Aus dem Nest geschüttelt

Als ich mit diesem Blog anfing, hatte ich gar nicht vor, zu viel über meine persönlichen Befindlichkeiten zu schreiben. Eigentlich sollte es mehr um Gemeinsamkeiten statt Unterschiede zwischen Ost und West gehen, zwischen Religionen und Ländern, Kleinigkeiten, die mir bei meinen Reisen aufgefallen sind, am besten humorvoll verpackt. Aber in diesem Jahr bin ich zwangsläufig auf mich selbst zurückgeworfen worden und immer noch damit beschäftigt, mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Die weiteste Reise, die ich unternommen habe, war an den Sueskanal. Nicht den in Ägypten, sondern bei Lehde im Spreewald, wo ich zur Reha war.

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Deshalb hat mein Blog seit Mai geruht. Dabei überschreite ich momentan ständig Grenzen, wenn auch mehr persönlicher und innerer Art. Die Schmerzgrenze hängt zum Glück wieder ein ganzes Eckchen höher, seit ich mich durch das Reha-Programm gequält habe. Der innere Schweinehund wird gerade schwer getreten. Für jeden Tag Sport gibt es halt keine Alternative mehr, wenn ein Stück Bandscheibe fehlt.

Aber so aus dem Nest geschüttelt zu werden, tut auch gut: Man hat Zeit, sich umzusehen und neu zu überlegen. Mir ist aufgefallen – natürlich im Nachhinein -, dass ich schon wieder dabei war, mir mein eigenes Hamsterrad zu basteln, aus dem ich mit der Selbstständigkeit entkommen zu sein glaubte. Ein ganzes Jahr lang fast jeden Tag zwischen acht und zwölf Stunden und länger am Schreibtisch sitzen, um alles in Gang zu bringen – kein Wunder, dass der Rücken irgendwann streikt. „Die Franzosen arbeiten, um zu leben, die Deutschen leben, um zu arbeiten“, sagt der Volksmund. Eine Umfrage vom Januar zeigt zwar ein anderes Bild, aber was wir sagen und wie wir uns verhalten, sind oft zwei verschiedene Dinge. Ich habe mit meiner Selbständigkeit einen Schritt in die Richtung Selbstverwirklichung getan, aber alte Gewohnheiten sind schwer abzulegen. Gerade dass ich meine Arbeit so sehr liebe, birgt die Gefahr, dass ich ihr alles andere unterordne. Ich mache keinen Urlaub, ich nehme mir keine freien Wochenenden, ich schalte abends nicht ab. 

Jetzt zwingt mich das Piksen und Ziehen im Rücken dazu, spätestens nach einer Stunde am Schreibtisch eine Pause einzulegen, Gymnastik zu machen, zu laufen, zu schwimmen, radzufahren, mich mal in die Badewanne oder aufs Sofa zu legen. Und auf einmal habe ich eine Balance, die mich am Ende des Tages zufriedener macht. Natürlich schaffe ich auf diese Art nicht mehr das Arbeitspensum von früher. Aber brauche ich das überhaupt? Kann man nicht auf ein wenig Geld verzichten für die Lebensqualität? Mit mehr Pausen bin ich in der Zeit, in der ich am Schreibtisch sitze, dafür umso konzentrierter. Ich erlebe momentan alles viel bewusster, immer wieder aufs Neue erstaunt, dass ich ganz einfache Dinge (einen Stift vom Boden aufheben!) wieder kann, die ein halbes Jahr unmöglich erschienen, und freue mich darüber. 

Und meine Plotbunnys laufen Amok. Den Zusammenhang zwischen Entspannung und Kreativität hat eine Mitarbeiterin des psychologischen Dienstes der Reha-Klinik in einem Vortrag erklärt: Im entspannten Zustand wird die kreative Gehirnhälfte richtig munter. Das lässt sich sogar nachweisen, wenn man die Gehirnströme misst. „Kreatives Dösen“ ist also ein fester Punkt auf meinem Tagesplan. Mit dem Ergebnis, dass mir drei neue Buchideen im Kopf rumspuken, sogar aus einem Genre, das ich noch nie geschrieben habe (und jetzt noch nicht verrate). 

Ich hoffe wirklich sehr, dass ich es schaffe, dieses Gefühl festzuhalten. Denn diese ganzen Erkenntnisse mögen noch so banal sein und altbacken – zu wissen, dass man sein Leben selbst in der Hand hat, ist eine Sache. Es zu fühlen, zu be-greifen, ist nicht selbstverständlich. Und ich hoffe, dass ich dieses Gefühl mit euch teilen kann. Ein bisschen am Nestrand rütteln, sozusagen.

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