Schreiben ist Medizin oder: Hurra, mein Buch ist fertig

Stilecht stoße ich mit einem Eichstätt-Schnapsbecher auf das Buchende an

Ich hab lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreiben soll. Weil es mir schwer fällt, zuzugeben, wenn es mir mal nicht so gut geht. Aber die Alternative wäre, den Blog Woche um Woche verwaisen zu lassen. Und da der (sogenannte) Kinderfilm „Alles steht Kopf“ gerade so anschaulich gemacht hat, dass wir nicht immer die Sonnenscheinchen sein müssen, möchte ich über das schreiben, was mich in diesen Wochen so beschäftigt – und was mich rettet.

Was ich nämlich in meinem ersten Blogeintrag des Jahres so lapidar als Hexenschuss bezeichnet habe, hat sich leider als ausgewachsener Bandscheibenvorfall entpuppt, auch genannt: „Was? In Ihrem Alter?“ Nach drei Monaten erfolglosen Therapieversuchen muss jetzt wahrscheinlich doch operiert werden. Ich habe also viele Tage auf meinem Sofa verbracht und mit Schmerzen, kann momentan zwar jede Bewegung ausführen, aber nie sehr lange, mehr als eine halbe Stunde am Stück in aufrechter Position ist purer Stress für den ganzen Körper. Das ist sehr frustrierend und an manchen Tagen bleibe ich einfach gleich liegen und kann mich zu gar nichts aufraffen, weil es mir sinnlos erscheint. Existenzängste, dass mir sowas im zweiten Jahr meiner Selbständigkeit passiert, wo man doch nach der alten Formel drei Jahre braucht, um sich zu etablieren, kommen noch dazu. Gleichzeitig schelte ich mich dafür, so rumzujammern (und wenn auch meistens nur vor mir selbst – hoffe ich), weil es anderen Menschen viel schlechter geht. 

Zum Glück halten diese Depri-Attacken nicht zu lange an. Und selbst, wenn sie da sind, kann ich immer noch eines tun: schreiben. Gerade erst hat sich Harald Martenstein im „Zeit Magazin“ geoutet, solch „dunkle Stunden“ zu kennen, und sagt über das Schreiben als das einzige Verlässliche: „Es gibt diese eine Zone, in der du dich gut auszukennen glaubst, in der du dein Leben im Griff hast und wo dir nicht mal die Angst etwas anhaben kann. Wenn ich glaube, etwas Gutes geschrieben zu haben, bin ich eine Stunde lang zufrieden, richtig zufrieden“. Sein letzter Satz ist: „Und dann geht alles wieder von vorne los.“ So schlimm ist es bei mir nicht, aber es sind wirklich immer die gleichen destuktiven Gedanken, die sich in den Kopf zurückschleichen, sobald ich nicht aufpasse.

„Schreiben ist Hühnersuppe für die Seele“ ist ein anderer Spruch, den ich sehr mag. Wenn ich in der Überschrift Schreiben als Medizin bezeichne, meine ich gar nicht mal das „expressive Schreiben“ als Heilmethode aus der Verhaltenstherapie. Davon hab ich keine Ahnung. Und ich weiß auch nicht, ob ich meine jetzige Situation unbewusst in meinem Vampirroman verarbeitet habe. Der war eigentlich von Vorneherein so blutig geplant, um sich von gewissen Romantasies abzugrenzen. Zum einen habe ich so viel geschrieben, weil das im Gegensatz zum Arbeiten am Computer super im Liegen funktioniert (ja, ich meine tatsächlich handschriftlich!). Zum anderen konnte ich vollkommen in meiner Geschichte verschwinden, mir keine Sorgen mehr machen um Andrea, sondern nur um Martin und wie er mit seiner neuen Daseinsforn klarkommt.

Zu hübsch darf das Notizbuch gar nicht sein, sonst traue ich mich nicht, reinzuschreiben

Sehr nützlich war mir dabei mal wieder das Schreibnacht-Forum, vor allem meine lieben „Anonymen Chatter“, mit denen ich mich über die Charaktere austauschen und sie weiter vertiefen konnte. Die schwerste Phase war jetzt das Abtippen, weil ich dafür wieder aufrecht stehen musste, aber es stand ja niemand mit der Stoppuhr hinter mir. Gestern Abend habe ich endlich die letzte Zeile ins Dokument eingegeben (und ganz schnell drei Sicherheitskopien gemacht). Dann die Stereoanlage angemacht und mit meinem selbst zusammengestellten Soundtrack zum Buch gefeiert (im „Abspann“ läuft für mich „Fugitive“ von David Gray – macht euch Gedanken!). Nur das Tänzchen fiel aus.

Ist das Eskapismus? Und wenn? Manchmal hab ich das Gefühl, dieser Eskapismus ist das Einzige, was mich davon abhält, durchzudrehen. Wenn meine Realität momentan daraus besteht, rumzuliegen und auf Arzttermine zu warten, dann flüchte ich doch lieber in meine Fantasiewelt. Und komme gestärkt und gut gelaunt und energiegeladen daraus zurück. „No Pflock“ mag zwar fertig sein (was es noch gar nicht ist, das Urteil der Testleser und das Lektorat stehen ja noch aus), aber drei weitere Projekte scharren schon mit den Hufen …

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