Meine starken Frauen – eine Verteidigung für Isa

Erst, als sich Isa ihm voll zuwandte und das sarkastische Grinsen breiter wurde, merkte Nick, dass er eine ganze Weile geschwiegen hatte. »Ich sehe älter aus, das weiß ich. Du musst nicht versuchen, höflich zu sein.« Sie drehte eine ihrer weißen Haarsträhnen um ihren Zeigefinger. »Ich mag das.«

»Steht dir auch«, rutschte es Nick heraus.

»Ich weiß.« Das Grinsen verschwand und Isa ging weiter, ohne sich umzusehen, ob er ihr folgte.

Menschenwolf, S. 47

Heute ist Internationale Frauentag, Weltfrauentag, Frauenkampftag und feministischer Kampftag, je nachdem, wie er sich am besten inklusiv formulieren lässt (#transwomenarewomen). 2016 habe ich zu diesem Anlass über meine weiblichen Vorbilder nachgedacht, 2019 die Werke von Autorinnen vorgestellt, die mich am meisten geprägt haben. Meine Freundin Frau Vorragend hat gerade eine Umfrage gemacht und eine schöne Liste von Buchtipps zusammengestellt, die ich hier verlinke. Aber meine Gedanken sind zu einem Thema gewandert, das mich jüngst beschäftigt: die Protagonistinnen meiner Bücher. Tatsächlich habe ich relativ häufig eine männliche Perspektive mit drin: in „Neun Leben, achtzehn Krallen“ spricht ein Kater, in „No Pflock“ steht das Verhältnis bei drei Perspektivfiguren 2:1 für die Männer, in einem geheimen Lieblingsprojekt grandiose 5:1, in „Menschenwolf“ 1:1. Mein Nordsee-Krimi (bei dem ich mit dem Abtippen mittlerweile beim Finale angekommen bin) ist als erstes Manuskript komplett aus der Sicht einer Frau erzählt. Oft drängen sich mir die Geschichten in dem Tonfall auf und mit dem/der Erzähler*in, und ich habe nicht vor, mich auf ein Geschlecht zu beschränken, aber die Frage, ob Mädchen in (Fantasy-)Büchern gute Vorbilder finden können, ist nicht umsonst heiß diskutiert, sitzt mir im Hinterkopf und wird mein künftiges Schreiben wahrscheinlich beeinflussen.

Doch auch wenn die Frauen bei mir momentan in der Minderheit sind, sind sie es häufig, die als Sympathieträgerinnen dienen. Alina in No Pflock (milder Spoiler hier, der Klappentext verrät es bereits) gerät unter Martins Bann, und während der sich zum Teil ziemlich an der neuen Macht berauscht, die ihm der Vampir Ravic „geschenkt“ hat, kämpft Alina mit allen Mitteln, die ihr bleiben, um sich nicht unterkriegen zu lassen und ein moralisches Gegengewicht zu bilden. Und die Vampirin Liza, die als Nebenfigur auftaucht, führt die einzige funktionierende Mensch-Vampir-Liebesbeziehung in all meinen Universen, auch wenn die erst in ihrem Spinoff näher beleuchtet wird, sollte ich den je schreiben. Interessanterweise habe ich tatsächlich von einem Leser (männlich) als Kommentar über sie gehört, dass er mit diesem „Mannsweib“ wenig anfangen konnte.

Und nun Isa, der Grund für diesen Beitrag. Ist sie eine Sympathieträgerin? Nicht unbedingt, wie verschiedene Reaktionen zeigen, die mich seit der Veröffentlichung von „Menschenwolf“ erreicht haben. Ich zitiere hier eine Fünf-Sterne-Rezension von Sandra W.: „Isa ging mir in ihrer menschlichen Gestalt teilweise auf die Nerven. […] Ich kann es nicht leiden, wenn sich Leute immer so extrem geheimnisvoll geben, rumdrucksen, und meinen, sie können mit einem umspringen wie sie wollen, wenn sie merken das [sic] jemand Interesse an ihnen hat.“ Wohlgemerkt: Ich liebe diese Rezension, ich werde garantiert nicht über fünf Sterne meckern, nur weil ich in diesem Punkt anderer Meinung bin, und ich finde, die Rezensentin hat sehr gut und nachvollziehbar erklärt, wie sie zu diesem Urteil kommt, und das ist das Wichtigste überhaupt, unabhängig, wie hoch die Bewertung ausfällt am Ende. Ich verstehe auch, was sie meint: Isa ist frustrierend, gerade weil wir sie in den ersten Kapiteln rein aus Nicks Sicht erleben, der mit ihren Launen erstmal schlecht umgehen kann, verständlicherweise, bis er lernt, was dahintersteckt. Nick ist ein lieber und einfühlsamer Mann, der sich sehr bemüht, Isas Vertrauen zu gewinnen, und nur selten die Geduld verliert. „Ich wäre ihr nie so lange hinterhergerannt“, sagte eine Bekannte. „Ich wäre an seiner Stelle vermutlich viel früher ausgetickt, wenn ich plötzlich von der Existenz von Werwölfen erfahren würde, man mir aber keine Antworten geben würde“, schreibt Bloggerin Kate. Bei ihr finde ich schön, dass sie Isas Seite mehr Raum gibt, ihrer Verschlossenheit und Angst. Und sich darauf konzentriert, dass Nick sich vor allem Antworten wünscht und Isa mit seinen Gefühlen nicht bedrängen will.

Denn obwohl Menschenwolf keine ausgewiesene Romanze ist, beschreibe ich hier erstmals die (auch romantische) Annäherung zweier Menschen und musste mir dafür Rat einholen, weil das sonst weniger mein Metier ist. Deshalb ist es wohl nicht ungewöhnlich, wenn Leserinnen es mit den Romanzen vergleichen, die sie sonst so in der Hand haben. Und da ist die Rolle oft umgekehrt: Wir folgen der Perspektive der Frau, die einem Kerl verfällt, der „schwer zu kriegen“ ist. Ich möchte jetzt gar nicht das Fass mit dem toxischen Bad Boy aufmachen, aber wie oft rennt die Frau dem Mann nach, ist verständnisvoll angesichts seiner Launen oder schmilzt dahin vor Bewunderung? In Menschenwolf drehe ich den Spieß um und Nick übernimmt diese Rolle. Isas Perspektive schleicht sich später ein und das Puzzle, warum sie sich verhält, wie sie sich verhält, setzt sich erst nach und nach zusammen, in dem Tempo, in dem sie endlich bereit ist, sich Nick zu öffnen. Er muss sich jedes einzelne Stück Information erst verdienen und wenn er etwas Falsches sagt, fliegt ihm das bei der temperamentvollen Isa auch sofort um die Ohren. Denn das ist der Punkt: Isa spielt nicht. Isa will Nick nicht quälen oder ausnutzen, sie genießt seine Zuneigung angfangs  nicht mal, sondern hat im Gegenteil eine Heidenangst davor. Aber das wird erst nachträglich klar und bis dahin mag sie als „nervig“ rüberkommen. Denn bei aller tiefsitzenden Unsicherheit und Angst ist Isa eine selbstbewusste Frau, die mit ihrer Meinung nicht zurückhält und auch nicht mit ihren Emotionen, wenn sie einmal aufgeschlossen sind.

Warum wird ein solches Verhalten eher den männlichen Protagonisten verziehen als den weiblichen? Was bei Männern als Durchsetzungsfähigkeit gilt, wirkt bei Frauen vorlaut oder bossy. Wenn Frauen emotional werden, nennen Männer sie gleich hysterisch. So hat das die Rezensentin oben sicher nicht gemeint, denn sie beschreibt Charaktereigenschaften, die sie allgemein nicht leiden kann bei Figuren (und ich liebe die Erklärung am Ende: „Auch wenn ich einen Prota nicht mag, finde ich es trotzdem gut, dass er oder sie überhaupt Gefühle in mir hervorruft, denn das heißt, er ist mir nicht egal – Ziel erreicht.“). Trotzdem erscheint es mir auffällig. Wenn Ravic den Geheimnisvollen gibt, ist er der coole Hund, der alle fasziniert. Das mag unbewusst und unterschwellig ablaufen und ich möchte niemandem was unterstellen – aber vielleicht zum Nachdenken anregen. In diesem Sinne: einen erfolgreichen feministischen Kampftag!

Wölfe im Gehege in West Yellowstone, Foto: Jürgen Weil

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