Hamburger Modell, selbstgebaut

Danke. Das ist ein guter Anfang für diesen Blog-Eintrag. Danke für eure Anteilnahme und die wertschätzenden, ermutigenden Reaktionen auf meinen letzten Beitrag, in dem ich erstmals öffentlich über meine Depressionen schrieb. Mir haben wortwörtlich die Hände gezittert, als ich ihn einstellte, aber ich bin sehr weich aufgefangen und emporgetragen worden. Viele Menschen haben ihre eigenen Erfahrungen mit mir geteilt, hier, auf Facebook und auf Twitter. Tief haben mich auch die privaten Nachrichten berührt von Menschen, die sich von meinem Text angesprochen und inspiriert fühlen, sich Hilfe zu suchen. Ja, bitte, tut das, es lohnt sich! Eigentlich wollte ich mir nurmal was von der Seele schreiben, dass ich damit Leuten Mut mache, habe ich nicht erwartet und es ist ein herrliches Geschenk.

Heute ist Internationaler Frauentag / Frauenkampftag, aber momentan bin ich noch zu sehr damit beschäftigt, mich und meinen Alltag auf die Reihe zu kriegen, um darüber etwas Intelligentes, Poientiertes zu schreiben, da gibt es aktuell richtig gute Beiträge (die arte-Dokumentation „Viva la Vulva“, über die ich spätabends gestolpert bin, ist immerhin noch bis Dienstag online zu finden) und nicht zuletzt landesweit Demonstrationen. Zwar habe ich einst einige Zeit geglaubt, die Gleichberechtigung sei längst erreicht, und selbst wenig Erfahrung mit Diskriminierung gemacht, aber wenn ich mir ansehe, wie manche Kerle bei Twitter über #männerdiskriminierung jaulen (und ich setze jetzt keinen Link unter den Hashtag, wer sich das Elend ansehen will, kann es googeln) oder wie elendig die Diskussion jüngst über den §219a war (hier eine sehr klare Analyse durch die Geschichte, die das Thema besser zusammenfasst, als ich je könnte) und was mir Freundinnen berichten von ihrem Arbeitsalltag, kann ich nur sagen: Ich habe so falsch gelegen!

Drei Wochen bin ich jetzt offiziell zurück am Schreibtisch und teste meine unter Laborbedingungen gelernten Bewältigungsstrategien in der freien Natur. Ein wichtiger Bestandteil ist diese hübsche Stechuhr, die ich mir aus einem Schuhkarton gebastelt habe. Oben ist ein Schlitz, in den ich als letzte Amtshandlung meine To-Do-Liste für den nächsten Tag einwerfe. Damit ist mein Arbeitstag beendet und ich fahre den Laptop runter, auch wenn ich ihn später für die Freizeit wieder anmache. Diese Strategie haben ganz liebe Mitpatienten in der Gruppe „Stressbewältigung im Beruf“ für mich entwickelt, als ihen klar wurde, dass für mich als Selbständige im Homeoffice viele „Feierabendrituale“ nicht so einfach durchzuführen sind. Einen weiteren Tipp, den ich noch nicht so konsequent befolge: Einen „Nachhauseweg“ simulieren, indem ich einmal eine Runde um den Block drehe. Natürlich hatte ich mir den ausgerechnet für den Tag vorgenommen, als der Sturm unterwegs war. Hat trotzdem entspannt.

In diesen drei Wochen war prompt die ganze Bandbreite dabei: Überarbeitung einer eigenen Novelle (meine erste Liebesgeschichte, natürlich mit einem Twist), Kundenakquise, Recherchetermine und Interview für Artikel, Manuskriptbeurteilung und einer Kundin (die weibliche Form wird stellvertretend für alle Geschlechter verwendet) eine harte Wahrheit möglichst schonend beibringen, Erstellen eines Layoutkonzepts und Präsentation vor Auftraggeberinnen, eine Steuerdiskussion mit meinem Unternehmensberater … Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich das alles prima gemeistert habe. Tatsächlich aber lag ich nachts grübelnd wach, spürte tagsüber den Druck auf meinem Schädel, vergaß meine Rückenübungen und aß zu hastig. Alle meine Ängste, schlechten Angewohnheiten und die Warnsignale sind immer noch da, aber ich nehme sie bewusster wahr. Und am nächsten Tag machte ich rechtzeitig Pause, legte mich in die Badewanne, schob eine PMR-Übung ein oder belohnte mich mit einem Sushi-Picknick im Auto.

Acht Stunden am Stück lektorieren, das konnte ich schon vorher nicht, es ist geradezu menschenunmöglich, so lange die Konzentration halten. Momentan lausche ich sehr genau in mich hinein und versuche abzuschätzen, wie viel ich an diesem Tag wohl schaffen werde, welche Aktivitäten zum Ausgleich ich brauche und wie ich die Projekte zeitlich so großzügig plane, dass keine Kundin enttäuscht werden muss. Hamburger Modell auf eigene Faust, mit einer Arbeitgeberin, die versucht, gnädiger zu sein als früher. Es ist tatsächlich unglaublich befriedigender, eine To-Do-Liste am Ende des Tages komplett abgestrichen zu haben, statt noch zu sehen, was alles vor einem liegt. Nur eine Kleinigkeit, aber sehr wirkungsvoll.

Und so, wie mitr die Tanztherapie in Waren am wohlsten tat, habe ich mir auch schon zweimal hier zu Hause Kopfschmerzen, Anspannung und Frust weggetanzt. Als Steigerung des Tagesordnungspunktes „Tanzen im Wohnzimmer“ hat sich spontan „Tanzen im Wald“ entpuppt, aber ich verrate nicht, wo, das geht nämlich nur ohne Zeugen gut.

Rückfälle werden kommen und sind erlaubt, haben die Therapeutinnen gewarnt. Gerade bei mir und meiner mangelnden Geduld ist der Lernprozess wahrscheinlich nie abgeschlossen. Aber ich komme langsam in den Alltag rein, feiere erste Erfolge (das Layoutkonzept hat begeistert und ich bastel jetzt fröhlich los) und werde hoffentlich bald berichten können, wie es literarisch weitergeht.

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