Viertel was?

Treffen sich zwei Studenten. „Wie spät ist es?“, fragt der eine.
„Mittwoch“, sagt der andere.
„Keine Details! Sommer- oder Wintersemester?“

Tja, das waren noch Zeiten beim Journalistik-Studium im gemütlichen Bayern…

Heute kommt mein Blog schon am Dienstag. Warum? Weil es um die preußische Pünktlichkeit geht. Sie ist eine der Tugenden, die gerne den Deutschen im Allgemeinen zugeschrieben wird – aber die mir erst hier im Preußenland so richtig aufgefallen ist. Seltsam eigentlich, wo das deutsche Bild im Ausland ansonsten hauptsächlich bayerisch geprägt ist.

Wer hat’s erfunden? Friedrich Wilhelm I., Vater des „Alten Fritz“ gilt als Begründer der preußischen Tugenden, wozu offenbar, wie Reinhard Mey singt, auch das „Kinder-Köpfen“ gehört. (Der Herrscher ließ nämlich 1730 den besten Freund seines Sohnes vor dessen Augen hinrichten, nachdem die beiden einen Fluchtversuch nach Frankreich gewagt hatten. Der 18-jährige Friedrich wollte sich dem strengen Vater entziehen. Der legte das als Fahnenflucht aus und ließ sich nur mühsam davon abbringen, seinen Thronfolger gleich mitzuköpfen.) Der „Soldatenkönig“ übernahm 1713 einen völlig verschuldeten Staat, reformierte ihn mit Disziplin und Sparsamkeit und baute die gefürchtete preußische Armee auf.

Noch heute loben Firmen in der ganzen Welt die deutschen Tugenden, nur weil sich tatsächlich mal an einen vereinbarten Terminplan gehalten wird. Hierzulande macht man sich lieber über die Eigenschaften lustig, die nicht zuletzt durch die Nazizeit in Verruf geraten sind. Nicht zu Unrecht.

Natürlich ist die Geschichte vom faulen DiMiDo-Student genauso ein Vorurteil und nicht allgemein anwendbar. Aber die „akademische Viertelstunde“ habe ich kennen und schätzen gelernt, tatsächlich fiel es mir schwer, pünktlich zu dem einzigen Kurs zu kommen, der um 8 Uhr „sharp“ begann. Als ich in Hessen bei der Lokalzeitung arbeitete, war das normal, dass die Leute beim Spatenstich oder Altennachmittag noch mal fünf Minuten auf „die Presse“ warteten, weil man wusste, dass die immer in Eile ist und von einem anderen Termin angerast kommt.

Nicht so in Brandenburgs Osten! Der Reporter, der hier zu spät kommt, hat schon die wichtigste Rede verpasst und wird beim Eintreten mit verächtlichen Blicken gestraft. Und zu spät heißt hier: „sharp“. Genau! Die preußische Pünktlichkeit ist nämlich nicht pünktlich. Man kommt einfach zu früh. Wahrscheinlich haben die alle kein bisschen Zeitgefühl und gehen lieber auf Nummer sicher. Jede Veranstaltung beginnt grundsätzlich zwei bis fünf Minuten vor der angegebenen Zeit. Und wenn es nur um einen verkaufsoffenen Sonntag beim Möbelladen geht – da stehen die Leute so lange Schlange, bis die Verkäufer kapitulieren und zehn Minuten früher öffnen. Oder haben die alle Atomuhren und sind schlauer als mein Smartphone, meine Armbanduhr und meine digitale Anzeige im Auto zusammen? Ich hab sicherheitshalberalle meine Uhren auf Preußenzeit eingestellt. Schließlich will ich nicht das Vorurteil stärken, Nicht-Preußen seien un-tugendhaft.

So sehr Bayern und Preußen selbst noch mit alten Feindschaften und Klischees spielen, ausgerechnet eines haben sie gemeinsam: die verwirrende Zeitansage. „Viertel Zwölf“ ist mir zuletzt in Eichstätt begegnet. Da fragt sich der Hesse: Viertel VOR Zwölf oder Viertel NACH Zwölf? Keins von beidem! Es ist das erste Viertel der zwölften Stunde, also 11.15 Uhr. Wenn das mal nicht preußisch korrekt gerechnet ist, liebe Bayern!

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