Wolf-Hype, Wolfsangst und eine Spurensuche

Ein Quadfahrer macht am Mittwochmittag an einem Feld bei Casekow eine Pinkelpause. Er zieht sich hinter einen Hügel zurück. Als er irgendwann aufsieht, steht oben auf der Kuppe ein Tier, das einem Wolf ziemlich ähnlich sieht, und beobachtet ihn. Der Mann ist geistesgegenwärtig: Er bleibt ruhig, geht langsam zu seinem Quad und zieht sein Smartphone heraus, um eine Videoaufnahme zu machen. Danach fährt er postwendend zum Nationalpark Unteres Odertal und zeigt die Bilder Dirk Treichel, dem hiesigen Wolfsbeauftragten.

Körperbau, Farbe Proportionen, das sieht alles ziemlich wölfisch aus, urteilt der – nur der Kopf scheint etwas zu hell. Und weil wir am Nachmittag sowieso einen Interviewtermin haben zum Thema Wolf, ruft er mich an und fragt, ob ich mit auf Spurensuche gehen mag. Nichts lieber als das! Ich bin 2006 bis in den Yellowstone geflogen, um endlich Wölfe in freier Natur zu sehen. Ein Wolf, nur 22 Kilometer vor Schwedt, das wäre für mich ein Traum.

Um es gleich zu sagen: Nein, die Spuren sind nicht eindeutig. Durch redaktionelle Kürzungen ist leider in dem Artikel, der von mir in der Zeitung darüber erschien, der Eindruck entstanden, es sei alles doch recht deutlich. Aber letztlich gibt es auch Hunde, die sehr wölfisch aussehen können, wie der Tschechoslowakische Wolfshund:

Diesen hier hab ich 2010 im Wolfcenter Dörverden fotografiert, wo er als Gast-Babysitter den Wolfswelpen Manieren beibrachte. Ich glaube, ohne den direkten Vergleich würde es mir auch schwer fallen, die spontan auseinander zu halten.

Aber die Spurensuche ist wirklich spannend. In zwei Stunden kann ein Wolf zwar ziemlich weit laufen (sie schaffen in einer Nacht zwischen 50 und 100 Kilometern, wenn sie’s drauf anlegen), aber nach der Beschreibung schien er ja nicht gerade auf der Flucht zu sein. Als ich also über besagten Hügel klettere, entdecke ich erst mal ein totes Wildschwein – oder was davon übrig war. Nein, kein Wolf oder Hund hat es gerissen. Dirk Treichel, selbst Jäger, erkennt sofort, dass es jemand erschossen und professionell ausgenommen hat. Dass die Decke und der Kopf einfach so liegengelassen wurden, ist in Deutschland übrigens verboten. Interessant jedoch: Die Schnauze ist frisch angefressen. Das allerdings, weiß der Nationalparkleiter, können auch die anderen Schwarzkittel gewesen sein, immerhin sind die Allesfresser. Denn Wildschweinspuren finden wir einige zwischen Rapsfeld und der Fundstelle. „Aber das würde erklären, warum der mögliche Wolf nicht gleich weggelaufen ist – er wollte sein Futter nicht zurücklassen.“

Durch das hohe Gras am Wegesrand ziehen sich Schneisen. Es liegen einige Federn herum. Abgebissen, nicht ausgerissen, wie es ein Raubvogel tun würde, sagt Treichel und zeigt mir die Schäfte. Jedes Mal, wenn ich den Kopf hebe, ist da das leise Herzklopfen: Steht er jetzt da? Liegt er da zwischen den Gräsern und beobachtet dich, unsichtbar und nur wenige Meter entfernt? Herzklopfen ja, aber nicht aus Angst, nur aus Vorfreude. Dass das anderen Menschen nicht so geht, wenn sie daran denken, dass sich ein Wolf in ihrer Gegend herumtreibt, weiß ich gut. Und dass man die Angst nicht einfach abtun darf, egal, welch großer Wolf-Fan man ist. Ich habe schreckliche Angst vor Spinnen und das ändert sich auch nicht dadurch, dass man mir tausendmal erzählt, dass sie harmlos sind. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, so viel Aufklärung wie möglich zu betreiben. Vielleicht schaffen wir es eines Tages, das Rotkäppchen-Image loszuwerden.

Wölfe sind die echten Grenzgänger: Zwar galten sie rund 100 Jahre in Deutschland als ausgestorben, aber schon seit Anfang der 90er schwimmen Tiere von der polnischen Seite aus dem Zehdener Landschaftspark über die Oder, um dem Unteren Odertal eine Stippvisite abzustatten, sagt Treichel. Angesiedelt haben sie sich aber zuerst in der sächsischen Lausitz, auf Truppenübungsplätzen und im Braunkohleanbaugebiet – weit entfernt von der romantischen wilden Wildnis, als deren Symbol der Wolf gern verklärt wird. Der Wolf ist unglaublich anpassungsfähig, deshalb war er einst ja auch auf der ganzen Welt verbreitet, bis wir angefangen haben, ihn auszurotten.

Und dann der frische Pfotenabdruck!

Neun Zentimeter lang, das ist etwas klein für einen Wolf, der im Vergleich zum Körper riesige Patschepfoten hat. Zwischen den Blättern des Rapses ist es schwer, eine zusammenhängende Spur zu finden und wir können sie nicht lange genug verfolgen um zu sagen: Verläuft sie wolfstypisch schnurgeradeaus und kraftsparend statt in verspielten Wellenlinien, wie sich ein Hund bewegen würde? An einer anderen Stelle findet Treichel noch eine passende zweite Spur, verwaschen und mindestens zwei Tage alt. Treibt sich der Wolf also schon länger herum oder ist es doch ein Dorfhund, der regelmäßig stiften geht?

Die Spuren sind nicht eindeutig. Aber Wölfe wandern durchs Untere Odertal, das ist schon seit Jahren klar. Im Biosphärenreservat Schorfheide werden gerade immer mehr Tiere beobachtet. Wenn sich dort ein Rudel ansiedelt, könnte es sein, dass die sich regelmäßig mit der polnischen Population austauschen.

Für Aufregung hat in der Uckermark gerade der Fall von einer Jagdhündin aus Steinhöfel gesorgt, die auf dem Grundstück ihres Besitzers von einem Wolf attackiert wurde. Der Förster sprang spontan nackt aus dem Fenster und vertrieb den Wolf. Roland Ueckermann liebt seinen Hund sicher sehr, aber er behält meiner Meinung nach einen bewundernswert kühlen Kopf und stimmt nicht in irgendwelche Hasstiraden oder Angstmachereien ein. Aber er hat recht, wenn er sagt: Der Wolf muss Respekt vor dem Menschen haben. Im Yellowstone beschießen die Ranger Wölfe, die meist wegen Anfütterung durch Touristen zu zutraulich werden, mit Gummigeschossen.

Ein Wolf ist kein Kuscheltier (auch wenn ich mich sehr gefreut hab, mal welche streicheln zu können – 15 Wochen alt!).

Natürlich muss man vorsichtig sein, wie bei einem Wildschwein, bei einem fremden Hund, bei jedem (Wild-)Tier. Aber die gefühlte Gefährlichkeit des Wolfs steht in keinerlei Verhältnis zu seiner tatsächlichen, wie Elli Radinger ganz großartig in „Wolfsangriffe – Fakt oder Fiktion?“ analysiert. Kinder können beruhigt weiter im Wald spielen, wenn sie sich mal von den Playstations losreißen können. Warum also ruft ausgerechnet der Wolf so extreme positive und negative Emotionen hervor? Dirk Treichel ist überzeugt, dass dabei auch das Verhältnis zum Nachfahre Hund als ältestes Haustier eine Rolle spielt. „Der Wolf war Gefährte und Konkurrent. Er ist sehr sozial und anpassungsfähig wie der Mensch – so hat sich über Jahrhunderte eine Hassliebe entwickelt.“

Wer Natur rein nach Nützlichkeit betrachtet, der kann dem Wolf wahrscheinlich wenig abgewinnen. Er macht es nötig, Vieherden zu schützen (wofür es übrigens EU-Förderungen gibt) – so, wie es Züchter jahrhundertelang tun mussten. In Rumänien, wo der Wolf nie weg war, regt sich keiner über Nachtpferche und Herdenschutzhunde auf. Und wenn sich Wölfe ein paar Wildschweine vornehmen, würde es auch nicht schaden. Ich halte mich von der Philosophie her an Albert Schweitzer: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ – mit welchem Recht teilen wir ein, wer bei uns leben darf und wer nicht?

Allerdings hilft es nicht, dass Medien, selbst wenn sie nicht reißerisch berichten, doch den Begriff „Wiederansiedelung“ missverständlich verwenden. Biologen nutzen ihn anders als der Normalbürger – letzterer denkt sofort, jemand gibt Geld aus und betreibt Aufwand, um die Wölfe bewusst hierherzukarren und anzusiedeln. Und regt sich über die Geldverschwendung auf. Nein. Sie kommen von allein, weil sie sich wohlfühlen.

Und ich sage wie der Nabu: Willkommen. Und wenn man mal einem Wolf gegenübersteht wie (vielleicht) der Quad-Fahrer in Casekow, macht man’s genau wie er: Selbstbewusst und entspannt stehen – ich bin nicht dein Beuteschema! Keine hektischen Bewegungen, den Wolf ruhig ansprechen und ihm sagen, er soll Leine ziehen. Langsam Rückzug antreten. Und in meinem Fall: Breit grinsen, ein Foto machen und auf den Wolken der Glückseligkeit davonschweben.

P.S. vom 30. Januar 2015: Eine genauere Auswertung des Handymaterials hat ergeben, dass es höchstwahrscheinlich kein Wolf war. Schon auf dem kleinen Bildschirm kam Dirk Treichel der Kopf zu hell vor, auf dem großen dann hat er auch noch Unstimmigkeiten im Körperbau gefunden. Schade!

P.S. vom 12.4.2015: Aus aktuellem Anlass: Hier eine etwas ausführlichere Anleitung, was zu tun ist, wenn man einem Wolf begegnet. 

1 Kommentar zu „Wolf-Hype, Wolfsangst und eine Spurensuche“

  1. >> "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." – mit welchem Recht teilen wir ein, wer bei uns leben darf und wer nicht? <<

    Genau das sollten sich viele mal zu Herzen nehmen. Ich für meinen Teil würde mich freuen, wenn es wieder einen Wolf bei uns gäbe (insb. in meinem Heimatdorf). Wildschweine halte ich für viel unberechenbarer und gefährlicher als Wölfe, die ja nur sehr selten den Weg eines Menschen kreuzen.

    Deshalb: Finger's crossed!

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