Mundschutz und japanische Höflichkeit

Warum dürfen Jugendliche ins Hofbräuhaus? Darüber hat die japanische Reisegruppe tagelang gerätselt. Im Zug nach Berlin nutzt die Reiseleiterin die Chance, neben einer redseligen Deutschen – mir – zu sitzen, und fragt. In Japan sei es völlig undenkbar, dass Schüler in solche Trinketablissements gehen!  Während ich das deutsche Jugendschutzgesetz erkläre, fange ich auf einmal an zu zweifeln, ob das wirklich so vernünftig ist: Bier und Wein an Jugendliche ab 16 auszugeben, und, wenn die Eltern dabei sind, sogar ab 14. Ich versuche mich zu trösten mit der Vorstellung, dass ein Lehrer seiner Schulklasse in München sicher nur Cola und Limo erlaubt, selbst im traditionsreichen Hofbräuhaus. Und dass eine Regelung wie in den USA, wo Jugendliche legal eher eine Waffe als eine Flasche Bier kaufen können, auch niemanden von Alkoholexzessen abhält.

Ganz offensichtlich hatte ich den besseren Streik-Tag bei der Bahn erwischt. Und der Rückweg in den Osten wird durch die Plauderei mit den Japanern sehr kurzweilig. Ich fühle mich an Austauschstudentin Mayumi erinnert, mit der ich mich an der Uni angefreundet hatte. Wir haben viele Gespräche über kulturelle Unterschiede geführt. „Deutsche sind so grundsätzlich“, sagte sie – und meinte eigentlich tiefgründig, aber ihre Wortwahl fügt noch eine ganz neue, aber passende Dimension hinzu. Mayumi meinte, dass in Japan die wenigsten Menschen in ihrem Alltag über große Fragen des Lebens nachdenken, selbst die Studenten nicht. In Deutschland schien ihr das selbstverständlich zu sein. Tatsächlich hat erst die Fukushima-Katastrophe dazu geführt, dass manche Japaner die Regeln der Höflichkeit fallen ließen und deutlich ihre Meinung kundtaten.

Auf einen Kulturschock hätte Mayumi jedoch gut verzichten können: Einmal liefen wir unter der heißen Eichstätter Sommersonne zu meiner WG. Ein Nachbar fegte gerade brav die Garageneinfahrt: in Shorts, über deren Bund der nackte Bierbauch hing, ein Rücken wie ein Bärenfell, aber Sportsocken in den Sandalen. Wir grüßten höflich, er grüßte zurück. Hundert Meter weiter konnte Mayumi nicht mehr an sich halten. Mit einem entsetzten Blick über die Schulter flüsterte sie mir zu: „Was war das denn?“ Darauf gab es nur eine Antwort: „Ein deutscher Mann.“

Kurz vor dem Berliner Hauptbahnhof konnte ich aus gegebenem Anlass auch eine Frage loswerden: Eine Frau aus der japanischen Reisegruppe setzte sich einen Mundschutz auf. In Deutschland wirkt das abseits eines Krankenhauses etwas befremdlich. Hat sie Angst vor Smog, vor bösartigen Viren oder befürchtet sie gar wie der einstige King of Pop, man starre ihre Nase an? Nein, klärt mich die Reiseleiterin auf, es ist genau umgekehrt: Sie hat keine Angst vor Ansteckung, sie möchte niemanden anstecken. Die Dame hat ein wenig Schnupfen und trägt den Mundschutz aus Höflichkeit ihren Mitmenschen gegenüber. Das ist eine viel menschlichere Erklärung.

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