Von Lust und Leid eines Herzensprojekts

Erste Wolfsbegegnung im Alter von 14 in der Trummler-Station

Mein wahrer Erstling, „Menschenwolf“, ist vermittelt. Die lange Geschichte dieses Manuskripts kurzweilig zusammengefasst hab ich hier: http://literra.info/kolumnen/kolumne.php?id=1595

EDIT: Weil die Literra-Seite leider ein paar technische Probleme hat, kopiere ich den Beitrag mal hier rein.

 

Weil … Schreiben!

Von Lust und Leid eines Herzensprojekts

Jeder Autor hat sein Herzensprojekt, das ihm besonders viel bedeutet. Das heißt nicht, dass es einfacher zu schreiben wäre als die anderen, eher im Gegenteil. Ich habe auch so ein Manuskript – und jetzt hat meine liebe Agentin es an einen tollen Verlag vermittelt. Natürlich freue ich mich über jeden einzelnen Buchvertrag, denn ich schreibe für mein Leben gern und erkunde mit Begeisterung die verschiedenen Facetten meiner Fantasie. Das Ergebnis dann auch noch in der Hand zu halten und mit anderen zu teilen, macht mich verdammt stolz. Als ich jedoch die Zusage für „Menschenwolf“ bekam, war das nochmal eine ganz andere Kategorie. Meine Knie wurden schwach, ich weinte und jubelte gleichzeitig, bekam Schnappatmung und tanzte mit einen Whiskyglas durch die Wohnung. Ich rief meine Freundin Elli Radinger an und stotterte ihr eine nahezu unverständliche Nachricht auf den Anrufbeantworter. Denn die Chefin des Wolf Magazins hat mir nicht nur fast alles beigebracht, was ich über Wölfe weiß (und tut es noch), sie ist auch die einzige, die alle drei Fassungen des Manuskripts kennt, die im Laufe von fünfzehn Jahren entstanden sind.

Ja, richtig gehört: fünfzehn Jahre. Die erste Fassung entstand im Alter zwischen 17 und 18, zu einem guten Teil während des Schulunterrichts. Bevorzugt Englisch und Gemeinschaftskunde, weil es mir in diesen Fächern am besten gelang, unauffällig zu schreiben und trotzdem rechtzeitig zurück in die Realität zu schalten, um eine Frage des Lehrers zu beantworten und eine gute mündliche Note zu bekommen. Ich muss sehr fleißig ausgesehen haben, dabei schrieb ich nicht mit, sondern mit Bleistift auf Schmierpapier. Manchmal konnte ich nicht aufhören und saß auch in der Pause noch da, während meine Freunde um mich herum plauderten. Einmal, mitten in einer der mitreißendsten (und nicht ganz unblutigen) Szenen, sprach mich eine an und zuckte merklich zurück, als ich den Kopf hob. „Dein Blick gerade … du machst mir Angst.“

Ja, das war eine Vampirszene. Denn der erste Entwurf enthielt noch einige Fabelwesen mehr, neben der zentralen Werwölfin einen Vampir, ein paar Wichtel und sogar ein Einhorn. Um die geheime magische Welt zu zeigen, die sich hinter der unsrigen verbirgt. Außerdem war die erste Fassung noch sehr stark geprägt von Mobbing-Erfahrungen und von Stephen Kings Schreibstil in „Dolores“: Das ganze Manuskript war ein einziger Monolog in Ich-Form von meiner Werwölfin Isa, während sie im Käfig sitzt, nachdem die Biologen sie als „Problemwolf“ eingefangen haben. Sie erzählt einem von ihnen, der damals noch namenlos war, ihre Lebensgeschichte in der Hoffnung, dass er sie dann frei lässt. Für dieses Manuskript bekam ich ein Angebot von einem Druckkostenzuschussverlag. Ja, ich war jung und naiv und schaute mich zum ersten Mal in der Branche um. Aber ich war nicht so jung und naiv, um mich dann wirklich drauf einzulassen. Und so lag „Menschenwolf“ in der Schublade.

Bis zum Winter 2004/05. Ich war 23 Jahre alt und gerade in Montreal, hatte mir ein Urlaubssemester genommen, um in Kanada für eine deutschsprachige Zeitung zu arbeiten. Eines nachts wachte ich auf und hatte den Anfang für eine komplette Neufassung von „Menschenwolf“ im Kopf, ohne dass ich mir bewusst gewesen wäre, überhaupt daran gedacht zu haben in den Jahren davor. Ich stand auf, um zwei Uhr morgens, suchte mir ein Schmierpapier und schrieb die ganze Szene runter. Sie fing da an, wo das andere Manuskript geendet hatte: Biologe Nick, jetzt zum Protagonisten mit eigenem Namen und eigener Perspektive aufgestiegen, wird von seinem Freund und Kollegen beschimpft, weil der Käfig leer ist und die Wölfin weg, die sie nach langer, mühsamer Arbeit endlich eingefangen hatten. Stefan ist tief enttäuscht, denn jetzt werden als nächstes die Jäger auf den Plan treten und das arme Tier erschießen. Und Nick kann keine Erklärung oder auch nur Entschuldigung herausbringen, weil er gerade an seinem eigenen Verstand zweifelt. Aber auf der Rückbank seines Autos liegt nun mal eine halb betäubte junge Frau, die nichts weiter trägt als sein Ersatz-T-Shirt.

Dieser Anfang ist nahezu unverändert geblieben, auch später. Es war einer jener äußerst seltenen, magischen Momente, in denen ich schreibe wie von einer höheren Macht diktiert. In den folgenden Monaten arbeitete ich ein komplett neues Manuskript aus. Die Reste aus der ursprünglichen Fassung wanderten in Rückblicke, Haupt-Storyline in der Gegenwart wurde ein „Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?“. Konnte es Nick gelingen, die vielen Mauern aus Misstrauen zu durchbrechen, die Isa um sich errichtet hatte? In einem passenderweise angebotenen Seminar „Das Medium Buch für Journalisten“ lernte ich das Exposé-Schreiben und strich auf Anraten der Gruppe das Einhorn komplett raus, als Relikt aus einer Geschichte, die jetzt einen ganz anderen Tonfall hatte, viel mehr verwurzelt war in unserer Welt. Mein Werwolf-Konzept war von Anfang an ein sehr realistisches gewesen: Isa verwandelt sich in jeder Vollmondnacht in einen Wolf und besitzt dann keine weiteren Fähigkeiten deren scharfe Sinne und große Ausdauer. Okay, sie kann mit Tieren sprechen und tut das auch, denn sie nutzt die Gelegenheit, um mit echten, wilden Wölfen Kontakt aufzunehmen.

Das war und ist der Kern meiner Geschichte: Ich mochte keine Werwolf-Bücher, weil sie meistens die alten Klischees fortsetzten, ob im Negativen (das Monster) oder Positiven (der Kämpfer für die unberührte Natur), und die längst überholten Erkenntnisse über wölfisches Zusammenleben mit Alpha-, Beta- und Omega-Wolf weiter zementierten und es bis heute tun. Die Begriffe hatte ich in Fassung Eins noch verwendet, aber mit jeder neuen wissenschaftlichen Erkenntnis aus der Beobachtung der Yellowstone-Wölfe (die ich 2006 selbst live sehen sollte auf einer Reise mit Elli Radinger) schrieb ich meine Wolfsszenen um.

Erst, als ich fertig war mit der neuen Fassung, fiel mir wieder eine Unterhaltung mit Elli ein, nachdem sie meine erste Fassung gelesen hatte: „Oh, und in der Fortsetzung verliebt sie sich dann in den Biologen.“ Ich hatte die Augen verdreht und zu einer langen Tirade angesetzt, wie sehr es mich nervt, dass überall eine Romanze dabei sein muss. Um sie dann zu schreiben, Jahre später. Elli wusste es lange vor mir! Allerdings hatte auch Fassung Zwei einige Probleme: Eine Testleserin kritisierte, dass alle spannenden Stellen im Rückblick steckten (absolut korrekt und ein schwerwiegender Vorwurf). Zwei weitere meinten: „Wofür braucht es eigentlich diesen Vampir?“ Aber … Aber … Der war mein Liebling!

Das Leben ging weiter. Das Diplom kam und mein Einstieg ins Arbeitsleben, der tagesaktuelle Journalismus. Ich zog von der statistisch gesehen lebenswertesten Region Deutschlands (Eichstätt) in die ganz unten im Ranking (Uckermark) und fühlte mich trotzdem wohl. Doch ich hatte das Gefühl, meine ganze Kreativität sei erloschen, aufgesogen von diesem einen Manuskript in meiner Schublade. Nur langsam tastete ich mich wieder an Kurzgeschichten heran, aber die Lust am Schreiben hielt sich in Grenzen. 2014 kam mein großer Befreiungsschlag: Ich lehnte das Angebot für einen neuen Halbjahresvertrag bei der Lokalzeitung ab und bereitete meine Selbständigkeit vor. In den fünf Monaten dazwischen, die ich offiziell arbeitslos war, schrieb ich die dritte Fassung von Menschenwolf, als Teil dieser Welle aus Euphorie und Angst, auf der ich ritt. Der Vampir flog raus (und fand später eine neue Heimat als Ravic in „No Pflock“), weil Stephanie Meyer ohnehin für mich persönlich die Kombination Werwolf-Vampir auf ewig unmöglich gemacht hatte, und wurde durch Werwolf Cerb ersetzt. Ich ergründete, warum Isa so abweisend ist, und entwickelte daraus einen ganz neuen Handlungsstrang, der die Spannung in der Gegenwart hält. Kürzte und kürzte die Rückblicke, tötete meine Lieblinge. Kaum hatte ich dieses Manuskript beendet, war es, als ob ein Damm gebrochen wäre: Buch-Ideen fluteten mein Hirn, Plotbunnies vermehrten sich rasend schnell.

Menschenwolf hat in gewisser Weise meine aktuelle Befindlichkeit so sehr widergespiegelt wie kein anderes meiner Projekte: den Frust der Schulzeit, die Hochstimmung des Studiums, die ernüchterte Euphorie, als ich mein Leben komplett änderte. Deshalb bin ich absolut hingerissen und gleichzeitig etwas verängstigt, dass es nun wirklich erscheinen wird. Vorher gibt es allerdings auf Rat des Lektorats noch einiges umzuschreiben. Es wird romantischer. Und wenn ich mir meinen Freund anschaue, mit dem ich seit 2015 zusammen bin, kann ich nur sagen: Passt!

2 Kommentare zu „Von Lust und Leid eines Herzensprojekts“

  1. Naja, mit Verlaub und allem Respekt, liebe Andrea. Aber ein "Wolf" ist das Tierchen auf dem Foto ja ganz sicher nicht, war es vielleicht mal vor 30.000 Jahren. Aber dafür siehst du heute deutlich hübscher aus als mit 14 🙂

  2. Es ist ein Wolf-Schakal-Dingo-Mischling 🙂 Sie haben mir das damals so erklärt, dass die wölfisch genug sind, um das Rudelverhalten mit dem der Hunde zu vergleichen, aber, weil kleiner, besser zu händeln. Eine ungeheure journalistische Verkürzung, für die ich mich entschuldige. Und ja, die Frisur war schrecklich. Mein erster vergeblicher Versuch, mir die Haare lang wachsen zu lassen. Ich ließ sie mir bald wieder scheren und hab erst 2003 in Eichstätt mit einer besseren Friseurin das wieder in Angriff genommen.

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