Pfeif auf Grenzen! Von Religion bis Buchgenres

In der vergangenen Woche war ich bei einer syrischen Familie zum Tee eingeladen. Sie kommen aus einem kleinen Ort mit 1500 Einwohnern. Nur hundert davon sind Christen, aber die ganze Dorfgemeinschaft feiert zusammen Weihnachten, einfach als Gelegenheit, friedlich zusammenzukommen und Freundschaften zu schließen. Das finde ich wunderbar. Denn unabhängig von Religion ist das ja die Botschaft von Weihnachten. „Hört das Lied, das nie verklingt in einer Welt voll Leid, das allen Herzen Liebe bringt – denn es ist Weihnachtszeit“, lautet der letzte Refrain des Liedes, mit dem mein Chor jedes seiner Adventskonzerte beendet. Dazu kann eigentlich jeder Amen sagen.

Das Gespräch war übrigens Teil der Vorbereitungen für ein Fotoprojekt mit dem Mehrgenerationenhaus. „Flüchtling? Mensch!“ wird voraussichtlich im Februar zu sehen sein, dann berichte ich noch mehr darüber. Mir verschafft es jedenfalls einige herzliche Begegnungen.

Das Foto ist das einzige von Straßenkater „Tom“, das ich besitze. Er hat mir, als ich klein war, viel über Katzen und allgemein Respekt vor Tieren beigebracht und ist meine Inspiration für die Geschichte.

Eigentlich wollte ich über andere Grenzen schreiben. Genregrenzen, um genau zu sein. Gestern Abend habe ich gerade mein aktuelles Romanprojekt beendet (zumindest die erste Fassung, die jetzt von meinen Testlesern und später vom Lektorat zerpflückt wird). Nächstes Jahr erscheint „Neun Leben“ als E-Book in der „Vier Pfoten“-Reihe des Arunya-Verlags. So haben statt Marilyn Manson und Ozzy Osbourne gestern Cats und der Wildcat-Blues meine „Juchhu, ich bin fertig!“-Party dominiert. Es sterben auch erheblich weniger Leute als in meinem Erstling, ob nun zwei- oder vierbeinig. Für alle, die nach „No Pflock“ nach einer Fortsetzung insbesondere über Ravics Hintergrund gefragt haben, könnte das eine Überraschung, vielleicht sogar eine Enttäuschung sein. Selbst mein Erzählstil ist anders, wenn ich das Leben im Jahreskreislauf einer Straße aus der Sicht einer Katze beschreibe.

Dabei haben viele, die mich nicht zu persönlich kennen und nicht wissen, welches Genre mein Bücherregal dominiert (nach der jüngsten Zählung rund 170 Bücher zu 53 im zweitgrößten Genre, „Klassiker“), einen Schock erlebt, als ich nach zwei Sachbüchern und unzähligen Zeitungsartikeln einen Fantasy-Roman rausgehauen habe. Sogar an meinem klaren Verstand haben ein paar gezweifelt. Ob ich nicht unter einem Pseudonym schreiben wolle, haben mir Freunde vorgeschlagen, denen ich diese Anekdoten erzählt habe. Aber ganz ehrlich? Das hört sich für mich fast so an, als müsste ich mich schämen. Den seriösen Journalisten und Lektor trennen von dem zwielichtigen Autor. Sollte ich jemals anfangen, Pornos zu schreiben, denke ich da vielleicht nochmal drüber nach. Ansonsten ist das nur ein anderer Aspekt von meiner Persönlichkeit, mit dem ich mich voll identifiziere, und auch meinen Namen.

Ein Argument, das sich nicht leicht beiseiteschieben lässt in der Pseudonym-Diskussion (abgesehen von der Gefahr, bei bestimmten kontroversen Themen angefeindet zu werden), ist die Frage von Erwartungshaltung von Lesern und dem Aufbau einer Fangemeinde. Die Rückmeldungen für „No Pflock“ sind vielversprechend und es ist ja nicht etwa so, dass ich ein Exposé für die komplette (und blutige) Vorgeschichte meines mysteriösen ältesten Vampirs auf der Festplatte hätte (sagte sie und pfiff so unschuldig, dass sie sogar ihre Abneigung gegen Adverbien ignorierte). J.K. Rowling hat wahrscheinlich gut daran getan, ihre Krimi-Reihe unter Pseudonym zu veröffentlichen, wenn auch die Enthüllung desselben den Verkaufszahlen kaum geschadet haben dürften.

Aber ich habe nicht Harry Potter geschrieben und werde nicht von der ganzen Welt mit einer einzigen Franchise in Verbindung gebracht. Für Selfpublisher ist es wahrscheinlich wichtiger, sich in einem Genre zu etablieren und erst einmal dort eine Fanbase aufzubauen. Da ich jedoch den Weg des Verlagsautors gewählt habe (vor allem aus zeitlichen, finanziellen und nervlichen Gründen), ist es genau umgedreht: Meine großartige Agentin fordert mich auf, mich nicht in meinem „Wohlfühlgenre“ blutiger Vampirromane häuslich einzurichten, sondern meine Fühler in viele Richtungen auszustrecken. Gerade am Anfang. Alle Autoren, die ich im Sommer auf der World Con über die Herausforderungen des Genre-Hoppings diskutieren hörte, waren Verlagsautoren. Aber das Argument, dass der Leser intelligent genug ist und es auch mal aushält, wenn sein Lieblingsautor sich in einem anderen Bereich ausprobiert, hat mir gefallen. Statt ein einzelnes Genre zu vermarken, vermarkteten sich diese erfolgreichen Schreiberlinge als Person mit ihrem individuellen Stil, unabhängig vom Thema. So bringen sie Fans vielleicht sogar dazu, neue Genres auszuprobieren.

Ich habe einst Journalistik studiert, weil ich mich nicht für ein einziges Fach entscheiden konnte. Mich interessierte zu vieles. Und auch wenn ich meine Vampire immer noch am liebsten habe (ist ja nicht so, dass ich schon über 200 Normseiten eines neuen, No-Pflock-unabhängigen Projekts auf der Festplatte hätte, obwohl andere Deadlines drängen, tututu), bin ich meiner Agentin sehr dankbar für ihre Denkanstöße. So wird es voraussichtlich von mir in 2018 einen Katzenroman geben, einen Regionalkrimi und eine längere Liebesgeschichte in einer Anthologie. Auf der Liste der zu vermittelnden Romane stehen, fertig geplant, ein weiterer Krimi, eine Romanze (Tatsache!), eine Scifi-Trilogie, ein historischer Roman und eine Jugendfantasy. Natürlich fühle ich mich nicht in allen Genres gleich sicher. Natürlich mache ich mir Sorgen, ob ich den Fans des jeweiligen Genres etwas originelles bieten kann, das zugleich ihre Erwartungen erfüllt. Aber wenn die Welt schon groß und vielseitig ist, ist das Universum der Fantasie eine unendliche Spielwiese. Und ich freue mich, darauf herumzutollen.

Frohe Weihnachten und ein spannendes, kreatives und vielleicht sogar etwas friedlicheres (man hofft immer) neues Jahr!

Und wen es interessiert: Hier der bisherige Soundtrack zu meinem Katzen-Projekt

– Wer kennt das noch? https://www.youtube.com/watch?v=H1QEHE5fl3U
https://www.youtube.com/watch?v=jBupII3LH_Q
– ein Klassiker der Programmmusik: https://www.youtube.com/watch?v=qjracXGTtDU
– Ein bisschen Cats: https://www.youtube.com/watch?v=vcSQl5zXlxw und, passend zum eigenwilligen Charakter: https://www.youtube.com/watch?v=ywFbpDjpZno
– Das Lied habe ich erst kennengelernt, nachdem ich mich bereits für den Buchtitel entschieden hatte: https://www.youtube.com/watch?v=bFhYJEOI0L4
– Natürlich liest bein Protagonist nicht, aber die mentale Verfassung passt: https://www.youtube.com/watch?v=JKlSVNxLB-A
– Trigger-Warning: Es ist Let it go (für manche Eltern so schlimm wie Last Christmas, mittlerweile), aber in einer Metal-Variante. https://www.youtube.com/watch?v=so49WpSj9bo
– Und weil ich nicht ganz ohne düstere Hintergrundthemen auskomme: https://www.youtube.com/watch?v=fHIiWQLhfp4 Aber keine Angst, nicht umsonst habe ich dieses optimistische Todeslied gewählt.

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