Helau, Alaaf, Schandi-Schando – Karneval todernst

Jaja, ich weiß. Wiesbaden bricht schon Brücken ab, um sich gegen den Karnevals-Wahnsinn auf der anderen Rheinseite zu schützen. Schleswig-Holstein bietet sich als Exil an und erklärt, warum die fünfte Jahreszeit die schlimmste des Jahres ist. Aber ich habe hier in Schwedt immer freiwillig die Sitzungen übernommen. Denn so viele Termine, wie man sie in der Uckermark in einer „Session“ hat, hat man in Hessen allein an einem Abend! Kinderfasching, Weiberfasching, Prinzenproklamation, Hauptsitzung – und die gleich dreimal -, Kanonenschüsse auf die verfeindete Nachbarstadt zum 11.11.

Ehrlich, da sitze ich die Veranstaltungen hier auf einer Arschbacke ab. Vor allem, weil die uckermärkischen Faschingsfans einen großen Vorteil haben: Sie wissen, wann es gut ist mit einem Witz. Nix vier Stunden Büttenreden, endlose Funkenmariechen-Tänze und ewig in die Länge gezogenen Pointen! Eineinhalb Stunden, knackig kurze Reden, die teils schon Kabarettformat haben, mittendrin Tanz für alle zum Aufwachen. So macht man Fasching in einer Region, wo die Mehrheit ihn hasst – und es lohnt sich, hinzugehen.

Aber im Rheintal nimmt man den Karneval eben nicht nur ernst, sondern todernst, wie Herbert Bonewitz es bei seinem legendären Auftritt als „Prinz Bibi“ beschrieb. Damit hat er 1974 die ganze Tradition wunderbar auf die Schippe genommen und ist damit vielen aus der „bundesdeutschen Humormafia“ auf die Füße getreten. Im Jahr drauf ist er dann auch ins Kabarett gewechselt. 

Und wenn es um seine Faschingstraditionen geht, da kann der Deutsche richtig ausländerfeindlich werden. Wehe, man ruft in Koblenz „Helau“ – es heißt „Olau“. Das Kölner Alaaf darf aber auch wirklich nirgendwo sonst erklingen. Und einen kalten Krieg habe ich persönlich in Stuttgart erlebt. Dort kämpfen die Anhänger der schwäbisch-alemannischen „Fasnet“ gegen die feindliche Übernahme durch den rheinischen Karneval. Der Oberbürgermeister mag die Prinzessin im Rathaus empfangen, die echten „Larven“-Träger verachten den Pomp zutiefst. 

Ich habe nie eine so seltsame Stimmung erlebt wie dort 2008 beim großen Umzug am Faschingssonntag: Eine Reihe der unterschiedlichsten Traditionsgruppen zieht durch die Innenstadt. Tausende am Straßenrand. Mehr oder weniger schweigend. Bis auf die eine kleine Gruppe, die zufällig den Schlachtruf der gerade vorbeiziehenden Larven kennt. „Schandi-Schando!“ Der Rest traut sich nichts zu sagen. Die nächste Gruppe kommt und ein paar andere Zuschauer erkennen sie. „Äiwi voul!“ Was bitte? „Hinne Houch“, „Sandhase Hopp, Hopp, Hopp“, „Frohoi!“ – wer soll sich das alles merken und auch noch richtig zuordnen? Und nicht auszudenken, wenn man’s falsch macht! Das wäre genauso schlimm wie zu behaupten, Franken seien Bayern! Als mittendrin im Umzug der Wagen des rheinischen Prinzenpaares auftauchte, hatte man den Eindruck, die Zuschauer waren erleichtert, dass endlich mal alle zusammen die Karawane des Sultans weiterziehen lassen konnten.
Aber die Schützengräben verlaufen noch tiefer und trennen Alt und Jung. Denn bei den schwäbischen Hexen kann es manchmal ganz schön rau zugehen. Es gehört dazu, dass Umzugsteilnehmer über die Absperrung springen, sich Zuschauer über die Schulter werfen und sie kräftig durchschütteln. Die haben jedoch keine Lust und wehren sich mit Luftschlangenspray. Die klebrigen Fäden bleiben in den aufwendig geknüpften Flickenkostümen hängen und setzen sich in den Runzeln der über 100 Jahre alten Holzmasken fest. Am Ende waren alle nur noch sauer.
Ich hoffe wirklich, dass die lieben Schwaben es mittlerweile geschafft haben, Frieden zu schließen und sich auf das zu besinnen, was Fasching eigentlich mal sein sollte: Spaß!

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