Finnland: Wasser, Selbstmordrate – und keine Mücken

Endlich hab ich mal wieder eine wirkliche Grenze überquert. Mein erster richtiger Urlaub seit Jahren und dann auch noch in Finnland, das Land, das ich bereits zu Studienzeiten besuchen wollte. Ein Wintersemester, wovon mit der betreuende Professor damals vehement abriet.
„Was wollen Sie denn da im Winter? Ich kenne nur Leute, die da wegwollen. Die Sonne geht nie auf, die Schnapsflaschen stapeln sich vor der Sauna und die haben die höchste Selbstmordrate Europas.“ 
„Meine Güte, sollten Sie nicht Werbung für diesen Austausch machen?“
„Ich mache mir SORGEN um Sie!“
Ganz davon abgesehen, dass die Finnen, wie ich zwischenzeitlich in einem Münchner Theater sehen konnte, mit ihrer Selbstmordstatistik sehr schwarzhumorig umgehen, hätte mich das nicht abgehalten, aber tatsächlich hätte ich wegen verschobener Zeiten zwei Semester in Deutschland verpasst, um dort eines machen zu können. So landete ich am Ende in Montreal, was auch herrlich war.

Jetzt aber endlich Finnland, dann halt im Sommer. Anlass war mein Freund und sein Wunsch, zur Worldcon nach Helsinki zu fahren, von der ich in einem anderen Beitrag noch erzählen werde. Doch natürlich kam es für mich nicht in Frage, diese Reise zu machen, ohne in die wundervolle finnische Natur einzutauchen. Viele Bekannte sind schon dort gewesen und haben mir unisono geraten: „Nimm um Himmels willen Mückenspray mit!“ Obwohl man ja angeblich besser das Zeug vor Ort kauft, wo es exakt auf die Insektenwelt des Landes abgestimmt ist, steckte ich mal zwei Spraydosen ein. Dass mich frühmorgens in Schwedt auf dem Weg zum Zug gleich zwei Bremsen überfielen, schien mir ein Omen zu sein.
Das sollten bis auf einen einzigen die letzten Stiche des Urlaubs bleiben.

Tatsache: Anfang August gilt in Finnland schon als Saisonende. Die Massen von Mücken, die alle in bester Erinnerung haben, werden vom frischen Wind davongepustet und die Holzhütten, die wir uns von Tag zu Tag spontan zum Übernachten buchten, je nachdem, wo es uns hinverschlagen hatte, waren immer zu kriegen. Tatsächlich steckten uns die Betreiber der Ferienhaussiedlungen offensichtlich immer mit dem einzigen anderen Gast zusammen, damit wir uns nicht langweilten. Das war in unserer ersten Nacht nahe Kouvola und dem Repovesi Nationalpark Raymond aus Nottingham (ganz recht, DAS Nottingham). Der rüstige Rentner gondelt in der ganzen Weltgeschichte herum und liebt es, mit jungen Leuten zu diskutieren („Ah, wenn wir schon dabei sind, Blödsinn zu reden…“) und dabei provokante Standpunkte einzunehmen („Irgendwie bewundere ich Trump.“). Aber er hört zu und ist bereit, seine Meinung zu ändern, das respektiere ich.

In Kouvola erwischte uns der einzige richtige Regentag unserer Reise, den wir dann spontan umplanten und spontan im Papiermühlenmuseum von Verla verbrachten, einem UNESCO-Weltkulturerbe, wo man leider nicht fotografieren darf, zumindest nicht drinnen. Die Fabrik ist nur ein paar Jahre nach ihrer Schließung 1972 als Museum neu eröffnet worden und steht noch genauso da wie damals, als Maria Mattsson im Alter von 77 in Rente ging. 51,5 Jahre hat sie immer an derselben Stelle gestanden und die schweren Pappbögen gewogen. Dabei haben sich ihre Fußabdrücke in die Holzbohlen eingegraben. Irre!

In Kouvola sind wir dann auf der Suche nach einem Supermarkt einem Ritter über den Weg gelaufen, mit Waffenrock, Kettenhaube, Schwert und allem. Nun sind weder Gerd noch ich Fremde in der Szene und ließen uns von dem Recken gleich den rechten Weg weisen zum Markt. Auch im Dauerregen waren wir nicht die einzigen Deutschen dort. Als die Band, die gerade auf der Bühne so mitreißende irische Musik fabrizierte, kurz innehielt, um untereinander das weitere Programm zu beraten, staunten wir nicht schlecht, dass wir sie ausgezeichnet verstehen konnten. „The Sandsacks“ aus Berlin waren uns nur um einen Tag vorangeflogen (und hoffentlich nicht wie wir wegen Überbuchung auf die Schleudersitze geraten, dass es ein reines Wunder war, dass wir doch noch am gleichen Tag nach Helsinki kamen, aber das ist eine andere Geschichte). 

Was in Finnland übrigens irre gut ist: das Essen. Sonst, wenn ich im Ausland bin, vermisse ich doch sehr schnell und sehr snobistisch das deutsche Brot, aber die Finnen stehen unseren Landsleuten im Backen von Körnerbrot und Brötchen in nichts nach. Insgesamt eher britisch geprägt (die Frage nach „Restrooms“ überforderte eine Kellnerin völlig, „Toilets“ waren das Zauberwort), gibt es auch immer Porridge. Der Haferbrei mag nicht jedermanns Sache sein, aber ich liebe das Zeug. Und gerade, als wir noch etwas abseits der Zivilisation unterwegs waren, wirkten unsere Frühstücksräume immer, als hätten unsere Gastgeber uns zu sich nach Hause eingeladen.

Unser privater Bootssteg in Teijo

Aber eines stimmt, was man über Finnland sagt: Es ist teuer. Auch wenn man sich den Alkohol verkneift, mit zwei normalen Portionen und zwei Softdrinks (Finnland ist ein Pepsi-Land, also blieb ich meistens bei Apfelsaft) kommt man trotzdem kaum unter 50 Euro aus einem Restaurant raus. Übrigens ohne Trinkgeld – man gibt keins. Die Kellner sind überaus freundlich und reagieren fast beleidigt, wenn man nach „Tip“ fragt.  

Finnische Pizzavariante im Niska, direkt am Strand von Ekenäs

Abseits der Zivilisation ist übrigens relativ: Selbst wenn man mitten im Nationalpark auf von Wurzeln völlig zerfurchten Trampelpfaden unterwegs ist und über Felsen klettert, sind die Wanderwege in Finnland stets perfekt ausgeschildert und markiert. Die Straßen mögen Lehmpisten sein, aber entsprechen exakt der Karte, die wir in der Touristeninfo bekommen haben. Wenn man auf irgendeiner kleinen Insel vor einem Fähr-Fahrplan steht und versucht, ihn zu entziffern, steht sofort eine hilfreiche Touristeninformation-Angestellte hinter einem und spricht nahezu akzentfrei Deutsch.

Felsen, Wurzeln, Seen, Blaubeeren, Heidekraut und Moos in den irrsten Farben – das ist das, was sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hat. Wie viel Zeit hab ich allein damit verbracht, Moos zu fotografieren. So viele verschiedene Sorten in solch nuancierten Schattierungen von Grün, die kaum eine Digitalkamera einfangen kann, und dazu so unglaublich flauschig (wenn es nicht so feucht wäre…)!

Gut, dass sich Wasser und Moos nicht über Paparazzi beschweren, denn manchmal konnte ich gar nicht mehr aufhören mit Fotografieren. Nur von der spektakulärsten Tierbegegnung habe ich kein Bild, denn die war in der Abenddämmerung und aus dem Auto heraus: Ein Rentier spazierte in aller Seelenruhe durch ein Getreidefeld. 

Komm mir nicht zu nah!

Ein besonderer Spaß sind die handbetriebenen Fähren, die die Wanderer selbst bedienen müssen, um nicht nur Beine, sondern auch Arme zu trainieren. 

 Sobald das Auto mit dabei ist, bleibt einem das glücklicherweise erspart, sonst hätten wir das „Inselhopping“ über die finnischen Schären sicher nicht so gut hingekriegt. Einfach immer der Straße 180 bei Turku nach, und mit kleinen Brückchen und (meist kostenlosen) Fähren von Insel zu Insel muss man keine teure Rundfahrt buchen. Richtig toll wird es, wenn man auf eine Nebenstraße abbiegt und einer Achterbahn von Route folgt, um dann irgendwo an einem namenlosen Stückchen Strand eine Bank fürs Mittagspicknick zu finden.

Ist es da ein Wunder, dass mir der Abschied von der Natur erstmal ziemlich schwer gefallen ist an dem Tag, an dem wir mittags in Helsinki unser Mietauto wieder abgeben mussten, um und in den nächsten Tagen nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt zu bewegen? (Übrigens, was der Reiseführer völlig vergessen hat zu erwähnen: Weil von einer Bushaltestelle immer mehrere Linien abfahren, hält ein Bus nur, wenn man ihm deutlich vom Straßenrand aus zuwinkt! Einfach nur an der Haltestelle stehen langt nicht, dann darf man am Ende nur nochmal zwanzig Minuten auf den nächsten Bus warten. So als Tipp.)

Aber dazu kann ich nur sagen: Helsinki, mea culpa! Das ist eine wunderschöne Stadt. Selbst wenn einiges eine Touristenfalle ist, mag ich die Markthalle aus dem 19. Jahrhundert, den überirdisch weiß strahlenden Dom, die Marktstände, die Elch-Hackbällchen und gezeichnete Postkarten anbieten, dass mittendrin zwischen den Straßenzügen auf einmal die Felsen wieder durchbrechen … Den kleinen veganen Imbiss, wo nur Einheimische aßen und die Besitzer tatsächlich mal kein Englisch sprachen, aber superleckere Pommes machten, und selbst die völlig überdrehte, mit Gold überfrachtete größte orthodoxe Kirche außerhalb Russlands. 

Selbst mit „die Natur hinter uns lassen“ hatte ich Unrecht, denn mit einem regulären Dreitagesticket für die Öffis (18 Euro) kann man auch die Fähre zur Festung Suomenlinna nehmen (nebenbei bemerkt: Sind diese Namen nicht super? Die Straßenschilder in Finnland können manchmal eeeewig lang sein und jedes einzelne Wort bereitet mir allein vom Ansehen Kopfschmerzen, aber die Sprache klingt sehr angenehm. kein Wunder, dass Tolkien als Vorbild für seine Elbensprache nahm.). Es ist unglaublich absurd, inmitten von grünen Hügeln, Klippen und Nonnengänsen diese Abwehrmauern, Kanonen und Flakgeschütze aus verschiedenen Epochen zu finden. Und dass auf dieser Insel ein Flüchtlingsheim eröffnet wurde für Menschen, die gerade vor Krieg geflüchtet sind, zeugt in meinen Augen nicht ganz von Fingerspitzengefühl, aber es hat eine gewisse Symbolik, schließlich sind diese Waffen schon lange nicht mehr im Betrieb. 

Hier also haben wir unsere Füße zum letzten Mal in die Ostsee gesteckt (ich bin nicht schwimmen gegangen, es war mir zu kalt, aber Gerd hat es einmal gewagt) und am Abend hat uns das zweite Gewitter unserer Reise gebührend verabschiedet – bewundert durch die Scheibe eines Burgerrestaurants hat uns das wenig gejuckt. 

Wie ist die Welt doch groß und weit, sprach die Alte, als sie einen Stock zur Saunaluke hinaussteckte“, sagt ein finnisches Sprichwort. Und ich bin froh, wieder ein neues Land bereist und eine neue Kultur kennengelernt zu haben. Beim nächsten Mal muss ich ganz dringend mehr Zeit mitbringen. Statt Mückenspray. 

P.S. Der Rückflug hat mir übrigens noch etwas Interessantes beschert: Den Blick auf meine Wahlheimat Schwedt aus rund sieben Kilometern Höhe. 


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