Stuntfrau schlägt Makler nieder

Jaja, lasst mir mal den Spaß einer irreführenden Überschrift – die Aufklärung kommt noch. Heute geht’s um eine Grenzüberschreitung, die ich nicht selbst erlebt, sondern nur hautnah dokumentiert habe: Meine Freundin Moni hat sich den Spaß gemacht, im Filmpark Babelsberg an einem Stuntman-Workshop teilzunehmen. Ich bin mir sehr sicher, dass das eine Grenzerfahrung ist, die ich selbst nie teilen werde. Ich bin Realist: So unsportlich, wie ich bin, würde ich mir schon bei der ersten einfachen Übung was zerren, brechen oder im besten Fall schlicht außer Atem kommen und umfallen. Deshalb war ich sehr zufrieden damit, den ganzen Tag neue Funktionen an meiner geliebten neuen Kamera auszutesten. Auch wenn es mich am Ende ziemlich gejuckt hat, mich auch mal an das Dach eines fahrenden Autos zu klammern.

Moni dagegen hat schon einiges an Kampferfahrung. Schließlich betreibt sie seit Jahren mit ihrem Mann Schaukampf. So haben wir uns überhaupt kennengelernt: Ich ging die Straße entlang, als plötzlich vor mir ein Mann mit einem Degen – ach, Entschuldigung: einem Rapier – aus einer Garageneinfahrt sprang. So hatte sie wenig Probleme mit den Faust- und Stockkämpfen in dem Wochenendkurs.

Größere Überwindung, verriet sie mir später, kostete es sie, auf den schmalen Leitern der Kulisse im „Vulkan“ herumzuklettern, auch wenn natürlich niemand von ihnen verlangte, aus 20 Metern runterzufallen, wie es in der Stuntshow geschieht.

100 Euro pro Meter Fall bekommt ein Profi übrigens, wenn er an einem Filmset ist. Es ist sehr faszinierend, Christoph, Martin und Co zuzuhören, wenn sie von ihrer Arbeit erzählen. Wehtun gehöre einfach dazu, je gefährlicher ein Stunt, desto höher das Honorar. Es wundert mich nicht, dass in diesem Jahr nahezu alle Action-Film-Fans feuchte Augen bekamen angesichts der unglaublich gut gemachten praktischen Effekte von „Mad Max Fury Road„, vor allem, weil wir lange Zeit mit miesen Computeranimationen zugedröhnt wurden. Aber jetzt, wo ich die Stuntleute mal so genau beobachten konnte, mache ich mir doch ein wenig Sorgen, ob wir mit unserem Wunsch nach realistischer Gewalt in Filmen nicht zu viele Menschen in reale Gefahr bringen.


Aber die Stuntleute nehmen das natürlich recht gelassen. Erstens sind sie gut trainiert („Die Show ist unser Training. Nach einer Dreiviertelstunde davon bist du körperlich total am Ende.“).

Zweitens gibt es genaue Absprachen und Sicherheitsvorkehrungen, die sie auch in ihrem Workshop weitergeben. „Hartsein ist Kinderkram. Draufgänger können wir nicht gebrauchen“, sagt Martin. Sind das nicht zwei großartige Sätze? Nur, wer einen kühlen Kopf bewahrt und sich an die Regeln hält, kann im Team mitspielen.

Drittens ist aber jedem klar, dass früher oder später irgendwas passieren wird. Jeder, der im Vulkan arbeitet, habe einmal eine ernsthafte Verletzung gehabt, meist direkt am Anfang seiner Karriere. „Das lehrt Respekt.“ Damit ist kein gebrochener Zeh gemeint oder ein Muskelriss, sondern etwas, das Monate und Monate an Reha benötigt. Wer danach wiederkommt, der bleibt dabei – und hat künftig mehr Respekt vor den Risiken.

Die Kursteilnehmer sind umso mehr von der Show beeindruckt, für die an beiden Tagen die Fortbildung unterbrochen werden muss – gerade weil sie am eigenen Leib erleben, wie schwer es ist, alles zu choreografieren. Am Samstag geht eine Stuntfrau wirklich K.O., weil sie zu früh in den Schlag ihres ca. 50 Kilo schwereren Kollegen reinrennt. Aber das Publikum bekommt das gar nicht groß mit. Die Laien überstehen dank guter Betreuung das Wochenende ohne Verletzungen, obwohl sie noch mehr Fehler machen.

Am Ende bekommt jeder eine Urkunde, ein (auf Wunsch alkoholfreies) Bier und später einen Kurzfilm, den sie am Sonntagnachmittag selbst gedreht haben. Und natürlich einen Muskelkater, blaue Flecken und einen Haufen toller Erinnerungen, die ihnen niemand nehmen kann.

Selbst ich, der ja nichts anderes getan hat, als die schönste Perspektive zu suchen, um die Action einzufangen, bin immer noch beeindruckt. Ach ja, und nach ein paar Insiderstorys noch ein Stück weiter desillussioniert, was das deutsche Fernsehen betrifft. Nicht, dass ich viel erwartet hätte, was den Realitätsgehalt von Reality-Shows betrifft, aber das ist schon ein starkes Stück: Stuntleute sieht der durchschnittliche Zuschauer öfter, als er denkt. Wenn nämlich die angeblich echten Fälle von „Mieten, Kaufen, Wohnen“ zu langweilig sind, springt dann mal eine Stuntfrau ein, die in einem „Wutanfall“ den Makler in die Badewanne schubsen darf. Hoffentlich hat sie dem vorher beigebracht, wie man richtig fällt.

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