Sich verbiegen für den Markt?

„Wenn ich versucht hätte, Erfolg zu haben, wäre ich wohl längst vergessen.“

Hayao Miyazaki

Gestern Abend habe ich mit dem Freund zufällig im Fernsehen eine Dokumentation über Hayao Miyazaki, den kreativen Kopf hinter dem absolut genialen und erfolgreichen Anime-Studio Ghibli, erwischt („Prinzessin Mononoke„, Chihiros Reise ins Zauberland„). Dieses Zitat hat sofort einen Nerv bei mir getroffen, vielleicht, weil ich die Tage gerade erst ein Gespräch mit meinen Schreibfreundinnen über das Thema Mainstream und Erfolg hatte. Und weil ich seit einem Monat an meinen geheimen Lieblingsprojekt schreibe und im vollen Flow elf Kapitel runtergerissen, ein komplettes Notizbuch damit gefüllt habe und so emotional investiert bin in meine Figuren wie seit Jahren nicht mehr.

Vorher habe ich über zwei Jahre mit meinem Nordsee-Krimi gekämpft, den ich auf Anregung meiner lieben Agentin Alisha Bionda konkret für einen Verlag geplottet und angeboten hatte. Sie piekst mich immer wieder, nicht in meinem „Wohlfühl-Genre“ der blutigen Vampirfantasy zu verharren, sondern zu erkunden, welche Geschichten ich sonst noch erzählen kann – die letztlich lukrativer und marktfreundlicher sind. Denn mein geheimes Vampirprojekt wurde bereits mehrfach abgelehnt, weil die Blutsauger aktuell als ausgelutscht gelten (Pun intended). Verkauft hat sich also der fluffige Regionalkrimi, der völliges Neuland für mich war. Dass er mir beim Schreiben so viele Probleme bereitete, lag allerdings  zum großen Teil an meiner Depression. Bei Alisha auf dem Schreibtisch liegen obendrein Exposés für einen historischen Krimi, einen historischen Roman und sogar eine Romanze – alles Genres, in die ich mich nie auf eigene Faust begeben hätte. Nur bei Erotik ziehe ich eine absolute Grenze, habe ich vorab klargestellt. Heißt das, ich verbiege mich, um am Buchmarkt besser anzukommen?

Der Buchmarkt unterliegt Strömungen und Hypes, und wenn große Phänomene aufttauchen wie Herr der Ringe, Harry Potter oder Twilight, versuchen zahlreiche Verlage, schnell mit etwas ähnlichem nachzulegen. Verständlich, wer wünscht sich keinen Bestseller? Seit Jahren wird viel geschimpft über Mainstream, ewig gleiche Geschichten und Cover und eine Beschriftung wie „der Tolkien des 21. Jahrhunderts“ schrecken mich eher vom Kauf ab, als mich dazu anzuregen. Der Punkt ist allerdings: Weder Harry Potter noch Herr der Ringe waren einfach an den Mann oder die Frau zu bringen. Die großen Autor*innenlegenden waren in der Regel Leute, die von Herzen die Geschichte erzählten, die sie erzählen wollten, ohne großartig an ein Massenpublikum zu denken. Das ist es, was Herr Miyazaki meint: Er wollte immer nur einen in seinen Augen perfekten Film machen, seine Vision verwirklichen – und der Erfolg kam von selbst, weil das Publikum so etwas spürt. Weil sie das Original vom billigen Abklatsch unterscheiden können.

Tatsache ist aber auch: Qualität setzt sich nicht automatisch durch. Es gehört eine gute Portion Glück dazu, in allen Branchen. Wir erzählen uns gern die Geschichte von J.K. Rowling, die von einer Sozialhilfeempfängerin zur reichsten Frau von England wurde (und sich als transfeindliche Terf outete), weil es uns Hoffnung gibt, wenn wir mit der Frage hadern, wie viel wir von unserer kreativen Individualität aufgeben müssen, um professionelle Autor*innen zu werden. Aber solche Geschichten bleiben die absolute Ausnahme und viele brilliante Bücher ewig unentdeckt. Schaut euch mal mein oben Bild an: Wie viele Leser*innen haben vom Letzten Einhorn und wie viele von „I see by my outfit“ von Peter S. Beagle gehört (außer denen, die meinem Blog folgen)? Wieso habe ich erst dieses Jahr erfahren, dass es einen Vampirroman von George R. R. Martin namens „Fevre Dream“ gibt, der so alt ist wie ich? Wer hat „Briefe vom Weihnachtsmann“ von Tolkien gelesen? Und die sind nur posthum veröffentlicht worden, weil die Welt nach mehr Tolkien lechzte nach dem Herrn der Ringe. Selbst der Erfolg mancher berühmter Autor*innen ist nur eine Eintagsfliege.

Meine Bücher sind aktuell alles andere als Bestseller und manchmal macht mich das traurig. Gar nicht mal wegen dem Geld, sondern weil ich so selbstbewusst bin, zu sagen: Es sind gute Geschichten und ich möchte sie gern mit mehr Menschen teilen. Das gilt für meine Herzensprojekte ebenso wie für die „Auftragsarbeiten“. „Neun Leben, achtzehn Krallen“ ist auch allein auf Alishas Anregung entstanden. Aber ich habe mir die Idee zu eigen gemacht und eine Hommage an einen Straßenkater meiner Kindheit verfasst. Der Nordsee-Krimi spielt in meiner liebsten Urlaubsregion, referiert mit dem Schimmelreiter auf einen meiner liebsten Klassiker und kombiniert ihn mit gleich zwei meiner liebsten Hobbys, einem vergangenen und einem gegenwärtigen: Reiten und Schreiben. Ich nehme also das, was der Markt mir vorgibt, und gebe ihm meinen individuellen Dreh. Ob ich mit diesem Kompromiss künftig auch finanziellen Erfolg haben werde, kann ich noch nicht sagen. Solange ich immer wieder meine Herzensprojekte dazwischen unterschmuggeln kann, bin ich glücklich – und noch glücklicher, wenn ich Rückmeldung bekomme, dass meine Geschichten in meinen Leser*innen etwas berühren.

3 Kommentare zu „Sich verbiegen für den Markt?“

  1. Schreib, was du willst, nicht, wovon du denkst, der Markt könnte daran interessiert sein. Damit verleidest du dir nur den Spaß am Schreiben, und das, was du eigentlich liebst, ist nur noch Arbeit – eine Arbeit, wohlbemerkt, die echt schäbig bezahlt wird. Ich finde, ich kann mir nicht leisten, etwas zu schreiben, das ich nicht liebe. Dafür ist mir meine Zeit zu schade, und wenn ich stattdessen regulärer Arbeit nachgehe, verdiene ich das Vielfache von dem, was ich für einen ungeliebten Roman bekomme.

    Am Allerschlimmsten ist es, in vorauseilendem Gehorsam etwas zu verfassen, auf das man eigentlich keinen Bock hat, weil man denkt, der Markt will das so – und dann will der Markt das gar nicht, und man sitzt auf einem Manuskript oder einer dicken Leseprobe, die man sich wie Blut aus den Händen gemolken hat, und kann sich noch nicht mal selbst dran erfreuen. Das ist mir zweimal passiert, heute bin ich schlauer. Und wenn ich zehn Manuskripte nur für die Schublade schreibe und kein Verlag sie haben will – ich will sie haben, ich schreibe sie für mich und für den Spaß am Schreiben. Und wenn sich dann doch noch ein Verlag dafür begeistern kann, ist das ein willkommener Bonus.

    Regionalkrimis erscheinen in regionalen Verlagen, und sie werden alles andere als gut bezahlt. Das ist super, wenn man da Bock drauf hat, man schreibt, woran man Spaß hat, und bekommt ein bisschen Geld dafür. Aber was willst du mit einem Buch aus einem Genre, das dir nicht liegt? Wenn es sang- und klanglos untergeht, tut das doppelt weh, aber selbst wenn es ein Erfolg wird – führt das dann dazu, dass die Leute deine Vampirbücher haben wollen? Im Gegenteil – du musst dann höchstens noch mehr Bücher aus Genres schreiben, die dir nicht liegen. Eine Lose-Lose-Situation.

    Lass dich nicht von deiner Agentin zu irgendwas drängen, das du nicht selbst liebst. Das hat nichts mit „über den Tellerrand schauen“ zu tun, das ist eine Frage der Identität. Sonst ist das der gleiche Effekt, wenn einer der Kandidaten bei DSDS auf Bohlens Geheiß ein Lied singen muss, dass ihm überhaupt nicht liegt, und Bohlens grinst breit und sagt „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“. Sei kein Wurm. Tu, was du liebst, und halt den Kopf hoch, egal ob es sich verkauft oder nicht.

    1. Liebe Maja, danke für die flammende Rede, die ich sehr gut verstehen kann. Aber um es nochmal deutlich zu sagen: Mir geht’s gut, ich halte den Kopf hoch und wollte ausdrücken, dass ich diese Kompromisse mag und spannend finde und die Herausforderung gelegentlich gern annehme, einer Ausschreibung meinen eigenen Spin zu geben. Solange sich die Balance mit den Herzensprojekten hält, was sie tut. Niemand drängt mich zu irgendwas, meine Agentin ist ein unglaublich verständnisvoller Mensch, hat mir inmitten meiner Depression den Rücken freigehalten und noch nie eine Projektidee abgelehnt, egal, wie abgedreht sie ist. Und es ist längst nicht mehr so, dass nur Regionalverlage Regionalkrimis anbieten, vielmehr ist das ein Deal mit dem größten Verlag, der sich bislang für meine Geschichten interessiert hat. Als ehemalige Lokaljournalistin habe ich langsam Blut geleckt für diese Genre und noch zwei weitere Exposés erstellt. Und ansonsten geht’s weiter mit meinen Vampys, deren Zeit sicher noch kommen wird <3

      1. Danke für die Klarstellung! Ich hatte es wirklich so verstanden, dass du an dem Regionalkrimi nicht so viel Spaß gehabt hättest. Wenn es dein Ding ist, um so besser! Viel Erfolg damit!

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