Asyl mit Rollstuhl

Ein Asylbewerber springt aus dem Fenster, ein anderer arbeitet schwarz, der Dritte wird zusammengeschlagen – Deutsch können sie nach Jahren immer noch nicht. Solche Geschichten habe ich auf einer x-beliebigen Pakbank gehört, als ich mich nur mal getraut habe, mit der Gruppe dort ins Gespräch zu kommen.

Es gehört zu den traurigen Tatsachen, dass langandauernde humanitäre Katastrophen schnell von „aktuelleren“ Konflikten aus den Medien vertrieben werden. Eine Tagesschau ist nur eine Viertelstunde lang, der überregionale Nachrichtenteil einer Zeitung umfasst nur soundsoviel Seiten – und solange keine Deutschen betroffen sind, gilt der Nachrichtenwert als gering. Eine Studie kommt schon 2007 zu dem Ergebnis, dass Nachrichten unpolitischer werden, amüsieren wollen und Service bieten – und Themen aus der sogenannten Dritten Welt am ehesten durch das Raster fallen.

Der Bürgerkrieg in Syrien beispielsweise ist von der Ukraine fast völlig verdrängt worden. Er kommt nur dann zur Sprache, wenn es um die konkreten Auswirkungen auf Deutschland geht: Die Angst, dass radikale Kämpfer, die nach Deutschland zurückkehren, hier Anschläge verüben könnten, und die Frage, wie viele Flüchtlinge man aufnehmen kann und will. Mit dem Slogan „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt“ sind die Rechten in den Europawahlkampf gezogen. Nur leicht abgewandelt war das auch auf den Plakaten der AfD zu lesen und wurde in der letzten heißen Phase sogar von der Kanzlerin angedeutet (da sie ja klare Worte meist scheut). Was hier auf andere EU-Mitglieder gemünzt war, zeigt aber schon durch die Wortwahl „Weltsozialamt“, dass es sich gegen alle richtet: eine Mauer um Europa/Deutschland und Ruhe! An das Einzelschicksal denken sie nicht, wollen sie nicht denken. Wer sich, wie einer meiner Lieblings-Autoren Neil Gaiman, vor Ort in einem Flüchtlingslager umsieht, kann angesichts dieser egoistischen Abschottung nur brechen!

Nicht nur die Flüchtlingszahlen aus Syrien sind extrem gestiegen. 2013, schreibt Pro Asyl unter Berufung auf das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, sind 63.000 mehr Menschen aus dem Sudan nach Europa geflohen als im Jahr zuvor. Sudan? Was war da? Der Beginn des Dafur-Konflikts wird mit 2003 benannt, aber ich weiß von meinem Praktikum bei Zeit-Online aus 2004, dass das Morden schon sehr viel länger anhält. Ich kann nicht behaupten, alle Hintergründe begriffen zu haben. Ich möchte nur von meiner Begegnung mit Asylanten aus dem Sudan erzählen. Ich habe sie nicht in der Uckermark getroffen, aber in einer ländlichen Gegend. Das ist das einzige, was ich aus Personenschutz-Gründen dazu sage.

Die Männer auf der Bank wollen ein bisschen Deutsch üben. Ehe ich es mich versehe, sitze ich mittendrin, und im Laufe des Gesprächs wechseln wir ins Englische, weil die Themen zu kompliziert wurden, um sie in der weniger geübten Fremdsprache auszudrücken. Viele der Asylbewerber leben schon seit Jahren in einem deutschen Flüchtlingsheim. Doch solange ihr offizieller Status nicht geklärt ist, gibt es auch keinen Anspruch auf einen Integrationskurs. In Ostprignitz-Ruppin versucht eine Bürgerinitiative, diesem Missstand abzuhelfen, aber das gibt es eben leider nicht überall. Der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung ist auf dem Land oft schwierig, wo Menschen mit einer anderen Hautfarbe noch eine Seltenheit sind.

Umso mehr schütten die Männer mir nach und nach ihr Herz aus. Einer trägt seltsame Narben im Gesicht und erzählt mir, wie er eines Abends einer Gruppe Neonazis begegnete. Er drehte sich um, um davonzulaufen – „und das ist das letzte, woran ich mich erinnere“. Er wachte erst drei Tage später im Krankenhaus auf. Trotzdem ist gerade er es, der „die Deutschen“ gegenüber seinen Freunden verteidigt. Er ist dafür, die Menschen differenziert zu betrachten. Kaum weniger erschreckend ist die Geschichte des Manns im Rollstuhl. Einmal stand die Polizei im Asylbewerberheim vor seiner Tür, um eine Kontrolle zu machen. Weil im Sudan der Umgang mit „Gesetzeshütern“ Folter und Tod bedeuten kann, sprang er in Panik aus dem Fenster – aus dem dritten Stock. Seither ist er querschnittsgelähmt. In Wladimir Kaminers „Russendisko“ging eine ähnliche Geschichte gut aus, weil ein Wahlplakat der Republikaner als rettender Halt diente. Als ich den Asylbewerber im Rollstuhl sehe, kann ich plötzlich nicht mehr so leicht darüber lachen. Ein dritter Sudan-Flüchtling gibt zu, schwarz zu arbeiten. Er hat eine deutsche Freundin und das Gefühl, dass selbst sie keinen Respekt vor ihm hat, weil er in einem Heim wohnt und auf Unterstützung angewiesen ist. „Was bin ich für ein Mann, wenn ich nicht mein eigenes Geld verdiene?“, sagt er, das Gesicht voll verletztem Stolz und Trotz.

Ja, sobald man das Einzelschicksal kennt, wird es immer schwieriger, allgemeine Regeln aufzustellen. Wie das die Angestellten der zuständigen Behörden nur aushalten?

1 Kommentar zu „Asyl mit Rollstuhl“

  1. Zum Glück gibt es zahlreiche Positivbeispiele, wo Bevölkerung nicht wartet, bis der Status von Flüchtlingen offiziell geklärt ist. Sondern sich engagiert, Integration erleichtert und Ängste nimmt. Im kleinen Weinbach-Blessenbach (Kreis Limburg-Weilburg) gibt es z. B. eine Gruppe um den engagierten Ortsvorsteher Georg Ehm, die "ihre" zugeteilten Flüchtlinge zur Begegnung mit der Bevölkerung einlädt, sie von ihren Schicksalen erzählen lässt, Verständnis herstellt und praktische Hilfen anbietet: Alle erhalten Fahrräder, Paten helfen bei Behördengängen etc. Die Betroffenen sind dankbar, helfen fleißig mit bei der Aufräum-Aktion "Sauberes Dorf".
    In Villmar-Langhecke nimmt die Familie Stockmann Flüchtlinge in ihrem Gasthaus auf und organisiert Begegnungen, wie z. B. eine gemeinsame Weihnachtsfeier mit der rührigen Kirchengemeinde.
    Und in Weilburg-Odersbach bilden engagierte Einwohner eine Steuerungsgruppe zur Erleichterung der Integration afrikanischer Asylsuchender. Die angehende Lehrerin Elena Städler bietet zusätzlich zu den offiziellen Sprachkursen den 22 Interessierten (darunter auch Kinder) ergänzend ein freiwilliges Sprachtraining zweimal die Woche à drei Stunden an, nimmt selbst noch "Hausaufgaben" (Fragen) mit, bereitet so die Stunden vor, hilft auch beim Übersetzen oder Ausfüllen von Schriftstücken. Kirchenvorstand Jan Kramer hat den Muslimen und Christen dafür Räumlichkeiten der Christuskirche zur Verfügung gestellt. Die Dorfgemeinschaft profitiert, weil sich alle immer besser miteinander verständigen können.
    Die Stadt Weilburg (offiziell ein "Ort der Vielfalt und Toleranz") hat sich ein Integrationskonzept vorgenommen, das jetzt diskutiert, der Öffentlichkeit vorgestellt und unter Beteiligung vieler gesellschaftlicher Gruppen und ehrenamtlich Engagierter umgesetzt werden soll. Sie nutzt seit drei Jahren ein Programm der Bundesregierung: "Toleranz fördern – Kompetenzen stärken" und wirkt dabei bis tief in alle sozialen Schichten. Die Schulen haben sich längst den Aufgaben gestellt…Es geht doch.
    Jürgen Weil

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