben, unter anderem, mich beim „Autorenkorrektiv“ Qindie zu bewerben. Die Selfpublisher wollen die Qualität in dem ausufernden Markt sichern und haben mich dankenswerterweise nach einer Probearbeit als Partner akzeptiert. Seit Donnerstag stehe ich dort online und freue mich, auf der Buchmesse ein paar Kollegen kennenzulernen.
Kein Besuch wäre komplett, ohne beim Bundesamt für magische Wesen vorbeizuschauen. Die stehen im glichen Gang wie die Bundesregierung, die Agentur für Arbeit und das Umweltamt, und die amüsierten Behördenvertreter decken sich am Stand mit Verlaufmappen und Tassen ein, auf denen vor der Verbreitung der Vogelgrippe durch Engel gewarnt wird. Hagen Ulrich und ich haben gerade in einem Parforceritt noch rechtzeitig zur Buchmesse den dritten Band seiner Vampir-Serie veröffentlichungsreif gemacht. Bis dahin wusste ich nicht mal, dass es „Gay Fantasy“ gibt. Ich habe als Frau damit auch einen Riesenspaß und würde das Label gar nicht brauchen. Aber Hagen denkt an die 14-jährigen Jungs, die sich vielleicht noch nicht trauen, sich zu outen, die Ermutigung brauchen und Literatur finden möchten, in der die Hauptprotagonisten nicht irgendwelche Standard-Liebespärchen sind. Super Sache! Ich freu mich drauf, als seine Lektorin Band vier vor den meisten anderen lesen zu dürfen! Und in der Geschichte des BAfmW steckt auch noch ein wunderbarer Zeitungsartikel… aber an einem anderen Tag, wenn ich nicht so wunde Füße habe.

1 Kommentar zu „Leipziger Buchmesse: Papierfüchse, Engel-Vogelgrippe und Qualitätssiegel“

  1. Spannend, liebe Andrea, dein erster Buchmesse-Besuch.
    Ich bevorzuge immer noch die Frankfurter Buchmesse, ganz einfach, weil sie in meiner Nähe liegt, aber auch, weil ich den Eindruck habe, dass es dort zumindest an den Tagen, wo nur das Fachpublikum zugelassen ist, ein klein wenig leerer ist. Meine Lieblingstage sind Mittwoch und Donnerstag.
    Glückwunsch zur Aufnahme bei den Quindies. Ich fürchte, so langsam wirst du als Super-Lektorin für mich unbezahlbar ;-))

    LG
    Elli

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