Paris, Terror und persönliche Angst

Habe ich Angst?

Ich glaube, irgendwann um halb zwei in der Nacht von Freitag auf Samstag, als ich immer noch mit vor Müdigkeit brennenden Augen vor dem Fernseher saß und die Nachrichten aus Paris verfolgte, hatte ich einen kurzen Moment lang dieses „Als nächstes Berlin“-Gefühl, das mir den Magen zusammenpresste. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Ich habe mal versucht, mir vorzustellen, wie es wäre, wie meine syrische Freundin Nadra aus meiner umkämpften Heimat zu flüchten. Habe versucht mir vorzustellen, das Knallen abends sei kein Polenböller, den ein übermütiger Jugendlicher losgelassen hat, sondern Geschützfeuer. Habe mich in der Wohnung umgesehen und überlegt, was ich einpacken würde, wenn ich nur fünf Minuten hätte zur Flucht. Aber auch wenn ich Fantasie habe, ich fühle es nicht. Alles bleibt an der Oberfläche.

Das ist sicher eine Art Schutzmechanismus meines Gehirns. Empathie ja, aber bitte nicht so viel, dass mich die Angst lähmt. Oder die Arroganz des jungen Menschen, der nie ernsthaft verletzt wurde und sich unbewusst für unsterblich hält? Vor gut zwei Jahren wurde ich mit Verdacht auf Krebs ins Krankenhaus gesteckt und eine Woche lang komplett umgekrempelt auf der Suche nach einem Tumor. Als mir die Ärztin das am Telefon ankündigte, brach ich erstmal in Tränen aus. Doch gleich darauf folgte eine seltsame Taubheit, und am nächsten Morgen war ich völlig ruhig. Das konnte einfach nicht sein, Punkt. Und es war am Ende tatsächlich nichts. Trotzdem war diese Woche, in der ich dachte, ich könnte sterben, wohl der Auslöser, dass ich mein Leben komplett umgekrempelt und mich selbständig gemacht habe. Mich auf das besonnen habe, was mir wichtig ist. Aber nicht sofort, nicht wie im Film. Das ging schleichend über Monate.

Mitfühlen hat auch mit Nähe zu tun. Am Freitag dachte ich plötzlich wieder an den Ex einer Cousine, der Polizist in Paris ist. Dabei ist es rund 20 Jahre her, dass die beiden sich getrennt haben. „Nähe“ ist ein Nachrichtenwertfaktor. Deswegen sind wir von Paris mehr aufgestört als von dem Krieg in Syrien. Umso beeindruckender finde ich, dass sich viele Libanesen jetzt solidarisieren. Gestern also eine Drohung gegen das Länderspiel in Hannover. Terrorwarnung statt Zeichen gegen Terror. „Die Lage ist ernst.“ Der Innenminister will keine Details nennen, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen – eine Aussage, die erst recht beunruhigt.

Habe ich Angst? Nein.

Helge Schneider übrigens auch nicht. Zumindest spielt er Gelassenheit in dem Video, in dem er die Absage seiner Veranstaltung verkündet. Ich glaube, jenseits der Darbietung mehr Wut als Angst zu erkennen. Wut auf die Terroristen, die sich einbilden, einen gerechten Krieg gegen Ungläubige zu führen oder was auch immer. Und Trotz, dass sich niemand unterkriegen lassen soll. „Wenn das so weitergeht und ich am Ende morgen auch nochmal absagen muss – dann komm ich Donnerstag wieder.“

Also nicht nur ein Schutzmechanismus, sondern auch Trotz. Wieder stand Paris im Fokus der Terroristen und eine Konzerthalle, wo sich nach dem Bekennerschreiben der IS „Götzendiener“ träfen. Dass sie sich den Abend des Freundschaftsspiels zwischen Deutschland und Frankreich ausgesucht haben, zeigt, dass sie uns alle treffen wollten. Uns? Unwillkürlich habe ich dieses Wort verwendet. Doch so, wie mir Anfang des Jahres das „Je suis Charlie“ im Hals steckenblieb, kann ich jetzt auch nicht „Je suis Paris“ teilen – weil ich nicht in dieser Situation war, weil ich es, wie gesagt, nicht wirklich mitfühlen kann, obwohl ich mitfühle. Ja, natürlich ist das einfach eine Art der Solidaritätsbekundung, aber das sollte jeder auf die Art machen, mit der er sich wohlfühlt. Umgekehrt ist mir auch schon in einem Forum angedeutet worden, ich sei ein Heuchler, der mit dem Mitleidsstrom schwimmt, weil es gerade „in“ ist. Solche Diskussionen, wie sie gerade online geführt werden, machen mich genauso fassungslos wie Oliver Kalkofe. Das ist der Opfer einfach nicht würdig.

Beten kann ich auch nicht für Paris, denn ich bete nicht. Ich kann Joann Sfar, den Karikaturisten von Charlie Hebdo, sehr gut verstehen mit seiner Botschaft. Bei allem Respekt vor dem ehrlichen Glauben mancher meiner Freunde, ich frage mich manchmal auch, ob die Welt ohne Religion als (vorgebliche) Begründung für Kriege besser dran wäre. Auf der anderen Seite geben Gebete vielen Menschen Kraft, um solch schwere Zeiten durchzustehen, und jede enthält eine Friedensbotschaft. Es gibt eben keine einfachen Antworten auf der Welt, wenigstens nicht auf die entscheidenden Fragen. Auch wenn die, die sie scheinbar liefern, gerade wieder populär werden. Auch wenn ich sie mir manchmal selbst wünschen würde. Aber da muss ich halt durch.

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