#Worldcon: Treffen mit Autoren aus aller Welt

Fast jeder Autor, den ich kenne (mich eingeschlossen), wollte mal so ein Buch-Café wie hier in Turku eröffnen

Bei meinem jüngsten Bericht über die Reise mit meinem Freund nach Finnland habe ich den eigentlichen Grund, warum wir uns dieses Urlaubsziel ausgesucht haben, eher übergangen: Die Worldcon 2017 in Helsinki. Denn das ist auf jeden Fall nochmal einen eigenen Eintrag wert. Dieser Tag in den Messehallen war nämlich nochmal eine ganz andere Welt.

Eine Schande, eigentlich, dass ich noch nie von dieser Convention gehört habe, obwohl es sie seit 1939 (!) gibt und sie zum 75. Mal stattfand (für alle, die mitrechnen: In den Kriegsjahren fiel sie aus). Nerds meet Wissenschaft und Fantasy, könnte man es vielleicht auch nennen. Zum Glück ist mein Freund schon vor drei Jahren in London dabei gewesen und hat mir vorgeschwärmt. Und vor allem: Jeder von uns konnte etwas auf dem Programm finden, was ihn fasziniert hat. Der Ingenieur etwas über die Besiedelung des Mars, die biologischen Voraussetzungen, um einen Drachen zu klonen, und Quantencomputer, die Autorin über Klischees in Fantasy, respektvolle Darstellung von Queer-People und die Herausforderung des Genre-Hopping. Zusammen kamen wir wieder über die Musik: beim Konzert der wundervollen Ju Honisch, Autorin und Liedermacherin und eine liebe Freundin (die mir im Flur noch flugs eine Rückmeldung zu „No Pflock“ gab, die mich sehr stolz und glücklich machte – wenn die Meisterin der düsteren Geschichten mich düster findet und sich mehr Ravic wünscht …). Abends landeten wir, ganz Filker, im Cyrcle von Valerie Housden (hier im Beispielvideo links) und konnten erleben, dass Lieder wirklich international sind: Ob auf Englisch, Finnisch oder (von mir) auf Deutsch – für Hingabe, Können und Mut gab es immer Applaus, selbst wenn nicht jeder alles verstand.

Die Akademische Buchhandlung in Helsinki ist die größte in Nordeuropa

Finnland war für mich sowieso schon ein Paradies mit seinen wunderschönen Buchläden, auch wenn ich nur in der Akademischen Buchhandlung welche in einer Sprache finden konnte, die ich verstand. Dort gibt es auch ein deutsches Regal, und neben einem Alibi-Gedichtband von Goethe ist vor allem Wladimir Kaminer dort stark vertreten, vielleicht wegen der russischen Vergangenheit Finnlands.

 Als wir nach dem ersten Tag der Worldcon online lasen, dass die Veranstaltung wegen Überfüllung nur noch hundert Tagespässe ausgeben werde (neben den bereits vorgebuchten), wurden wir ein bisschen nervös – es wäre schon etwas dumm, wenn der Anlass unserer Reise plötzlich platzen würde. Deshalb taten wir, was gute Fans tun: Uns eine Stunde vor Öffnung in die Schlange stellen und sichergehen, dass wir noch reinkommen.

Überhaupt war Schlangestehen ganz groß, auch vor jedem Panel musste man sich anstellen, aber weil ich mir das Tagesprogramm realistisch und mit genug Pausen gestaltet hatte, bin ich in jede einzelne Veranstaltung, in die ich wollte, auch reingekommen.

1. Science Fiction and Fantasy Clichés:

Petri Hiltunen hatte diesen Vortrag vorbereitet, und auch wenn mich nichts davon wirklich überrascht hat, war seine Analyse, wie weit manche Klischees zurückgehen in der Literaturgeschichte, sehr erstaunlich: Des „Es war alles nur ein Traum – oder doch nicht?“ hat sich schon Cicero bedient.
Voll auf einer Wellenlänge lag ich mit ihm beim Thema Schicksal/Prophezeiung/der Auserwählte: ein billiger Trick, um dem Charakter eine Motivation zu geben, bestimmte Dinge zu tun, oder anderen, um ihn mit in den Plot einzubeziehen. Hat man sich einmal Nachdenken gespart. Wer zum Teufel macht eigentlich immer diese ganzen Prophezeiungen, woher wissen die das alles und hätten sie dann nicht das Böse von vorneherein verhindern können?
Apropos Böse: Gut gegen Böse – auch ein Klischee, zumindest in seiner simpelsten Schwarz-Weiß-Malerei.

Firefly-Fans wissen, warum ich den Namen dieses Pubs fotografieren musste (und bei „Böse“ poste). Leckeres Platbröd, übrigens

Das Schaffen eines Monsters führt Hiltunen einmal auf Frankenstein zurück, zum anderen auf den Golem von Prag. Skynet aus der Terminator-Reihe beispielsweise ist Frankensteins Monster: klüger und besser als seine Schöpfer, weshalb das Computerprogramm sich schließlich dessen bewusst wird und rebelliert. Der Terminator, in Teil 1 noch ein „Golem“, ein Soldat, der stumpfsinnig Befehlen gehorcht, macht diese Entwicklung in Teil 2 durch und rebelliert seinerseits gegen Skynet als seinen Schöpfer. Sehr viele moderne Erzählungen lassen sich so aufdröseln.
Hiltunen hat Klischees nicht komplett verdammt, ganz und gar nicht, aber aufgezeigt, woher sie kommen und wie viele – auch intelligente – Variationen es von ihnen gibt. Selbst angesichts von Game of Thrones blieben Lesergewohnheiten die gleichen: „Menschen wollen, dass der Böse am Ende stirbt – sie zu schockieren, funktioniert nicht dauerhaft.“

2. Writing Queer People Well

Diese Podiumsdiskussion ging erstmal mit einer Definitionsrunde los, bis man sich für diese Stunde darauf einigte, als „queer“ einfach mal alles zu bezeichnen, was nicht klassisch heterosexuelles Familienbild ist. Und eine Diskussion war es, denn obwohl alle Teilnehmer grundsätzlich das gleiche wollten – eine würdevolle Darstellung von Menschen aller Schattierungen -, waren sie sich selbst nicht einig, wie das zu erreichen sei.  Julia Rios‘ „Don’t kill the gay guy“ konterte Ellen Kushner sofort mit: „Doch, töte den schwulen Typen, wir haben es uns verdient, zu sterben.“ Was sollte das? Nun, in der Vergangenheit gibt es in Literatur und Film eine unrühmliche Geschichte, dass schwule Charaktere immer Nebenfiguren sind, meistens Comic Relief oder der Bösewicht – und am Ende sterben. Quasi als Strafe für ihren Lebenswandel. Kushner wollte nun sagen, dass es aber auch nicht der richtige Weg sei, LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) eine Sonderbehandlung zukommen zu lassen. Wenn es die Logik der Geschichte verlangt, muss auch der Schwule sterben. Aber: Erstens sollte seine Sexualität nicht sein einziger Charakterzug sein und nicht jede Liebesbeziehung von vorneherein zum Scheitern verdammt. 
Eigentlich, so konnte sich das Panel schließlich einig werden, geht es darum, wie man allgemein gut schreibt: glaubwürdige, runde Charaktere als Identifikationspotential und auch Vielfalt in der Darstellung, wie die Gesellschaft auf sie reagiert – nun mal keine Klischees, keine Schwarz-Weiß-Malerei. Nicht alle Bisexuellen sind bindungsunfähig und dauerrollig, nicht alle asexuellen kalt und emotionslos. 

Das böse Plotbunny endlich in der Gesellschaft, in die es gehört

3. Challenges of Genre Hopping

Es war überhaupt schön zu sehen, wie sich die verschiedenen Veranstaltungen und Autoren gegenseitig ergänzten, selbst wenn sie nicht gemeinsam ein Panel bestritten. Hatte Kushner beispielsweise jungen Autoren als Tipp mitgegeben: „Brecht die Regeln und sorgt dafür, dass ich es liebe!“, sagte Elizabeth Hand im Genre Hopping: „Erstmal muss man die Regeln kennen, bevor man sie bricht, sonst ist es Schlamperei.“ Da kann ich als Lektorin zu beidem nur Amen sagen: Regeln zu brechen, ist nicht das Problem, solange es für den Leser trotzdem funktioniert. Innovation als Ausrede zu nehmen, um nicht an sich und seinem Stil arbeiten zu müssen, ist keine gute Idee und zeugt kaum von Professionalität. 
Mich hat das Thema Genre Hopping sehr interessiert, denn zum einen konnten sich Rezensenten kaum einig werden, welchem nun mein Erstling zuzuordnen sei, zum anderen schubst mich meine liebe Agentin immer aus meiner „Komfortzone“ Vampirhorror und bringt mich dazu, anderes auszuprobieren (weshalb ich gerade heute einen Verlagsvertrag für einen Regionalkrimi unterschreiben konnte). Das ist nicht immer leicht und ich war neugierig, wie andere Autoren damit umgehen. Zunächst gab es einen ganz pragmatischen Tipp: Immer viele Notizen machen, sonst kommt man spätestens durcheinander, wenn man in dem einen Genre etwas schreibt und dann vom Verlag gebeten wird, in dem anderen etwas zu überarbeiten. Dass die Genres sich dann bei der anderen Geschichte einschleichen und ein Ermittler plötzlich eine Vorliebe für feurigen Flamenco entwickelt, passiert halt. 
Fans könnten manchmal etwas ungehalten werden, wenn sie auf eine Fortsetzung in ihrem Lieblingsgenre warten, aber alle Teilnehmer des Panels bescheinigten ihnen Intelligenz genug, dass Pseudonyme überflüssig seien – Leser verkraften das, dass ihr Autor mal Romanze und mal Thriller schreibt und entdecken so vielleicht mal was Neues. Tatsächlich sei die Vermarktung, wenn sich in einem Buch mehrere Genres vermischen, schwerer als das Schreiben. Tom Crosshill  brach eine Lanze dafür, sich vorab nicht zu viele Gedanken zu machen, sondern die Geschichte erzählt, die man möchte – und dann hinterher zur Beruhigung von Agenten und Verlagen das Label draufklebt, dessen Elemente am stärksten vertreten sind. 

Kleine Teepause und Beute begutachten – Kunstausstellung und Marktplatz gibt es nämlich auch noch

 4. Where Cat is, is Civilization

Dieses Thema habe ich mir nicht nur aus reinem Spaß ausgesucht, sondern vor allem zu Recherchezwecken, immerhin schreibe ich gerade einen eigenen Katzenroman. Daniella Karni-Harel gab einen kurzen Abriss über das sich verändernde Verhältnis von Mensch und Katzen im Laufe der Geschichte („Sie waren Götter, sie wurden verehrt – und sie liebten es und erinnern sich daran.“). Dann ging sie auf die vielfältigen Rollen ein, die Katzen in Geschichten zugeschrieben werden: Einzelgänger, Symbol für Sauberkeit und Gesundheit, der Wegweiser, das Mysteriöse, das Sexsymbol (Catwoman, ne?). Mein Mrri, habe ich festgestellt, fällt sogar in drei ihrer Kategorien: der Trickser, die Katze und der Tod … und eine, die ich nicht verraten will, weil es zu viel vom Ende verraten würde. Nach einer Plauderei mit der Rednerin im Anschluss soll ich nächstes Jahr einen Link zum E-Book-Verkauf nach Israel schicken – sie würde schon jemanden finden, der es ihr aus dem Deutschen übersetzt. 

Auf dieser Welt gibt es auch einige kluge Katzen

So viele Eindrücke und Erkenntnisse an einem einzigen Tag – ich kann es selbst nicht ganz glauben, jetzt, wo ich diese Zusammenfassung schreibe. Wieso eigentlich hat es Deutschland noch nicht geschafft, sich diese tolle Veranstaltung mal ins eigene Land zu holen? Weil Amerika ein bisschen weit ist, haben Freund und ich erst in zwei Jahren wieder Gelegenheit, die Worldcon abzugreifen. Ich wollte schon immer mal einen Anlass haben, nach Irland zu fahren …

Neuseeland bewirbt sich für die Worldcon 2020 – und kann genau sagen, warum

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