Mein Chamsa gegen den Krieg

Manche Schwedter können sich noch an die Nacht vom 18. April 1945 erinnern, als der  Kirchturm in Flammen stand, die Spitze in sich zusammensackte und auf ein Haus stürzte. In diesen Tagen wurden 85 Prozent der Innenstadt zerstört. Die Tabakstadt lag strategisch günstig für die sowjetische Armee auf dem Weg nach Berlin. Einen Wikipedia-Eintrag über den Kampf um den Schwedter Brückenkopf gibt es übrigens nur auf Englisch. 7000 Menschen flohen aus Schwedt, mit Handwagen und einem Kännchen Zuckerrübensirup, das wertvollste, da kalorienhaltigste, Nahrungsmittel. Zu Fuß ging es bis nach Mecklenburg-Vorpommern.

Nein, ich kann mir nicht vorstellen, wie Krieg ist. Und wie viele Menschen 1939 oder 1914 kann ich mir nicht vorstellen, dass der Krieg hier zu uns kommen kann. Aber angesichts der Krisen und Kriege, die uns momentan umzingeln, und der Rolle, die Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur dabei spielt, kann ich nicht mehr mit der gleichen Inbrunst der Überzeugung wie als Jugendliche sagen: Zwischen EU, Russland und USA wird es nie wieder solche großen Konflikte geben. Die wären ja dumm!

Es gibt nur so viel Konflikt, den man in eine Viertelstunde Tagesschau packen kann, und die Ukraine ist näher an Deutschland dran. Deshalb ist es um Israel und den Gaza-Streifen in diesen Tagen gerade wieder etwas ruhiger geworden. Trotzdem geht mir das heute Morgen nicht aus dem Kopf, schließlich hat die deutsche Geschichte die Bildung eines jüdischen Staates einst vorangetrieben. Ich kann  kaum anfangen zu verstehen, welche Gefühle der Nahostkonflikt bei Menschen auslöst, die unmittelbar oder deren Verwandten unmittelbar davon betroffen sind. Ich kann kein  vorschnelles Urteil darüber abgeben, wer im Recht oder Unrecht ist.

Aber ich bin froh, dass ein Reporter vom Handelsblatt meinen Eindruck bestätigt, den ich selbst im Gespräch mit jungen Journalisten aus Israel gewonnen habe: Viele aus der Nachwuchsgeneration möchten einfach nur Frieden. Sie beharren nicht auf alten Grenzen und Landrechten, die von den politischen Gegebenheiten her einfach nicht mehr umzusetzen sind, scheren sich nicht um Religion und Rachegelüste. Doch offenbar ist diese Gruppe noch nicht stark und laut genug, um die alte Riege zu beeindrucken.

Im Mai 2013 hat die besagte Gruppe von Journalisten aus Israel Schwedt besucht und die Ausstellung am jüdischen Ritualbad besichtigt. Obwohl ihre Verwandten teilweise unter dem Nazi-Regime gelitten hatten, besaßen sie genug Abstand und Verstand um zu sagen: Es muss weitergehen. Sie bewunderten die Bereitschaft der Schwedter, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und sie nicht zu verschweigen.

Vielleicht ist dazu tatsächlich erst die Generation in der Lage, die den Krieg nicht mehr selbst erlebt hat und auch nicht seine unmittelbaren Folgen. Dass Zeitzeugen langsam aussterben, ist einerseits traurig, weil ihr Wissen und ihre Erfahrung verloren geht. Auf der anderen Seite schadet es manchen Diskussionen nicht, wenn man persönliche Gefühle außen vor lassen kann – dann hört auch diese menschenverachtende Aufrechnung auf, wie viele Menschen im KZ starben und wie viele in Dresden oder auf der Vertreibung. Jeder einzelne Tote ist zu viel!

In der Ausstellung über jüdisches Leben in Schwedt kamen wir auf das Thema jüdische Symbole. Und weil ich leider gerade einen solchen Schlüsselanhänger verloren hatte, den mir ein Freund aus New York mitgebracht hatte, fragte ich nach der Hand mit dem Auge. Das, wurde ich von den Israelis aufgeklärt, sei ein Glückssymbol, das im ganzen arabischen Raum verwendet werde, unabhängig von der Religion. Und am Ende des Interviews schenkten sie mir einen neuen Schlüsselanhänger, mit einem hebräischen Reisesegen auf der Rückseite.

Ich trage ihn seither immer bei mir. Weil er mir Hoffnung gibt, dass wir alle miteinander friedlich leben können. Besonders jetzt, wo es nach dem Gegenteil aussieht.

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