Daumen hoch für Daumen raus

Hallo, liebe Freunde des Sommers! Ich bin in den letzten beiden Wochen einige tausend Kilometer in Deutschland unterwegs gewesen und habe dabei einem gefährlichen Risikosport gefrönt – zumindest, wenn man nach den Reaktionen meiner Familie und Freunde geht. Und damit meine ich nicht das Paragliding, bei dem ich mir vor zwei Jahren tatsächlich böse das Bein verdreht hab (und es trotzdem jedem empfehle als wunderbares Erlebnis).

Nein, ich habe auf einer Autobahnraststätte zwei Anhalter mitgenommen. Männliche. Und dabei bin ich auch noch Wiederholungstäter. So wie Reinhard Mey in seinem Lied „Drei Jahre und ein Tag“ dafür plädiert, Handwerker auf der Walz mitzunehmen, breche ich eine Lanze für den Anhalter ohne Zimmermannskluft. Warum? Weil es sich dabei meiner Erfahrung nach um interessante und weltoffene Menschen handelt, deren Geschichten eine lange Autofahrt besser verkürzen können als jedes Hörbuch.

Abdullah und Florens zum Beispiel. Die sind tatsächlich Handwerker, aber nur in ihrer Freizeit per Anhalter unterwegs. „Das ist die beste Art zu reisen“, sagt Abdullah, während Florens auf der Rückbank, eingepfercht zwischen Rucksäcken, Zelt und Isomatten, sofort einschläft. Die beiden haben ihren Urlaub an der Ostsee verbracht und sind auf dem Weg zurück nach Baden-Württemberg. Drei Stunden auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten, ist keine Seltenheit, erzählt Abdullah. Aber um vom Strand wegzukommen, hätten sie eine ganze Weile wandern müssen. Ein Autofahrer habe ihnen aus dem Fenster den Hitlergruß gezeigt und gerufen, sie sollten sich mal die Haare schneiden. „Das ist aber eine absolute Ausnahme“, versichert der junge Mann. Was ihn am Trampen reizt? Nicht immer zu wissen, wo es einen hin verschlägt und wie lange man braucht, die interessanten Gespräche und nicht zuletzt der Umweltaspekt. Wenn man ohnehin in die gleiche Richtung will, warum nicht die Abgasschleuder vollpacken?

Auch in Deutschland hat er nie Probleme, an sein Ziel zu kommen, sagt Abdullah. Das überrascht mich ein wenig. Denn wenn ich Freunden erzähle, dass ich Anhalter mitnehme, kommt sofort der Satz: „Bist du mutig!“ Und das in eher zweifelndem Tonfall. Ist es möglich, von einem kurzen Blick aus dem Fenster auf den Charakter eines Menschen zu schließen? Ich weiß es nicht. Aber ich bilde es mir ein. Und bislang bin ich noch nicht überfallen und ausgeraubt worden, sondern hatte einfach eine gute Zeit: mit den beiden Jungs, die ich nach Silvester von Bayern bis Hessen mitnahm und die mir von einer Straßenparty in Italien erzählten. Keiner verstand den anderen, alle tanzten. Mit dem polnischen Pärchen, das an einem Feiertag im strömenden Regen nahe Chojna stand, weil kein Bus fuhr. Er sprach gut Deutsch und gab mir Tipps, wo die Blitzer auf der Strecke stehen. Ich kenne Leute, die fahren nicht mal zum Tanken nach Polen, weil sie sich im Nachbarland unwohl fühlen. Manchmal scheint das sogar gerechtfertigt, wenn man an den Tankstellenkrieg von Krajnic Dolny, drei Kilometer vor Schwedt, denkt. Aber das heißt nicht, dass ich ein junges Paar zitternd am Straßenrand stehen lasse.

„Du solltest auch mal Anhalter ausprobieren“, sagt Abdullah. Wobei er zugeben muss, dass er bislang nur eine einzige Frau getroffen hat, die alleine als Tramperin unterwegs war. Bis nach Belgrad, das fand selbst er gefährlich. Aber ob ich nicht jemanden hätte, der mitmacht? „Schönere Erlebnisse findest du nicht.“ Und erzählt mir von der Autofahrerin, die mit jugendlichen Nazis diskutiert, um ihnen einen Weg aus ihrem Hass zu zeigen. Na, ich zögere noch. Und bis ich den Mut finde, lasse ich mir von anderen ihre Abenteuer erzählen, die sie am Straßenrand und in fremden Autos erlebt haben. Da fällt mir ein: Ich hoffe, die beiden hatten ein Handtuch dabei…

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