Journalisten, die verkappten Schriftsteller

Ich wollte eigentlich mal meine Diplomarbeit über dieses Thema verfassen: die Verknüpfung von Journalismus und Schriftstellerei. Zahlreiche Journalisten, die ich kenne, haben ein unveröffentlichtes Buchmanuskript in der Schublade. Ganz verschämt. Viele geben es ungern zu, vor allem, wenn es sich um einen Roman handelt. Die Grenze zur Fiktion zu überschreiten, da tun sich Journalisten schwer, die ja in der Ausbildung solche Begriffe wie Objektivität, Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit eingebleut bekommen haben (oder eingebleut bekommen sollten). Dabei sind viele Regeln des guten Schreibens überall die gleichen.

Eine Recherche, die sich zu einem Sachbuch auswächst, ja, das ist anerkannt. Aber Schriftsteller? Das ist ein Traum, wie ihn Kinder haben. 2013 haben deutsche Verlage laut Börsenverein des Buchhandels 81.919 Titel in Erstauflage herausgebracht, Tendenz steigend. Auf der Frankfurter Buchmesse brechen nur deshalb die Tische nicht zusammen, weil das E-Book auf dem Vormarsch ist. Dabei leben nur zehn Prozent der Autoren hauptberuflich vom Schreiben, so eine Schätzung. Lohnt es sich da überhaupt, in dieses Haifischbecken einzutauchen? Ist das, was ich mir erdacht habe, wirklich so innovativ, spannend und neu, dass es die Welt unbedingt braucht?

Nun, ich werde es ausprobieren. Gerade hat mich eine Literaturagentur unter Vertrag genommen und versucht nun, mein Erstlingswerk an den Verlag zu bringen. Eine Werwolf-Geschichte, die sich an den neusten Stand der Wolfsforschung hält, statt alte Klischees vom Monster oder Natur-Symbol fortzuschreiben. Mehr wird noch nicht verraten, bis ein Lektor mal was dazu gesagt hat.

Genau genommen ist dieses Manuskript nicht das erste Buch, das ich geschrieben habe. Und damit meine ich gar nicht meine Diplomarbeit (letztlich doch ein anderes Thema), die als Buch erschienen ist. Im zarten Alter von elf habe ich „Metzi, das Miststück“ an einen Verlag geschickt, grandiose dreizehn Seiten inklusive eigenhändige Zeichnungen von der frechen Katze namens Metzi. Alles in allem war mein Stil sehr beeinflusst von den Büchern, die ich damals las, aber ich war wahnsinnig stolz auf mein Werk.

Und dann kam die Absage. Aber was für eine! Eine großartige Lektorin hat sich hingesetzt und sich viele Gedanken gemacht, einen Brief an ein Kind zu formulieren, ohne es völlig zu entmutigen. Ich besitze diesen wunderbaren Brief noch heute. „Wir haben Dein Manuskript in unserem Lektorat mit Interesse gelesen und uns gefreut, wie nett du erzählen kannst“, begann sie. Und erklärte dann, dass die Herstellung eines Buchs viele tausend Mark kostet und man deshalb hohe Ansprüche stellen muss, die mein Buch leider nicht erfülle. „Aber sicher hat Dir das Schreiben Deiner Geschichte sehr viel Spaß gemacht, und das ist doch auch schon etwas sehr Schönes.“

Damit reiht sich diese Dame ein neben Tante Gretchen, die mir mein erstes Tagebuch schenkte, und Herrn Pötz, mein Lehrer, der mir erst die Buchstaben beibrachte und dann meine erste Erzählung, bestehend aus drei Sätzen, im Schulflur ausstellte. Sie alle haben meine Liebe zum Schreiben gefördert und mir Mut gemacht, dass es Menschen gibt, die tatsächlich lesen wollen, was ich fabriziere. Denn deshalb bleiben so viele gute Geschichten ungelesen: Weil sich die Autoren nicht trauen, sie aufzuschreiben – oder sie aus der Schublade zu lassen. „Schreib!“, lautet die erste von acht Regeln, die der erfolgreiche Fantasy-Schriftsteller Neil Gaiman aufgestellt hat. Also, worauf wartet ihr noch? Ich fang schon mal an!

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