So viel Aufregung um einen Bart

Als Journalist soll man ja immer auf dem Laufenden sein, am „Puls der Zeit“, ob’s einen persönlich interessiert oder nicht. Aber ehrlich gesagt, halte ich das nicht dauerhaft durch, dem Zeitgeist zu folgen (wenn es ihn geben sollte, eigentlich glaube ich nicht an Geister). Und so habe ich den Eurovision Song Contest weitgehend ignoriert. Ich kann mich aus den vergangenen Jahren an wenige Gesichter und noch weniger Lieder erinnern, und selbst von denen (den Liedern) hat mir keines wirklich gefallen.

Heute morgen wollte ich jedoch meiner Informationspflicht, die ich auch mir selbst gegenüber habe, Genüge tun und habe mir ein paar Nachrichten durchgelesen, Videos geschaut – und zu meinem eigenen Erstaunen festgestellt, dass mir der Gewinnertitel „Rise like a Phoenix“ aus Österreich tatsächlich gefällt. Es hat einen Text, den viele nachvollziehen können: die Chance, zu wachsen und sich nicht von den Beleidigungen anderer beeindrucken zu lassen. Emotional, mit Stil, gute Stimme, und auch wenn der James-Bond-Style nicht neu ist, ich persönlich mag ihn.

Aber das ist ja gar nicht der Punkt, nicht wahr? Das hieße ja, bem Eurovision Song Contest ginge es wirklich um Musik. Wenn jeder Punkt für Russland mit Buh-Rufen begleitet wird, zeigt das deutlicher als je zuvor, welch große Rolle die Politik spielt. Und eine Drag-Queen als Siegerin zu wählen, ist ein Schlag ins Gesicht von Putin und seiner Anti-Schwulen-Kampagne. Das weiß Conchita Wurst alias Tom Neuwith auch, wenn sie bei der Siegerehrung sagt, dass sie den Sieg allen widmet, die an eine Zukunft in Freiheit und Frieden glauben.

Und dass ihr Auftritt bei Youtube fast genauso viele Negativ- wie Positivbewertungen erntet, zeigt, dass auch außerhalb von Russland viele Menschen nach wie vor nicht mit dem Thema Homosexualität, Transsexualität und anderen Formen umgehen können, die sich nicht klar in Mann oder Frau einteilen lassen oder einteilen lassen wollen. Man lese nur mal die Kommentare! Klar war ich auch im ersten Moment von dem Bart etwas abgeschreckt, erinnert er bei allem Glamour an die Bärtige Lady in einer alten Freakshow. Conchita Wurst ist bei Weitem nicht die erste Kunstfigur: Georg Preuße hat schon vor Jahrzenten als „Mary“ Erfolge gefeiert und eine der schönsten deutschen Übersetzungen von „My Way“ gesungen, die ich kenne. Doch bei ihm war die Illussion fast perfekt. Tom Neuwith durchbricht sie mit Absicht. Wenn wir uns dabei unwohl fühlen, ist das ein guter Selbsttest um sich zu fragen: Warum ist das so? Bin ich wirklich so tolerant, wie ich glaube?

Wer übrigens meint, Männer, die sich wie Frauen kleiden und/oder als Frauen fühlen, seien unnatürlich und ein Zeichen dekadenter Gesellschaft, dem empfehle ich die Lektüre von Tahca Ushte. Der Medizinmann der Sioux gibt darin einen Einblick in das wahre Leben amerikanischer Ureinwohner jenseits von Hollywood. Es ist nicht nur lehrreich, sondern auch unglaublich lustig, denn „Lame Deer“ hat einen tollen Humor. An einer Stelle beschreibt der 2001 verstorbene Medizinmann die „Winkte“, in denen sowohl die Seele eines Mannes als auch die einer Frau wohnt. Sie trugen meist Frauenkleidung und nannten sich „Schwestern“. Die Sioux schrieben ihnen besondere Kräfte zu: Dem Kind, das in einer Zeremonie von einer „Winkte“ seinen Namen erhielt, sollte besonderes Glück und ein langes Leben beschieden sein. Die Intoleranz kam erst mit dem Christentum.

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