Phantastika 2017: Fledermäuse im Labyrinth

Und bitte nochmal einen Klick weiter für meinen persönlichen Rückblick auf die erste Phantastika in Oberhausen: http://www.literra.info/kolumnen/kolumne.php?id=1554

EDIT: Da die Literra-Seite aus technischen Gründen offline ist, hab ich den Beitrag neu hier rein kopiert

Weil … schreiben!

Phantastika 2017: Fledermäuse im Labyrinth

„Ich wollte, ich wär eine Fledermaus, eine ganz verluschte, verlauste. Dann hing ich mich früh in ein Warenhaus und flederte nachts und mauste …“ Es ist schon ein skurriles Erlebnis, wenn ein Mann in Steampunkoutfit mit meiner Fledermaus-Fingerpuppe vor meinem Stand steht und Ringelnatz deklamiert. Meine Dekoration hat es ihm also angetan. Ein Exemplar des Buchs, das diese begleitet, hat er leider trotzdem nicht gekauft. Aber die erste Phantastika in Oberhausen ist ohnehin mehr von Gesprächen und Kontakten als von Geschäften geprägt, und das hab ich auch weitgehend so erwartet.

Ich bin in meinem Leben dreimal in Oberhausen gewesen, jeweils in einem Abstand von sieben bis acht Jahren. Und interessanterweise spiegelte die Stadt im Ruhrpott jedes Mal meine eigene Stimmung und Lebenslage wider. Das erste Mal 2002 war ich auf meiner ersten Pressereise als aufgeregte und motivierte Praktikantin eines Online-Reisemagazins, kurz vor der Eröffnung des „Centro“, ein Einkaufszentrum, das die „Neue Mitte“ werden sollte. „Hoffentlich macht das die Innenstadt nicht kaputt“, sagte damals ein Museumsleiter zu mir.

2009 kehrte ich zurück, für einen Tagesausflug zu einem Vorstellungsgespräch für einen Job, den ich nicht wollte, doch es war eine Durststrecke zwischen Studium und Festanstellung und ich war bereit, alles anzunehmen, was Geld bringen würde. Als ich auf den Bahnhofsvorplatz trat, waren gefühlt alle Geschäfte rundum bis auf eine Dönerbude verrammelt und vernagelt und ich dachte mir: Verdammt, es ist genau das passiert, Oberhausen ist tot. Den Job bekam ich auch nicht, ich wette, man merkte mir meine mangelnde Begeisterung an.

Jetzt schreiben wir das Jahr 2017, ich habe mein Leben in die Bahnen gelenkt, die mich absolut glücklich machen, und meinen ersten Roman veröffentlicht, den ich auf der ersten Phantastika zu präsentieren gedenke. Ich trete auf den Bahnhofsvorplatz – und da ist mords was los. Die Fußgängerzone ist neu gestaltet mit Grünanlagen und Brunnen, an die ich mich vom letzten Mal nicht erinnern kann, und überall spielen Kinder. Schön für die Stadt!

Richtig selbst verwirklicht hat sich offensichtlich auch der Architekt des Congresscentrums, in dem die Phantastika stattfindet. In zwei Tagen bekomme ich nie ein wirkliches Gefühl dafür, wo welcher Veranstaltungsraum ist, welche Treppe man hoch in den ersten Stock und an anderer Stelle wieder runter muss, weil im Erdgeschoss der Durchgang fehlt … Der gezeichnete Plan überfordert auch die Besucher, die Sicherheitsleute sind oft damit beschäftigt, Gäste in die richtige Richtung zu weisen. Als meine Freunde aus der Filk-Szene, mit denen ich mir den Stand teile, ein Konzert im Wintergarten geben, scheuche ich verirrte Schäfchen durch die Tür der Cafeteria – beim nächsten Mal wären ein paar Wegweiser in diesem Labyrinth ganz nützlich.

Unser Stand steht im Treppenhaus und leider ein wenig im toten Winkel, die Menschen strömen erstmal die Treppe rauf, um sich die großartige Dr. Who-Ausstellung anzusehen, sich Bücher signieren zu lassen oder von Ian Beattie alias Meryn Trant in Game of Thrones die Kunst des Schwertkampfes zu lernen. Der Star kommt dreimal bei uns vorbeigeschlendert, lässt den Blick schweifen und lächelt freundlich. Zu meinem Pech hat er sich den Bart abrasiert und ich erkenne ihn erst, als es zu spät ist, ihn um ein Foto zu bitten.

Auch wenn ich zum Arbeiten da bin, drei Veranstaltungen gönne ich mir: Erstens die Lesung eines Lektoratskunden, den ich so endlich persönlich kennenlerne und ein bisschen Stolz spüre, als er Lacher und Applaus an den richtigen Stellen einheimst, auch wenn ich nur einen kleinen Teil zu dem Erfolg beigetragen habe. Zweitens einen Kurs zum Thema „Zuhörer fesseln“. Das hat glücklicherweise nichts mit Fifty Shades zu tun, sondern mit spannendem Vorlesen. René Wagners Vortrag ist sehr anschaulich, er bringt gute und furchtbare Beispiele und zeigt, dass man auch zu viel des Guten tun kann, indem er die Inhaltsstoffe einer Packung Kekse spontan anpreist wie die Anleitung zum Weltfrieden.

Drittens: die Verleihung des Deutschen Phantastikpreises. Einige Bekannte von mir sind nominiert (zum Glück alle in unterschiedlichen Kategorien), und ein wenig tun sie mir leid, wie sie auf heißen Kohlen sitzen, während das Rahmenprogramm läuft. Zwar beeilt sich Kopfrechenkünstler Dr. Gert Mittring, um aus einer Zahl mit einer Million Stellen die 89247. Wurzel zu ziehen (und stellt mit vier Minuten 41 Sekunden einen neuen Weltrekord auf, wobei er die letzte Minute nur nochmal „gründlich prüfte“). Aber wenn man darauf wartet, ob man einen Preis gewonnen hat, ist es trotzdem schwer, dem Mathematiker dabei ruhig zuzusehen. Ein paar Worte der Preisträger notiere ich mir zur Inspiration. „Schreibt die Geschichten, die euch am Herzen liegen“, sagt Markus Heitz. Kai Meyer, für den besten deutschsprachigen Roman ausgezeichnet wird, relativiert das ein bisschen: Als er startete, „durfte niemand außer Wolfgang Hohlbein Fantasy schreiben“, deshalb fing er mit Krimis an, um sich schließlich über historische Romane in sein Lieblingsgenre zurück zu schmuggeln.

Das schönste Erlebnis des Wochenendes ist es, meine liebe Verlegerin Uschi Zietsch vom Fabylon-Verlag, die mich mit meinem Erstling so gut betreut hat, endlich in Person kennenzulernen. Sie verleiht an dem Abend einen Preis und teilt auch an mich großzügig Lob aus beim gemeinsamen Abendessen – dabei ist SIE der Ehrengast bei Perry Rodan!

Nachdem ich am Sonntag meinen Buchaufsteller noch mit dem Hinweisschild „Enthält keine Romantik“ nachgerüstet habe, kommen tatsächlich mehr Leute an den Stand und freuen sich, dass in meinem Buch die Nackenbeißer zu alter, düsterer Form zurückkehren. Nur ein Mann verblüfft mich, als er mir ins Gesicht sagt: „Ich lese keine Bücher, die von Frauen geschrieben wurden.“ Ich bin zu perplex, um wütend zu werden, und frage nur, woher das kommt. „Ich habe mal versucht, Agatha Christie zu lesen, danach war es für mich aus.“ Ich sollte auch unbedingt aufhören, Männer zu lesen, weil mir mal ein Buch nicht gefallen hat. Zu dumm, dass einem die besten Erwiderungen immer erst hinterher einfallen. Na ja, beim nächsten Mal. Vielleicht war das einfach nur ein Troll, der sein Cosplay-Kostüm vergessen hatte.

 

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