Alle Jahre wieder

… geht das Gejammere los: Halloween hat in unserer Kultur nichts verloren, blöde Amerikanisierung, reine Geschäftemacherei! Die evangelische Kirche ist unglücklich, weil kaum jemand daran denkt, dass heute Reformationstag ist. In Brandenburg ist es wenigstens ein Feiertag (der einzige, den wir den Bayern voraushaben. Eigentlich wäre das eine Chance, sich fürs Bayern-Wecken zu revanchieren).

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich hab kein Kostüm, ich gehe heute auf keine Gruselparty und ziehe auch nicht um die Häuser. Aber ich habe überhaupt kein Problem, wenn andere das tun. Im vergangenen Jahr hatte ich mich sogar mit Süßigkeiten auf „Süßes oder Saures“ vorbereitet. Aber in Schwedt trauen sich die Kinder – wahrscheinlich zurecht – nicht, alle Platten durchzuklingeln. Wahrscheinlich würde ihnen zu schnell das Klopapier ausgehen, um jedes Haus einzuwickeln, wo sie nichts kriegen.

Es ist wie mit den Lebkuchen, die Ende August in den Geschäften auftauchen. Niemand ist gezwungen, sie zu kaufen! Mir verdirbt das nicht die Vorweihnachtsfreude. Und wer die schrecklich billigen Plastikdekorationen und Kostüme nicht mag, kann ja selbst was nähen oder basteln. Ich verstehe, was Kinder (und Erwachsene) an Halloween fasziniert: Es kombiniert den Spaß am Verkleiden zu Fasching mit der ungesteuerten Wildheit der Freinacht. All Hallow’s Eve, der Tag vor Allerheiligen, ist nicht so streng in Vereinen organisiert und trifft den Nerv der Zeit mit ihrer Faszination für Zombies, Vampire und sonstigem Gruselgetier. Immerhin hatte Schwedt gestern Abend schon mal das passende Wetter: Ein Nebel so dicht, dass man die Plattenbauten kaum sehen konnte und sich von Lichtinsel zu Lichtinsel vortastete.

Wobei ich aber finde, dass die neuen weißen Lampen den Gruseleffekt fast noch verstärken. Die alten orangenen sind wärmer und stimmungsvoller. Leider werden sie alle ausgetauscht nach und nach.

Das Asklepios-Klinikum nutzt die Faszination für Blutsauger seit Jahren, um zumindest in Halloween-Nähe eine „Nacht der Vampire“ am Theater zu veranstalten – und viele neue Blutspender zu gewinnen. Super-Aktion! Und ja, wäre ich noch in Hessen, würde ich heute auf jeden Fall in die Stadtbibliothek Diez gehen, wo meine Freundin und ihr Team eine Halloween-Party veranstalten und Kinder in die Bücherei locken.In Amerika haben Autoren wie Neil Gaiman im vergangenen Jahr „All Hallows‘ Read“ eingeführt, der Versuch, Leute zum Lesen zu bewegen, indem man ihnen Gruselbücher schenkt oder leiht. Also sowas wie der deutsche Vorlesetag, der auch eine tolle Idee ist und viele schöne Projekte hervorruft, aber irgendwie wieder nicht so cool klingt. Und selbst wenn – warum nicht zwei Tage haben, um Kindern Bücher schmackhaft zu machen?

Es mag eine Angloamerikanische Tradition sein, die ursprünglich von den Kelten aus Irland kommt. Aber auf der ganzen Welt wird der Tag der Toten gefeiert. Ich erinnere mich noch daran, wie die Nachbarsjungen, als ich klein war, mit einer fratzenhaften Runkelrüben-Laterne von Haus zu Haus gezogen sind und das Lied vom „Glühlichtermann“ gesungen haben, um Süßigkeiten oder Geld abzustauben. Ein Kürbis lässt sich halt viel leichter aushöhlen als so eine Runkelrübe!

P.S. Ach ja, nochmal ein Wort zu Alle Jahre wieder und Amerikanisierung. Es ist auch alles andere als korrekt zu sagen, der Weihnachtsmann kommt aus Amerika und wir sollten lieber das Christkind einführen. Der Weihanchtsmann ist genauso alt wie das Christkind. Nach der Reformation (Roformationstag, Leute!), die die Heiligenverehrung abschaffte, wollte man in protestantischen Gebieten den Kindern ihren Gabenbringer nicht wegnehmen. Also erfand man in manchen Gebieten das Christkind, in anderen den Weihnachtsmann. Letzterer war eine grimmige Gestalt, angelehnt an Herrn Winter, der je nach Darstellung einen Mantel in grün, gelb oder eben rot-weiß trug. Ja, Coca Cola hat das dann aufgegriffen und das Bild vom dicken, fröhlichen Santa Claus in ihren Markenfarben geprägt. Aber das ist alles nur geklaut von etwas, das schon längst existierte. Kann man übrigens alles im Weihnachtsmuseum in Rothenburg o.d. Tauber nachschauen.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.