Alles wie immer und doch ganz anders

Mein Leben und mein Alltag gehen fast völlig normal weiter. Während rundum das ganze Land über Ausgangssperren und Zugangsbegrenzung in Supermärkten nachdenkt, um die Corona/Covid19-Pandemie endlich in den Griff zu kriegen, mache ich das, was ich immer mache: Ich arbeite an meinem Schreibtisch, gehe eine Runde im Wald oder am Fluss spazieren, koche mir was, whatsappe mit meinen Schreibnacht-Freundinnen, schaue Videos, schreibe. Wann hab ich eigentlich angefangen, „Social Distancing“ dauerhaft zu leben? Das ist der Gedanke, der mich momentan vielleicht am meisten abfuckt, auf gut Neudeutsch.

Das und die Ängste. Vorletzte Nacht lag ich auf dem Sofa, auf das ich mich manchmal in meiner Schlafstörung zurückziehe, um den Freund nicht zu wecken, wenn ich am Handy spiele. Auf einmal hatte ich die Vorstellung, dass wir doch schwach werden, mal schnell bei unseren Eltern vorbeischauen, denn wir haben ja keine Symptome, nicht mal einen Corona-Verdacht. Und dann sterben sie wegen uns. Ich lag da wie erstarrt, konnte nicht mal weinen. Nachts sind alle Ängste größer. Aber die Gefahr ist real. Vor ein paar Wochen noch hielt ich Corona für eine andere Art von Grippe. Mittlerweile kann ich es nicht mehr hören, wenn Leute online kommentieren, das sei doch alles nur Angstmacherei. Menschen sterben, wenn wir nicht vorsichtig sind. Es gibt dazu sehr eindringliche und zugleich lustige Videos von Comedylegende Mel Brooks, Reinhard Mey, Stephen Colbert mit Anzug in seiner Badewanne und vielen mehr.

Manchmal heitern mich solche Beiträge auf, manchmal werden sie mir zu viel. Genauso wie die fieberhaften Aktionen aller Kulturschaffenden und Autor*innen-Freund*innen, rundum Werbung für ihre Bücher zu machen, für ihre Kleinverlage, fürs #Bücherhamstern. Online-Lesungen für Daheimgebliebene, insbesondere mit Kindern, schießen aus dem Boden, ebenso Wohnzimmer-Konzerte. Mit dem Selfpublisher-Verband und dem VfLL haben nach dem Ausfall der Leipziger Buchmesse unsere Podiumsdiskussionen zu Lektoratsthemen auf Zoom verlegt. Es lief richtig gut, wertschätzend und interessant, nur leider sind sich die Organisatoren immer noch nicht einig, wer wann die Aufzeichnungen online stellt.

All das ist ungemein wichtig, ich liebe diese Solidarität. Und ich hätte total Lust auf eine Online-Lesung, nachdem natürlich auch die erste aus meinem Herzensprojekt „Menschenwolf“ in meiner alten Heimat abgesagt wurde. Aber ich finde gerade kaum Kraft dafür, den Alltag zu meistern. Erläuft fast wie immer, und das ist keine schöne Erkenntnis: Ich bin in meiner neuen Heimat Grimma noch immer nicht so angekommen, wie ich es von mir kenne, weil ich nach wie vor mit depressiven Episoden zu kämpfen habe und die wahrscheinlich immer damit werde kämpfen müssen.

An dem Tag, an dem ich erfuhr, dass meine Lesung und die Freienfelser Ritterspiele abgesagt wurden, weinte ich von drei Uhr nachmittags bis abends um acht, bis endlich der Freund von der Arbeit kam, mich in den Arm nahm und ablenken konnte. Ich weinte darüber, dass die Gefährdung meiner Existenz als Selbständige, als Lektorin und Autorin nicht mal mit Corona zu tun hat, sondern damit, dass ich es seit Monaten nicht schaffe, mein Arbeitspensum zu erhöhen. Dass mich Kleinigkeiten gleich aus der Bahn werfen. Dass ich mich nicht mehr „quälen“ kann, nicht mehr Feuerwehr spielen, nicht mehr die einfühlsame Diplomatie-Meisterin bin, die jede*n schwierige*n Kund*in zu nehmen weiß. Zumindest nicht, ohne dass die Rache meines Körpers auf dem Fuß folgt. Ich verdiene in manchen Monaten weniger als jemand mit Mindestlohn, der dafür nicht alle Versicherungen und Steuern selbst zahlen muss. Ich habe kein Geld zum Bücherhamstern. Nicht, weil mir Aufträge fehlen, sondern weil ich für alles doppelt so lange brauche wie früher, aber natürlich nicht meinen Stundenlohn noch weiter anheben kann. Ich weinte, weil mich, die vorgeblich Extrovertierte, die ich scheinbar mein Herz auf der Zunge trage, jede zwischenmenschliche Interaktion immer noch furchtbar anstrengt. Ich weinte, weil ich mich dafür hasste, in dieser schweren Zeit nicht der Fels in der Brandung und der Anker für meine Freund*innen zu sein, denen es schlimmer ergeht, die noch mehr gefährdet sind, die ihrerseits online gehen und andere aufheitern. Ich hasste meine Tränen und wollte mir meine psychische Krankheit sofort wegwünschen. Jetzt! Ausschalten. KLACK! Die ganzen alten Vorwürfe, dass ich kein Recht darauf habe, mich zu beschweren, sie sind alle wieder da. Und obwohl ich weiß, dass sie nicht helfen und alles noch schlimmer machen, kann ich mir diese Gedanken eben nicht einfach wegwünschen.

Was hilft, wenn ich in diese Abwärtsspirale aus Ängsten schlittere? Eigentlich nur Ablenkung. Mein Freund. Eine Schüssel Grißebrei, wie Mama ihn kochen würde. Badewanne. Spazierengehen, wenn ich mich dazu aufraffen kann. Mit ganz viel Social Distancing. Gerade hab ich den Friedhof entdeckt, er ist nicht weit. Ich hab Friedhöfe schon immer geliebt für ihre Ruhe und ihre Natur. Und dafür, dass mich die Namen auf den Steinen zu neuen Geschichten inspirieren. „Pippig“ ist aktuell mein liebster Fund vom Grimmaer.

Schreiben hilft. O ja, was hilft das Schreiben! Es funktioniert wieder und das ist tatsächlich der große Fortschritt im Vergleich zu der schlimmen Episode von 2018/19, die mich eine wichtige Verlags-Deadline schmeißen ließ. Mittlerweile habe ich den Nordsee-Krimi beendet und auch fertig abgetippt. Drei Testleser*innen stehen in den Startlöchern, sie haben ja jetzt mehr Zeit als sonst. Ich möchte nur noch ein paar Tage Abstand gewinnen und selbst noch einmal drübergehen, bevor ich das Manuskript an sie rausschicke. Bis dahin erlaube ich mir mein geheimes Lieblings-Vampirprojekt, das ich zwei Jahre lang im Kopf umwälzte. Ich schreibe wie diktiert, muss kaum etwas streichen, kann zwischendurch fünf Minuten an den Schreibtisch wandern, den Stift nehmen, dann wieder aufhören. Das einzige Mal, dass ich das erlebt habe, so natürlich und ohne Anstrengung zu schreiben, war bei der ersten Fassung von Menschenwolf.  Die entstand im Schulunterricht auf Schmierblättern, während ich immer rechtzeitig zum Geschehen rundum zurückschaltete, um gute mündliche Noten zu bekommen. Es ist grandios. Auch böse, düster, psychologisch und blutig, der Grund, warum ich einst über den Vergleich einer Rezensentin von „No Pflock“ zu „Game of Thrones“ lachen musste – denn das ist eindeutig das harmlosere meiner Vampiruniversen. Aber es ist mein Horror, den ich unter Kontrolle habe und auf die Seiten bannen kann. Wenn mich nachts die Ängste fressen, ist die beste Ablenkung, mir die nächsten Szenen auszumalen. Sollte ich je berühmt genug werden, um eine Autobiographie zu schreiben, werde ich sie „Vampire zum Einschlafen“ nennen.

Ja, so sieht es gerade bei mir und in mir aus. Vielleicht könnt ihr doch etwas Ermutigendes daran finden, und wenn es nur das ist, mit euren Gedanken nicht allein zu sein. Bleibt vernünftig, bleibt gesund, achtet auf euch und wir lesen uns bald wieder!

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