Werbeoffensive für Jesus

Alle Jahre wieder gibt es in Schwedt eine Großoffensive des Christlichen Plakatdienstes: In einer Stadt, in der 87,5 Prozent der Bevölkerung (Stand 2012) nicht den beiden großen christlichen Kirchen angehören – und die meisten davon einfach konfessionslos sind – tauchen plötzlich Plakate mit erbaulichen Bibelzitaten auf. Meinen die echt, sie können damit jemanden bekehren? „Zu suchen und zu erretten, was verloren ist“ – sind damit die ganzen Heiden aus der Ex-DDR gemeint?

Als mir meine Eltern beim Umzug in die Uckermark halfen, sorgte meine Mutter für einen guten Lacher, als sie am Samstagabend beim Plausch mit einer Kellnerin meinte, wir könnten ja sonntags die Deckenlampen in die Platte hämmern, wenn eh alle im Gottesdienst seien. Die Brandenburgerin machte ein völlig verblüfftes Gesicht, wie jemand nur auf so eine Idee kommen könnte. Im gut katholischen Villmar habe ich mir schon Sprüche anhören müssen, wenn ich am heiligen Sonntag mein Motorrad wusch. Erst jetzt im Osten fällt mir auf, mit wie viel christlichem Hintergrund ich aufgewachsen bin: katholischer Kindergarten (damals der einzige in Villmar), Kindergottesdienst (in der evangelischen Nachbargemeinde), Konfirmation, katholische Universität.

In Eichstätt versuchte eine Nachbarin, mich mit Marienbildchen zum katholischen Glauben zu bekehren und erwies sich dabei als hartnäckiger als alle Zeugen Jehovas. Der Vater eines Mitbewohners schmetterte mir, wenn er mich am Telefon erwischte, ein „Gott liebt Sie, Andrea, Sie müssen ihn auch lieben“ entgegen. Kurz: Ich kam mir manchmal wirklich wie eine Ungläubige vor, bis ich im Osten meinesgleichen gefunden habe.

Meinesgleichen? Das ist nicht korrekt. Denn vielen Schwedtern fehlt der christliche Hintergrund komplett. Karl Marx bezeichnete die Religion einst als „Opium des Volkes“ (nicht „für das Volk“) prangerte damit an, sie sei nur dazu da, um das Elend des Proletariats zu rechtfertigen. Unter dem DDR-Regime entwickelten sich die Kirchen zu Widerstandsnestern. Kein Wunder: Wer in der Kirche war, war meist nicht bei den Pionieren und damit Außenseiter, er durfte nicht alles studieren, manchmal nicht mal Abitur machen. So erzählen es mir alte Schwedter, die unter dem christenfeindlichen Klima litten. Keine Ideologie sollte dem Kommunismus Konkurrenz machen.

Das hat Folgen bis heute. Aber auch im Westen geht’s der Kirche nicht gut. Missbrauchsskandale und teure Bausünden sorgen dort für Massenaustritte (8000 Menschen haben allein 2013 Tebartz-van Elst‘ Diözese Limburg den Rücken gekehrt – fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Im Artikel stehen 80 Prozent mehr, aber da kann ein Kollege nicht ganz rechnen.) und wirken sich im Osten auf alle Konfessionen aus. „Die Leute machen keinen Unterschied zwischen evangelisch und katholisch“, sagte mir ein Mitglied des evangelischen Kreiskirchenrats Uckermark. „Die sagen nur: Was macht dieser Bischof für einen Blödsinn, ich gehe!“ Wohlgemerkt – das sind jetzt schon die  Christen, die es eigentlich wissen müssten.

Heißt es automatisch, dass unsere Gesellschaft verfällt, wenn Leute nicht in die Kirche gehen? Das würde ich so nicht unterschreiben. Aber ich bedaure es nicht, den christlichen Hintergrund zu haben. Ich mache mir gerne Gedanken über die Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und Islam (lieber als über die Unterschiede), die Vorstellung von einem Gott hat Architekten, Musiker, Künstler, Autoren und Philosophen über Jahrtausende hinweg inspiriert und beflügelt, ob sie sich an den Kirchen gerieben haben oder nicht. In Filmen und Büchern gibt es so viele Anspielungen an Bibelgeschichten, die jemand ohne jede Kenntnis davon gar nicht mitbekommt. Kirchliche Einrichtungen übernehmen zahlreiche gesellschaftliche Aufgaben und helfen denen, die es am nötigsten haben. Gottesdienste und Gemeinden geben Menschen Halt und Zusammenhalt. „Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden“, da stimme ich Voltaire zu.

Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es Gott gibt. Aber ich halte es für möglich. Früher dachte ich mal, ich müsste für mich genau festlegen, wie mein Glaube oder Nichtglaube aussieht. Das sehe ich mittlerweile gelassener. Für mich ist frei nach der Theorie des Konstruktivismus (noch ein -ismus, aber was soll’s. Den Link müsst ihr nicht lesen. Es ist echt kompliziert.) die Religion nur eine andere Art, die Welt zu sehen, als die der Wissenschaft: Wenn die Wissenschaft etwas beweist, dann nur im Rahmen der Wissenschaft. Und ein Gläubiger sieht jeden Tag den „Beweis“ für die Existenz Gottes. Ich habe einen Bekannten, der sagt: „Wenn ich höre, jemand ist gläubig, ziehe ich zehn Punkte von seinem IQ ab.“ In der Diskussion mit ihm bin ich der größte Verteidiger der Religion. Wenn jemand die Bibel zu wörtlich nimmt, habe ich alle Argumente dagegen parat. Wer sich seiner Wahrheit zu sicher ist, wird schnell intolerant, und daraus entstehen so viele schreckliche Konflikte, werden Menschen verletzt und ausgegrenzt.

So, das ist also die nicht sehr spektakuläre Enthüllung meiner eigenen religiösen Agenda. Und wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt – glaub mir nicht.

P.S. Übrigens ist der Verein, der diese Plakate aufstellt, nicht mit dem seit über 60 Jahren existierenden Christlichen Plakatdienst Hamburg zu verwechseln. Diesen hier gibt es erst seit 2003 und wird von religionskritischen Internet-Seiten wie Psiram beobachtet. Beim Namen des Vorsitzenden Erhard von der Mark frage ich mich, ob das ein Pseudonym ist. Oder ist der echt ein Nachfahre des „Kardinals von Boullion“ (das Herzogtum, nicht die Suppe) aus dem 16. Jahrhundert?

1 Kommentar zu „Werbeoffensive für Jesus“

  1. Das hier mag ich:

    "Bist du gläubig?"
    "Nein. Das heißt, ja. (…) Ich glaube an Vivaldi. An Vivaldi, an Bach, an Händel. Sie sind die eigentlichen Götter. Der andere, der Alte, ist nur ein Vorwand. Das ist übrigens meiner Meinung nach das einzig Gute an ihm: daß er stark genug war, um sie alle zu solchen Meisterwerken zu inspirieren."

    zitiert aus "Zusammen ist man weniger allein" von Anna Gavalda, S. 247

    …passt zum 6. Absatz… 🙂

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