Schreibnacht – der richtige Tritt in den Hintern für Autoren

Ja, ich weiß, nach meinem letzten Beitrag erwarten regelmäßige Leser meines Blogs (nebenbei: danke und schön, dass ihr wieder reinschaut!), dass ich mein Versprechen einlöse und über die Veranstaltung im Nationalpark berichte, wie sich Landwirte/Schaf-/Alpaka-/Pferde-/Rinderzüchter gegen Wölfe schützen können. Aber keine Angst, das Thema Wolf wird uns noch lange beschäftigen. Ich bin momentan nämlich voll im Schreibfieber, und „Schuld“ daran ist die #Schreibnacht. Wie ich dieses Thema für meinen Blog-Titel „Grenzverkehr“ zurechtbiege? Nun, Grenzen überschreite ich bei der Schreibnacht auf jeden Fall, wenn auch eher der inneren Art: meine Leistungsgrenze oder die Grenze, die der innere Schweinehund mir setzt. Ja, das ist etwas weit hergeholt, aber verklagt mich doch! Über schöne Sachen kann man auch mal Schönes schreiben.

Der Feind: der Schweinehund!

Natürlich entdecke ich alles wieder zu spät: Passend zur 19. Schreibnacht bin ich eingestiegen, habe am Freitag das Jubiläum zum 20. mitgemacht und gestern Abend dann den kleinen Ableger, den „Schreibabend“, der sich nur darin unterscheidet, dass er früher anfängt, früher endet und keinen Stargast hat. Jennifer Jäger hat sich das Ganze ausgedacht und ist dafür jetzt sogar schon in der Süddeutschen portraitiert worden: Weil sie in der Schule für ihr Hobby Bücherschreiben ausgelacht wurde (wat sind das für Leute?), hat sie sich Verbündete online gesucht. Jeder sitzt an seinem Rechner, arbeitet an seinem persönlichen Projekt, aber im Forum, auf Facebook und bei Twitter (Platz 5 Freitagnacht – deutschlandweit!) stacheln sie sich gegenseitig an: Wie viele Wörter schafft ihr in der Stunde? Habt ihr euer Ziel erreicht? Man kann an den lustigen Spielchen teilnehmen – „Baue die Zahl 20 (wegen Jubiläum) in deinen Text ein!“ -, den Special Guest des Abends (Autor, Verleger, Lektor) mit Fragen löchern oder sich vom Chat so ablenken lassen, dass man auf einmal gar nicht mehr arbeitet.

Ich bin überhaupt keine Nachteule. Ich bin zwar auch kein Frühaufsteher, aber meine größte Leistungsfähigkeit entspricht in der Regel der wissenschaftlich errechneten Kurve: Wenn ich vormittags konzentriert dransitze, schaffe ich am Tag am meisten, abends ist irgendwann Schicht im Schacht, und um zwei Uhr morgens, wenn in der Politik oft die wichtigsten Entscheidungen fallen, liege ich gerne im Bett. Da kommen mir vielleicht die besten kreativen Ideen (und dann ist immer die Frage: Aufstehen und notieren oder sich drauf verlassen, dass man es morgens noch weiß?), aber systematisches Arbeiten? Nee.

An meine erste Schreibnacht bin ich also mit der Einstellung drangegangen, dass ich eh nicht lange durchhalten werde. Eine Kanne Schwarztee, Schokolade – alles schön und gut, aber ich kenn mich doch. Das Ergebnis: Um halb vier Uhr morgens war ich eine der letzten, die aufhörten, und lag danach noch eine Stunde wach, zu sehr mit Adrenalin vollgepumpt, als dass ich hätte schlafen können. Gut, ich schob es auf das Thema – der Protagonist eines Romanprojekts musste seinen ersten Kampf auf Leben und Tod bestreiten. Am Freitag – und gestern Abend – arbeitete ich an einem Sachbuch, einer Anekdotensammlung über Schwedt zwischen 1945 und 1990, die im September zum Jubiläum erscheinen soll. Notizen, historische Daten, durchaus lustig, aber nichts, was einen mit sich reißt. Und es passierte wieder: Ich schrieb wie im Fieber und kam richtig gut voran.

Was passiert da? Brauche ich wirklich den Wettbewerb, um mich zu Höchstleistungen anzustacheln? Ich denke, es hat mehr mit Motivation als mit Konkurrenz zu tun. Wenn sie von Jungautoren um Tipps gebeten werden, sagen viele berühmte Schriftsteller vor allem eins: Schreib! Bring die Ideen aufs Papier, die dir im Kopf rumspuken! Hab keine Angst vor dem leeren Papier/Bildschirm: „Sit your ass down and write!“ Seit ich selbständig bin, muss ich mich allein motivieren, und das ist nicht immer leicht, so sehr ich meine Arbeit auch liebe. Gleichzeitig bin ich sehr skeptisch und möchte nicht zu viel von meinen Ideen in die Welt hinausblasen aus Angst, dass mir einer die Idee stiehlt (wie mal eine Zeitschrift, von der ich dachte, dass gerade sie junge JournalistINNEN unterstützen würde, zwar meinen Artikel nicht annahm, aber ein paar Fakten daraus für einen eigenen klaute).

Aber das Schönste an der Schreibnacht ist: Es gibt keine Trolle. Das findet man online wirklich selten, dort, wo sich (scheinbar) anonym jeder auskotzen kann. Ich will auch nicht mehr Kontrolle, aber das heißt nicht, dass ich Lust habe, mich auch noch in meiner Freizeit von Wildfremden bloßstellen und runterziehen zu lassen. Aber in der Schreibnacht-Gruppe sind mir bislang tatsächlich nur hilfsbereite und freundliche Menschen begegnet, die sich gegenseitig Mut machen, das gemeinsame Hobby – oder sogar den gemeinsamen Beruf – zu meistern.

Deshalb hab ich mich auch an der schönen Videoaktion beteiligt, um der Schreibnacht danke zu sagen. Einen Zusammenschnitt wird das Team noch online stellen. Allerdings hab ich jetzt auch ein bisschen Angst: Je berühmter die Schreibnacht wird, desto größer die Gefahr, dass sich doch ein paar Trolle einschleichen.Aber ich denke, wenn wir sie nicht füttern und die Stimmung weiter so konstruktiv bleibt, werden sie sich nicht wohl fühlen und wieder gehen.

2 Kommentare zu „Schreibnacht – der richtige Tritt in den Hintern für Autoren“

  1. Hey – that's me!! 🙂 Zum ersten Mal in deinem Blog und gleich in Verbindung mit den Worten "Feind" und "Schweinehund"…. I'm thrilled! 😉 Klingt schön, deine Schreibnacht.

  2. Tolle Idee, Andrea, wenngleich Probleme mit der "Nacht" habe. Für mich wäre ein "früher Schreibmorgen" ideal, so ab 3 bis 10 oder so. Aber als extremer Frühaufsteher hab ich da wohl keine Chance – und zudem noch Facebook-Verweigerer.
    Aber ich kenne solche kreativen Anwandlungen von gemeinsamen Schreibseminaren. Es ist unglaublich, welche Energie da herrscht.

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