Dritter Platz bei Schwertkampf-WM

Süßen orientalischen Minzetee trinken unter dem Dach einer weit ausladenden Linde. Wäre das auch möglich gewesen, ohne sich wie die Verwalterin einer hochmittelalterlichen Burg zu kleiden? Klar. Aber so ist es nochmal so schön, das Hussitenfest in Bernau.

Warum faszinieren mich Mittelaltermärkte – das heißt, mich und eine immer größer werdende Zahl von Menschen nicht nur in Deutschland? „Bewusstes Offline-Gehen“, wie es der Autor in einem WDR-Beitrag  nennt, finde ich sehr treffend. Gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, handgemachte Musikhören oder selbst singen, Geschichten erzählen, Essen in einem großen Kessel überm Dreibein kochen … Das macht Spaß, ist erholsam, schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Die Handwerker, Gaukler und Musiker sprühen vor Kreativität. Wann sonst kann man schwedische Musiker auf spanischen Dudelsäcken deutsches Volksliedgut spielen hören?

(Poeta Magica: Man beachte das mittelalterliche Schlagzeug. Der Fuchsfell-besetzte Dudelsack von Holger Funke wurde am Ende mit dem Mikrofon ausgequetscht und zertrampelt, was die Dudelsack-Geschädigten unter den Mittelalterfans freuen wird.)

Touris, die meinen, der Eintritt zu einem Mittelaltermarkt ist zu hoch, haben das Prinzip nicht verstanden: Man geht nicht einmal eine Runde über den Platz und wieder heim. Die Märkte sind dafür gedacht, Zeit dort zu verbringen und sich im Laufe eines Nachmittags und Abends Ritterturniere anzusehen, Schmiede bei der Arbeit, Jongleure, Märchenerzähler, Minnesänger. Ist das Realitätsflucht? Wahrscheinlich, aber auf die bestmöglichste Art. Ist vor dem Fernseher sitzen etwa besser? Die Feuershow vom Pferderücken aus, die Wenzel’s Ritterschaft in Bernau vorführt, ist nicht nur spektakulär, sondern zeugt auch von tiefem Vertrauen zwischen Pferd und Reiter. Man kann ein Pferd nicht mit Prügel dazu bewegen, still und entspannt dazuliegen, während ein Mann über ihm mit einer entflammten Peitsche knallt.

(Leider hatte ich da mein Handy nicht schnell genug aus der Tasche , aber das hier ist auch schick.)
Aber warum selbst gewanden? Das kann ich am besten am eigenen Beispiel erzählen: 2011 bin ich zum ersten Mal in Brandenburg auf einen Mittelaltermarkt gegangen, das Osterspectaculum auf der Burg Beeskow. In einem geliehenen Kleid, weil meine Gewandungen noch bei meinen Eltern zwischengelagert waren – Gewandungen, nicht Kostüme! Da kann man sich Feinde machen. Jedenfalls kam ich morgens auf dem fast leeren Markt an und wurde sofort von den Rittern vom Drachenbanneradoptiert. Abends durfte ich beim Tavernenspiel mitmachen und die Männer mit der Bratpfanne nach Hause jagen und am nächsten Tag war ich gleich wieder da. Sehr lieb waren auch die Heidweilers, die später ein von mir gemachtes Foto für ihr CD-Cover verwendeten.
Wer ein Gewand trägt, gehört gleich mit dazu, kommt mit allen ins Gespräch. In Bernau hab ich den Drachenbanner erstmals nach drei Jahren wiedergesehen – und einen herrlichen Abend mit ihnen verbracht. Wer hat mitgekriegt, dass Deutschland Anfang Mai bei der Weltmeisterschaft fürmittelalterliche Kampfkunst in Spanien gleich zwei dritte Plätze geholt hat? Beim Kampf fünf gegen fünf musste sich das Team nur den USA und Polen geschlagen geben. Und ich hab mit dem Cheftrainer am Tisch gesessen. Er erzählte von einem rumänischen Olympia-Ringer, der mit dem Schwert antrat und vor jedem Kampf sein weißes Zwergkaninchen knuddelte. Das Leben schreibt doch die besten Geschichten.

Mittelaltermärkte nehmen also das Beste vom Mittelalter und lassen die Pest, die Dominanz der Männer, die echten Kriege, das Fronwesen, den Hunger und all das Schlechte weg, was sich keiner ernsthaft zurückwünschen kann, nicht mal die Gruppen, die sehr um Authentizität bemüht sind. Aber echt genug ist es, und das sollten Besucher bedenken. Nicht, dass es ihnen geht wie dem Mann, der dem Schmied in die Esse griff und schrie: „Huch, das ist ja heiß!“ Und um die Frage „Essen Sie das?“ zu beantworten: Natürlich stürmen die Lagerleute am Ende des Tages das nächste McDonalds und schütten den guten Eintopf weg!

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