Ein Jahrzehnt mit Journalistik-Diplom: eine Bilanz

Gerade das Zeugnis von Professor Hömberg entgegengenommen – ganz fest halten!

Nächsten Mittwoch jährt sich die Verleihung meines Journalistik-Diploms an der Universität Eichstätt zum zehnten Mal. Zehn Jahre! Bin ich jetzt offiziell alt? Und was ist alles passiert in dieser Zeit. Seit diesem Monat, dem Juli 2017, bin ich nicht mehr Mitglied im Deutschen Journalistik Verband und hab damit für mein Gefühl einen endgültigen Schlussstrich gezogen unter die Karriere, die ich angestrebt habe, seit ich 14 Jahre alt war. Ganz davon abgesehen, dass ich noch immer gelegentlich den ein oder anderen Artikel schreibe und in der Medienwerkstatt des Mehrgenerationenhauses einer Gruppe journalistisches Arbeiten beibringe (und sie mir, was allein Klaus-Dieter alles auf Photoshop drauf hat! Den Kurs hat die Uni leider erst nach uns eingeführt). Aber meine hauptberuflichen Standbeine haben sich verlagert in Richtung Lektorat und Autorin – und ich bin zufrieden damit, auch wenn es sich eigenartig anfühlt.

Antonistraße Eichstätt

Auch wenn der Journalismus rückwirkend betrachtet für mich vielleicht mehr eine Art war, meine Lust am Schreiben in eine „vernünftigere“ Berufswahl umzuwandeln (hach, die Zeit vor dem großen Anzeigencrash und der Internet-Panik, als Zeitung noch als einigermaßen sicher galt!), habe ich ihn mit großem Enthusiasmus betrieben. Mein großer Traum war Geo, doch vor der Aufnahmeprüfung der Henri-Nannen-Journalistenschule schreckte ich zurück. Ich hatte zu viele Interessen, um mich für ein Studienfach entscheiden zu können, also nahm ich die Journalistik, die von allem etwas beinhaltete: Politik, Soziologie, Philosophie, Kommunikationswissenschaft, Geschichte, Recht, Statistik (Gott im Himmel!)… und natürlich die ganzen praktischen Fächer des journalistischen Schreibens, Interview- und Recherchetraining. Layout, Radio, Fernsehen. Das Ganze an einer kleinen Uni mit gutem Ruf und in einer Stadt, die klein genug war, um mich überzeugtes Landei nicht zu verschrecken.

Altmühl

Und wie habe ich es geliebt. Eichstätt war der erste Ort außerhalb meines Elternhauses, von dem ich als „Daheim“ zu sprechen begann. Das lag an meinen lieben WG-Mitbewohnern, egal, wie oft sie wechselten, an meiner Journalisten-Clique, die ich heute noch habe, auch wenn wir weit auseinander wohnen, am Chor und den „Drei Tenören“ (ich sang aus Männermangel im Tenor mit und lernte so meinen Eichstätt-Korrespondenten kennen, der mit bei meiner Recherche zu No Pflock sehr half), aber auch an der Cafete-Frau, die mir manchmal zum Feierabend übrig gebliebenen Kuchen schenkte, an meinen Nachbarn, die mir alle journalistischen Produkte abkauften, die wir erschufen, und mich zum Plätzchenessen einluden, an der Natur rundum …

Meine Patin vom Absolventenverein der Eichstätter Journalistik, Maria Held – meine Heldin mit vielen guten Tipps zum Einstig in den Beruf

Das Journalistik-Diplom, lernte ich später, ist nicht der beste Weg in den Journalismus. Verlage haben es lieber, man ist Spezialist für etwas und setzt dann das Volontariat drauf, was ich ohnehin noch machen musste. Nach der Diplom-Note hat mich eigentlich nie mehr jemand gefragt, sondern hauptsächlich nach meinen Praktika. Aber trotzdem würde ich die Zeit in Eichstätt niemals missen wollen. Ich habe Selbstvertrauen gewonnen, Menschen getroffen, die mich schätzen, mich selbst organisieren gelernt – und ganz nebenbei richtungsweisende Erfahrungen gemacht für meine heutige Berufswahl, was ich damals noch nicht begriff. In den Schreibseminaren korrigierten wir uns gegenseitig die Texte und lernten, wann Kritik persönlich genommen wird und wie wir (mehr oder weniger erfolgreich) Fingerspitzengefühl entwickeln, damit das nicht passiert. „Das Medium Buch für Journalisten“ war ein tolles Seminar, in dem ich mein Erstlings-Manuskript „Menschenwolf“ zur Diskussion stellte, mit dem ich letztlich meine Literaturagentin gewann. Doktor Fetz, mein wunderbarer Philosophieprofessor („Die gleiche Suppe können Sie ruhig zweimal essen, dieselbe Suppe… das wird unappetitlich.“), teilte seine Erfahrungen im Bücherschreiben und auf der Suche nach Verlagen.

Professor Fetz signiert mir seinen Krimi, in dem ein Philosophieprofessor einen Mordfall aufklärt.

Auch wenn ich nach dem Diplom noch einige Jahre als Praktikantin und Freie herumknapste, bevor ich im wilden Osten mein Volontariat bekam (was sicher auch an Pech und mangelnder Vorplanung lag – meine Freunde fanden alle schneller Jobs als ich, wenn auch nicht zwangsläufig im Journalismus), hat diese Zeit meine Überzeugung bestärkt: Alles, was man erlebt, lernt, kommt einem später mal zugute, auch wenn man es nicht unmittelbar umsetzen kann (Reden wir mal nicht davon, wie Medienethik im Alltagsgeschäft behandelt wird, meine Beispiele sind da noch harmlos, aber frustrierend).

Was ist passiert in diesen zehn Jahren? Ich habe drei Bücher herausgebracht, das erste in unmittelbarer Folge meines Studiums, da es meine Diplomarbeit war über Erich Schairers Arbeit als kritischer Journalist vor und in der Nazizeit, das dritte in indirekter Folge – na ja, und die Geschichte dieses Aufklebers muss ich nicht nochmal erzählen.

Ich bin öfter umgezogen, als ich es mir jemals hatte vorstellen können, und bin nun in einem Bundesland zuhause, das ich damals einfach gar nicht auf dem Schirm hatte. In ausgerechnet den Landkreis, der Eichstätt gerne entgegengestellt wird, wenn man lebenswerte Regionen untersucht. Aber genau hier habe ich meine dritte Heimat gefunden. Denn die Eichstätter ist wieder geschwunden, als meine Nachbarn ins Altenheim gingen, die Professoren in Ruhestand und fast alle meine Freunde wegzogen und sogar mein Lieblings-Italiener schloss. Da sind meine neuen Wurzeln in Schwedt besser verankert.

Vegetarischen Burger im PastaCChino am Domplatz – kann man heute leider nicht mehr kriegen

Ich habe in diesem Jahrzehnt seit Eichstätt sowohl das arschigste als auch das respektvollste Vorstellungsgespräch aller Zeiten erlebt, war bereit, um des Geldes Willen PR-Jobs anzunehmen, die mich kein Stück interessierten, habe als Redakteurin Verantwortung gelernt und am Ende einen gut bezahlten Posten ausgeschlagen, um die „unsicherste“ Variante der Selbständigkeit zu wählen, die mich seither unendlich glücklich macht. Mein Motorrad hat jetzt schon das zweite Auto überlebt, ich arbeite am dritten Laptop und mit der zweiten Profikamera und bin etwas kleiner geworden, seit mir ein Stück Bandscheibe fehlt. Ich habe meinen Freund kennen und lieben gelernt und ein ganzes Set an neuen Hobbys, die alle miteinander meine Kreativität befreit haben, von Mittelaltermärkten über Rollenspiel bis hin zu Filk und Schreibnacht. Schwedt hat meine Liebe zur Natur wieder neu angefacht, ich habe kleine und große Wölfe geknuddelt und mehr wundervolle Menschen getroffen, als ich je aufzählen kann (Krautzes, Alisha, Susanne, Moni und Tassi, Dani, ihr wisst, wovon ich rede!).

Laptop Nummer eins in meiner WG-Bude

Ist das eine gute Bilanz unter zehn Jahren? Wahrscheinlich haben andere Menschen nach objektiv zu messenden Kriterien erfolgreichere Lebensläufe. Aber ich bin gerade sehr zufrieden mit meinem Leben. Danke, Eichstätt!