Die Touristenfalle – eine Fast-No Pflock-Geschichte

Als Vasile das Auto vor dem Schloss abgestellt hatte und durch ein Spalier von Fackeln auf die schmale Treppe zuging, die zum Eingangstor hinaufführte, staunte er selbst darüber, dass sein Magen ein wenig kribbelte. Absurd. Jeden Tag sah er das graue Gemäuer mit dem rostroten Dach, das auf dem Felsen hoch über der Stadt thronte, so oft, dass er es schon gar nicht mehr wahrnahm. Das surreale Sammelsurium runder und eckiger Türme unterschiedlichster Größen, der eine, der aussah, als habe der Architekt vergessen, die zweite Hälfte dranzusetzen, Gauben, Erker und Zinnen, zusammengehalten von Mauern, die Spuren mehr oder weniger gelungener Renovierungen zeigten. Niemand, der in Bran lebte oder arbeitete, konnte sich dieses Anblicks entziehen. Geschweige denn der Touristen, die es trotz der prominenten Lage immer wieder schafften, sich auf dem Weg dorthin zu verlaufen.

Und doch fühlte sich Vasile für einen kurzen Moment wie ein Kind zu Weihnachten. Die Flammen warfen tanzende Schatten auf den Kies, indirekte Scheinwerfer tauchten Teile der Fassade in einen goldenen Schein, der sich in den tiefhängenden Wolken widerspiegelte. Die Fensterhöhlen dagegen versanken in Dunkelheit, konnten alles bergen.

Vasile war wirklich ein Kind gewesen, als er das letzte Mal durch dieses Tor gegangen war. Mit seiner Schulklasse, noch vor dem Fall des kommunistischen Regimes. So sehr die Partei offiziell den Prunk des Adels verachtete, hatten die Genossen doch schnell erkannt, wie gut sich das Schloss vermarkten ließ. Dabei wusste jeder in Bran, dass weder Vlad III. noch Bram Stoker oder auch nur irgendeiner der berühmten Filmemacher je einen Fuß in die Stadt gesetzt hatte. Der Polizist schüttelte den Kopf über sich selbst. Genug davon! Er war wahrhaftig nicht zum Spaß hier!

Eine Schlange von Touristen wartete auf der Treppe, die grellbunten Funktionsjacken bis oben zugezogen gegen die Kühle des frühherbstlichen Abends. Stufe um Stufe rückten sie in Richtung Kasse vor. Vasile drängelte sich höflich an ihnen vorbei. Ein paar murrten, verstummten aber wieder angesichts seiner Uniform. Auch die junge Frau hinter der Glasscheibe mit den Sprechschlitzen straffte sich unwillkürlich. Sie hatte sich Haare und Fingernägel schwarz gefärbt – ein Einstellungskriterium? – und strich sich eine Strähne hinters Ohr. Angesichts eines Gesetzeshüters ging jeder im Kopf die Situation durch, ob er gerade etwas Verbotenes getan hatte. Das kannte Vasile zu Genüge, selbst in seiner Heimatstadt. Dieses Mädchen kannte er nicht, vielleicht eine Studentin, die sich in den Semesterferien ein paar Lei dazuverdiente.

Er lächelte. „Bunӑ seara. Ich möchte bitte Herrn Bӑlan sprechen. Sorin Bӑlan.“

„Ja, äh … warum …“ Sie schluckte die Frage hinunter und griff nach dem Hörer eines altmodischen Telefons, der mit einer Strippe am Gerät hing, und drückte die Nummern „666“. Eine ganze Weile geschah nichts und das Lächeln der Frau wurde immer starrer, während sie mit den Fingernägeln auf die Theke trommelte. Vasile unterdrückte seinerseits die aufsteigende Ungeduld. Arbeitete der Mann eigentlich jemals? In einem Notfall musste doch jemand den Hut aufhaben!

Die Kassiererin atmete auf. „Sorin? Hier ist Bredica von der Kasse. Hier ist jemand von der Polizei. Willst du … Klar, ich kann ihn auch einfach … Fabiu, alles klar. Danke.“ Sie legte auf. „Sor… Herr Bӑlan erwartet Sie. Einer unserer Schlossführer wird Sie im Hof abholen, man verläuft sich hier ziemlich schnell.“

„Mulţumesc.“ Vasile nickte ihr zu, schob sich an der Absperrung entlang und trat unter dem Torbogen hervor.

Der Hof war erstaunlich eng für ein Schloss dieser Größe. Von allen Seiten drängten sich Erker und Anbauten auf die Fläche und verwandelten sie in einen Zickzack-Parcours. Besucher standen um ein paar Feuerschalen herum, um sich die Hände zu wärmen. Der Rauch hing tief zwischen den Wänden, wie wohl schon vor hunderten von Jahren. Linker Hand, neben einer kaum handbreiten Rosenhecke, die sich dicht an der Mauer entlang emporwand, steckten ein paar Touristen ihre Köpfe in einen niedrigen Torbogen. Oben verlief rundum ein halboffener Wehrgang. Vasile konnte die Stimme einer Schlossführerin hören, die ihrer Gruppe gerade etwas über Schießscharten erzählte. Kein Wunder, dass dieses Schloss die Fantasie der Menschen anregte. Selbst wenn Vasile seit der Schulzeit kein Dracula mehr gelesen hatte. Er las sowieso wenig, mit Ausnahme von Zeitschriften übers Kochen.

Vasile schlängelte sich zwischen den Feuerschalen durch, verfolgt von neugierigen Blicken, und postierte sich rechts am Fuße einer breiten Treppe, über die sich ein Vordach zog, der Zugang zum Haupthaus, wenn er sich recht erinnerte.

Kurze Zeit später schwang die Tür auf und ein junger Mann in einem rotschwarzen, knielangen Gehrock, Plunderhosen und Lederstiefeln trat heraus. Unter einem Turban schauten ein paar schwarze Haarsträhnen hervor. Fast hätte Vasile gelacht. Bei so viel Liebe zum Detail hätten sie das Namensschild, das den Mann als „Fabiu“ auswies, wirklich aus etwas anderem fertigen können als Plastik.

Die Touristen drifteten erwartungsvoll näher, doch Fabiu sagte: „Einen Moment Geduld noch, bitte, Ihre Führung beginnt in einer Viertelstunde.“ Nachdem er den Satz auf Englisch wiederholt hatte, winkte er Vasile heran. „Bitte folgen Sie mir, Domnule.“

Schnell begriff Vasile, warum ihm die Kassiererin nicht einfach den Weg zum Büro erklärt hatte. Obwohl er von sich behauptete, einen guten Orientierungssinn zu besitzen, verlor er den Überblick bei den ganzen Zimmern und Sälen, die sie durchquerten, Türen, Gängen, treppauf und treppab. Vielleicht war ja genau das passiert …

In einem Raum, der durch tiefhängende Deckenbalken noch niedriger wurde, blieb Vasile kurz stehen. Vor dem riesigen Kamin lag ein Bärenfell und darin … stand ein Bett vor einer kleineren Feuerstelle, komplett mit Daunendecke und Landschaftszeichnungen darüber. Erstaunlich gemütlich für eine Burg aus dem 14. Jahrhundert, geschweige denn das angebliche Heim eines Vampirs.

Schließlich hielten sie vor einer Tür an, die Fabiu mit einem großen Schlüssel öffnete. „Dieser Teil des Schlosses ist Besuchern nicht zugänglich. Noch nicht.“

Von dem nächsten Gang zweigte ein weiterer ab, der steil nach oben führte und so schmal war, dass Vasile glaubte, er müsse mit den Schultern rechts und links an den Wänden entlangschleifen.

„Dort, Domnule, folgen Sie bitte dem Gang bis ans Ende, Sie können es gar nicht verfehlen. Entschuldigen Sie mich, ich muss nach den Gästen sehen.“

„Mulţumesc.“ Als der junge Mann hinter ihm die Tür zufallen ließ, rückten die Wände näher und drohten, Vasile die Luft aus den Lungen zu quetschen. Er atmete tief durch und ging los, natürlich war genug Platz. Hier war nichts übrig geblieben von dem ganzen Prunk. Im Abstand von fünf Schritten waren Lampen in die Decke eingelassen, deren nüchternes, weißes Licht den Rest des Ganges nur noch düsterer erscheinen ließ. Das sollte Teil der Gruselführung sein.

Vasiles Schuhe kratzten über den grauen Betonboden, etwas atemlos erklomm er die Stiege, bis er an eine Rundbogentür kam. Er klopfte und öffnete, bevor ein „Herein“ zu hören war. Er blinzelte, die Hand noch auf der Klinke.

Dutzende Kerzen strahlten in Ständern unterschiedlichster Größen, die im ganzen Raum verteilt standen. Ihre Flammen tanzten vor den geweißelten Wänden, ohne je die Decke zu erhellen. Dunkelrote, schwere Vorhänge waren zur Seite gerafft und gaben den Blick frei auf tiefe Fensternischen. An der gegenüberliegenden Wand tickte eine mehr als mannshohe Standuhr. Sonst war der Raum erstaunlich leer, so weit sich sein Ausmaß überhaupt abschätzen ließ.

Vasile machte zwei Schritte über den gepflasterten Boden und stockte wieder, als etwas in der dunklen Ecke links von der Tür knarrte. Der Umriss eines altmodischen, sechseckigen Sarges mit breiten Metallgriffen schälte sich aus dem Schatten. Wie in Zeitlupe öffnete sich der Deckel, und eine Stimme hallte durch den Saal: „Lasset alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr hier eintretet!“

Eine Gestalt erhob sich aus dem Sarg, kerzengerade, wie von Geisterhand gehoben, breitete riesige, flatternde Flügel aus – und blieb mit einem Ruck stehen, taumelte, stolperte fast über den Sargrand und stieß gegen einen Kerzenständer.

Vasile streckte die Hand aus, doch da hatte der Mann den Leuchter schon wieder aufgerichtet.

„Oh, la naiba!“, fluchte er. Dann warf er Vasile einen Blick zu und grinste verlegen. „Verzeihung.“ Er zog den bauschigen Mantel von seinen Schultern und pfefferte ihn in den Sarg, aus dem eine Art Brett in etwa fünfundvierzig Grad heraus stakte. „Dämliche Konstruktion. Bei jedem, der schwerer ist als ein zehnjähriges Kind, bleibt sie stecken.“

Dabei war der Mann nicht gerade ein Schwergewicht. Vasile musterte ihn, nahm automatisch Details wahr: eine sehnige Gestalt mit einem schmalen Gesicht und hohen Wangenknochen. Die Haare, die ihm in kurzen Fransen in die Stirn fielen, waren von Natur aus schwarz und die Augen so dunkel, dass im Kerzenschein ihre Farbe nicht auszumachen war. Vielleicht Mitte dreißig. Einen Schlossbesitzer hatte sich Vasile älter vorgestellt.

„Das Krümelmonster-T-Shirt hat den Effekt auch ein wenig zunichte gemacht“, sagte er trocken.

Der Mann blickte kurz an sich herunter und verzog einen Mundwinkel. „Meinen Sie?“

„Sind Sie Sorin Bӑlan? Ich habe bereits den ganzen Tag versucht, Sie telefonisch zu erreichen.“

„Das tut mir leid.“ Bӑlan rückte den Kerzenständer zurecht und kratzte sich etwas Wachs vom Arm. „Bei uns hier sind die Nächte lang, da tauche ich manchmal ab. Es muss doch zu irgendetwas gut sein, Geld und Angestellte zu haben. Und Sie sind …?“

Etwas polterte draußen im Gang, jemand schimpfte unterdrückt. Bӑlan seufzte, machte eine hilflose Geste, ging an Vasile vorbei zu der offenen Tür und rief: „Ja, ich weiß, es ist eng, aber seien Sie trotzdem vorsichtig damit.“

Der Mann sprach Rumänisch im regionalen Dialekt, aber Vasile konnte sich nicht daran erinnern, ihn je gesehen zu haben. Niemand in Bran konnte sich ein ganzes Schloss leisten. Bӑlan … ein Allerweltsname.

Das Schnaufen und Poltern wurde lauter. Der Hausherr trat zur Seite und durch den Türrahmen kam – ein zweiter Sarg. Zwei Männer in den Uniformen eines Lieferdienstes hatten ihn aufrecht auf eine Sackkarre geladen, einer schob, der andere zog. Dahinter kam eine junge, dunkelhäutige Frau mit Rastazöpfen, die ein Klemmbrett umklammert hielt und immer wieder leise zischte, wenn der sperrige Kasten kippelte und gegen die Schienen schlug. Ihre Augen weiteten sich, als sie Vasile sah, ihr Blick glitt an seiner Uniform herunter. Wozu die Aufregung? Solange sie den Sarg nicht mit irgendwelchen Drogen vollgepackt hatten …

Ihre Aufmerksamkeit war sofort zurück bei ihrer Lieferung, als Bӑlan näher trat und mit den Fingern die Kanten entlangfuhr.

„Scheint es ja überstanden zu haben“, sagte er und winkte nachlässig. „Stellen Sie ihn einfach irgendwo in die Mitte, wir rücken ihn später zurecht.“ Er nahm der Frau das Klemmbrett samt Kugelschreiber aus der Hand und setzte schwungvoll seine Unterschrift ans Ende des obersten Blattes.

„Danke“, murmelte sie, fast ohne ihn anzusehen. Die Männer kippten vorsichtig die Sackkarre, bis sie flach auf dem Boden lag, und zogen sie unter dem Sarg hervor.

Wie schwer das Ding wohl war, so leer?

Dann standen alle drei etwas unschlüssig herum, bis Bӑlan fragte: „Sonst noch etwas?“

Die Frau räusperte sich. „Nein, nur, äh … Sie zufrieden?“

Ihr Rumänisch war furchtbar, Vasile konnte ihren Akzent nicht zuordnen.

„Klar, vielen Dank. Gerne wieder.“ Bӑlan trat an die Tür.

Noch immer zögerten die Lieferanten. Dann, wie auf einen stummen Befehl hin, drehten sich alle drei um und gingen nach draußen.

Bӑlan ließ die Tür hinter ihnen ins Schloss fallen. „Verzeihen Sie nochmals“, sagte er und hielt Vasile die Hand hin.

„Nicht doch“, erwiderte der Polizist und griff zu. Der Händedruck war fest und kühl – kein Wunder, wenn der Kerl die ganze Zeit im T-Shirt herumrannte. „Ich bin Agent-sef de poliţie Vasile Dumitrescu. Ich habe ein paar …“

„Dumitrescu!“, rief Bӑlan und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, das nichts gemein hatte mit dem ironischen Grinsen von vorher.

Zögernd ließ Vasile die Hand los. Dieses Lächeln … irgendwas …

„Domnule Dumitrescu!“ Der Mann lachte auf. „Wie schön, Sie wiederzusehen. Natürlich, Sie werden sich kaum erinnern. Wie viele Rotznasen haben Sie seither in Ihren Streifenwagen gehabt. Aber ich bin nur einmal verhaftet worden.“ Er breitete lächelnd die Arme aus. „Fünfundzwanzig Jahre ist das sicher her. Im Supermarkt Nansy. Ausgerechnet Ihr kleiner Nachbar.“

Plötzlich war alles glasklar und auch Vasile musste lachen. Wieso hatte er ihn nicht gleich wiedererkannt? „Micul Sorin! Der ungeschickteste Ladendieb, den ich je erlebt habe.“

Die Bӑlans hatten nur ein Stück die Straße runtergewohnt von Vasiles Wohnung, bevor er geheiratet hatte. Er hatte den Jungen manchmal auf dem Fahrrad rumturnen sehen. Dann war der Streifenpolizist von dem Ladenbesitzer gerufen worden, weil Sorin versucht hatte, mehrere Tafeln Schokolade unter dem Shirt an der Kasse vorbei zu schmuggeln. Sein Pech, dass sie dabei geschmolzen und die Flecken von Weitem zu sehen gewesen waren.

„Ich hatte kein Geld, um meinen Schwestern etwas zum Geburtstag zu kaufen“, sagte der Mann. „Sie haben, während Ihr Kollege vor dem Geschäft rauchte, die Tür des Wagens aufgemacht, mich geschubst und gesagt: ‚Mist, weg ist er.‘“ Sorin stockte, plötzlich ernst. „Ich habe mich unglaublich geschämt. Und Ihnen diese Freundlichkeit nie vergessen.“

Aus einem Impuls heraus zog Vasile den Jungen an sich und klopfte ihm kurz auf den Rücken, bevor er ihn wieder auf Armlänge wegschob. Meine Güte, er sieht seiner Mutter dermaßen ähnlich! Schade, dass sie damals fortgezogen sind.

„Und jetzt bist du Schlossbesitzer? Ausgerechnet Bran?“

„Na ja.“ Sorin senkte den Blick. „Irgendwie habe ich es vermisst. Und es wäre doch eine Schande gewesen, wenn es irgendein fremder Millionär gekauft hätte und niemand mehr reingekommen wäre, oder? Zwar werde ich nur selten hier sein können, aber …“ Er zuckte die Schultern.

Als ob man sich für Heimatliebe entschuldigen musste! Vasile drückte dem Mann noch einmal die Schulter, bevor er ihn endgültig losließ.

Wieder blitzte das freche Grinsen über das dunkle Gesicht. „Aber diesmal ist alles legal. So legal Börsengeschäfte halt sein können.“

„Du warst schon immer ein helles Köpfchen. Und ein guter Junge.“ Auch nicht der Einzige, bei dem Vasile ein Auge zugedrückt hatte. Seine Vorgesetzten sahen das nicht gern, aber er war persönlich nie enttäuscht worden.

„Danke, Domnule.“ Sorin fuhr sich mit der Hand durchs Haar und sah sich um, als ginge ihm erst jetzt wieder auf, wo er war. Und wann. „Weshalb sind Sie heute Abend eigentlich hier?“

„Ah.“ Vasile räusperte sich. Das war gerade nicht besonders professionell gewesen. „Uns ist gemeldet worden, dass bei der Führung gestern zwischen 20:00 und 22:00 Uhr eine Person verschwunden sein soll.“ Er zog seinen Block aus der Jackentasche und versuchte, den fremdländischen Namen korrekt auszusprechen. „Heik-ki-lä, Elsa, aus Hyr … aus Finnland.“ Vasile blickte rasch auf, doch Sorins Gesichtsausdruck war leer und verständnislos. „Ihre Reisegruppe sagt, sie sei mit hineingegangen, aber nie herausgekommen.“

Der Junge lachte los. Ein offenes, ansteckendes Lachen, deshalb aber nicht weniger unpassend, wie Vasile fand.

„Entschuldigen Sie bitte, Domnule.“ Sorin schnappte nach Luft. „Es ist nur so: Das gehört zum Programm. Bei jeder Führung ‚verschwindet‘ jemand. Was wären wir sonst für ein Vampirschloss?“

Vasile kratzte sich das Kinn. Das war nicht das, was er erwartet hatte. „Aber sie ist den ganzen Tag nicht aufgetaucht“, sagte er. „Ihre persönlichen Gegenstände sind nach wie vor im Hotel, doch das Bett wurde nicht benutzt. Bist du sicher, dass sie sich nicht hier in diesem Labyrinth verlaufen hat?“

Sorin verzog den Mund. „Das klingt dann doch ernster, als ich dachte. Aber ich bin mir ganz sicher, dass die Dame nicht mehr im Schloss ist. Einer meiner Mitarbeiter hat sie persönlich zum Seitenausgang begleitet und sie mit einem T-Shirt fürs Mitspielen belohnt. Wir suchen in jeder Reisegruppe jemanden, mit dem wir den Spaß machen können. Also, fast jeder. Niemand will, dass eine Rentnergruppe einen kollektiven Herzanfall bekommt.“ Er zuckte die Schultern. „Tut mir wirklich leid. Vielleicht hat sie jemanden kennengelernt?“

„Vielleicht.“ Vasile seufzte. Ein Missverständnis also. Dadurch konnte alles entweder leichter oder erheblich schwerer werden. Noch hatte niemand offiziell eine Vermisstenanzeige gestellt, und auch Angehörige hatten sie keine ausfindig machen können. Aber wenn die Finnin nicht wieder auftauchte, bis die Gruppe abreisen musste … „Wie heißt der Mitarbeiter? Ich würde ihn gerne befragen.“

„Marcel. Marcel …“ Sorin ging zu einer der Nischen hinüber, in die ein kleiner, altmodischer Sekretär hineingequetscht worden war, und blätterte im Kerzenschein ein paar Pergamente durch, um dann ein Tablet hervorzuziehen. „Obersterescu. Er hat aber schon Feierabend. Ich denke, der Polizei darf ich die Privatadresse geben, nicht wahr?“

Vasile schrieb sich die Daten ab und unterdrückte ein Gähnen. Seine Augen brannten plötzlich und leichte Kopfschmerzen schlichen sich an. Es war ein verdammt langer Arbeitstag gewesen. Wahrscheinlich lag Elsa wirklich irgendwo mit einer Urlaubsbekanntschaft im Bett. Oder war mittlerweile zurück im Hotel. Die Befragung konnte er auf morgen verschieben. „Danke, Sorin, das war eine große Hilfe.“

Der Junge nickte. „Ich hoffe, das klärt sich schnell und die Dame taucht wieder auf.“

„Mach dir keine Sorgen. Aber sagt uns das nächste Mal Bescheid, wenn ihr ein solches Theater plant. Salut!“

Schloss Bran in Rumänien, Bilder: Pixabay

Ravic ließ die Tür einen kleinen Spalt offen, lauschte und witterte, bis er sicher war, dass die Schritte verklungen waren und die Spur des Polizisten erkaltete. Erst dann ließ er das Schloss einschnappen, ging zu dem neuen Sarg hinüber und klopfte leise auf den Deckel. Nahtlos wechselte er vom Rumänischen ins Italienische. „Benvenuto, ragazzo mio.“

Der Deckel hob sich und eine Hand schob ihn zur Seite. „Gracie, vecchio.“ Vincenzo grinste und rappelte sich auf. Zwar war er derjenige mit den grauen Schläfen, aber die Anrede „alter Mann“ war aus seiner Perspektive wohl nicht ganz ungerechtfertigt. „Wie alt bist du eigentlich?“

Ravic streckte ihm die Zunge raus. „Gleich zur Begrüßung! Das ist ein Rekord!“

„Versuchen kann man’s ja mal.“ Vincenzo zog ihn in eine Umarmung und drückte ihm rechts und links je einen Kuss auf die Wangen. „Hübsche kleine Hypnoseleistung, das gerade. Auch wenn ich bei diesem Hörspiel nur Bruchstücke verstanden habe.“

Ravic zuckte die Schultern. „Einheimischen gegenüber sind Bullen einfach weniger misstrauisch. Muss doch nicht sein, dass die hier alles auf den Kopf stellen, wenn sie später erfahren, dass sich die Touristin schlicht zu einem Abenteuer abgesetzt hat. Wie war deine Reise?“

„Hab nichts mitgekriegt, seit ich am Morgen in München in den Sarg gestiegen bin, bis mich die Dunkelheit kurz vorm Schloss geweckt hat. Also offenbar problemlos.“

„Sag doch bitte deinen Leuten, dass alles okay ist und ich dir nicht den Kopf abreiße. Das Mädchen hätte fast ihre Tarnung auffliegen lassen.“

Vincenzo tippte sich gegen die Stirn, direkt über der Hakennase. „Schon geschehen.“

Ravic nickte. Klar, tagsüber, wenn ein Vampir beschämend hilflos war in seinem Sarg, hatte es Vorteile, ein paar menschliche Sklaven zu haben. Aber dass Vincenzo so viele Stimmen gleichzeitig im Kopf nicht auf den Wecker gingen! Ravic selbst schätzte seine Privatsphäre zu sehr, um wieder mit sowas anzufangen.

„Hast du Hunger?“, fragte er. „Wir können einen kleinen Umweg machen. Später, wenn die Menschen weg sind, kriegst du noch eine richtige Führung.“

„Klar.“ Vincenzo rückte sich die Lederjacke zurecht. „Deshalb bin ich doch gekommen. Das hier“, er machte eine Geste, die den Raum einschloss, „ist schon mal ein stilgerechter Anfang.“

Die beiden Vampire glitten in den Gang hinaus, nutzten die Abwesenheit menschlicher Zeugen dafür, schneller in den repräsentativen Teil zu kommen. Ihre Schritte auf dem dunklen Parkett waren lautlos. Vincenzo blieb an einer Reihe von auf Hochglanz polierten Rüstungen stehen und strich über einen Brustharnisch. „Hat er wirklich hier gewohnt?“

Ravic musste nicht fragen, wen er meinte. „Sporadisch. Alle Burgen, die er zu Lebzeiten besaß, sind Ruinen oder nicht annähernd so spannend. Das hier ist das einzige Schloss Transsylvaniens, das der Beschreibung in diesem Buch ähnelt.“ Er konnte ein leichtes Schnauben nicht unterdrücken. Dracula, Fürst der Vampire! Obwohl er dem kleinen Angeber fast dankbar sein musste. Die Legenden, die sich um den angeblich ersten Blutsauger der Welt rankten, lenkten wunderbar davon ab, wie die Realität aussah.

Vincenzo wandte sich ihm zu und starrte ihn an, als versuche er ernsthaft, seine Gedanken zu lesen. „Warum hat er es ausgerechnet dir verkauft? Klingt nicht so, als wärt ihr Freunde gewesen.“

Ravic zuckte die Schultern. „Nostalgie? Ich bin der Einzige, den er von früher kannte.“ Vlad hatte reichlich müde ausgesehen bei ihrer letzten Begegnung. Den meisten Vampiren fiel es schwer, zu erleben, wie alles, was sie je gekannt und geliebt hatten, sich wandelte und verschwand. „An dem Tourikram ist er selbst schuld, das war nicht meine Idee. Das haben seine Sklaven damals in der kommunistischen Partei angestoßen, soweit ich weiß.“ Er kicherte. „Draculas Vermächtnis: Vampirköpfe als Bierkrüge, Halloweenmasken und Schloss-Schneekugeln. Aber ich hab nichts gegen ein bisschen Taschengeld.“

Eine Führung kam ihnen entgegen, und nachdem ihn David als Schlossbesitzer vorgestellt hatte, sprach eine Frau mit praktischem Topfhaarschnitt Ravic in tiefstem Südstaaten-Englisch an: „Kann man hier eigentlich auch übernachten?“

„Leider nein, meine Dame.“ Ravic senkte die Stimme. „Wir könnten nicht für Ihre Sicherheit garantieren. Aber wenn Sie noch bis Ende der Woche in der Stadt sind, kommen Sie bei unserer Glitzerparty im Ballsaal vorbei!“

Die Frau verzog den Mund, die Unsicherheit, ob er einen Scherz gemacht hatte, so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass man nicht mal Gedanken lesen musste. Ravic wartete nicht ab, wie sie sich entschied, sondern zog Vincenzo weiter, der sich, umgeben von den vielen duftenden Leibern, merklich verspannt hatte. Nicht, dass Ravic glaubte, dass der Jüngere die Beherrschung verlieren würde – so ein Frischling war er nun auch wieder nicht –, aber man wedelte einem Verhungernden nicht mit einem Brot vor der Nase rum. Außer, man wollte ihn ärgern.

„Deine Bela-Lugosi-Imitation war ziemlich überzeugend“, sagte Vincenzo, als sie auf den Wehrgang hinaustraten und die rauchige Nachtluft einsaugten. „Du weißt aber, dass der eigentlich Ungar war?“

Ravic ahmte den Südstaatenakzent der Touristin nach. „Die Menschen aus God’s own country haben ein verdammtes Recht auf ihre Klischees.“

„Aber Glitzerparty? Ahi!“

„Wenn Vlad irgendwelche Würde hätte wahren wollen, hätte er mir in seinem Testament Anweisungen zurücklassen sollen.“

Vincenzo schnaubte. „Hättest du dich dran gehalten?“

„Wohl nicht.“

Vincenzo witterte noch einmal der Reisegruppe nach und seufzte. „Es hätte schon seinen Reiz, diesen Fans, die für einen angenehmen Grusel hergekommen sind, das Original vorzuführen.“

„Nicht bei der. Sie ist mit ihrer Schwester unterwegs und whatsappt zweimal am Tag Sprachnachrichten nach Hause, wo ihre Katzensitterin sie den Miezen vorspielt.“

„So schnell hast du …“ Vincenzo brach ab und schüttelte den Kopf. Nach einem Moment des Schweigens setzte er an: „Konnte …“ Er zögerte und fuhr dann fast schüchtern fort: „Konnte er wirklich der Sonne trotzen?“

Ravic unterdrückte ein Grinsen. „Ich habe es nie selbst erlebt. Wäre aber vielleicht eine Erklärung dafür, wie sich die Vampirliteratur mittlerweile weiterentwickelt hat. Selbst wenn – am Ende hat’s nicht lang genug gehalten.“ Er legte den Kopf in den Nacken und sah zu dem diffusen Lichtfleck empor, wo sich der Mond in Wolken hüllte. Manchmal war das ein sehr dürftiger Ersatz.

„Ich glaube ja, dass es dieser jüngste Hype war, der ihm den Rest gegeben hat“, sagte Vincenzo. „Seit nicht mehr der mysteriöse Dracula, sondern der glitzernde Edward der große Star war, hat er die Welt endgültig nicht mehr verstanden.“

„Die Geister, die er rief.“ Ravic spähte über die Brüstung, ob niemand nach oben sah, zog sich rasch am Dachrand hoch und kletterte die Schräge hinauf. Die roten Schindeln klapperten leise unter seinen Turnschuhen. Auf dem First blieb er stehen, ließ den Blick über die Dächerlandschaft schweifen. Aus dem Hof erklang ein Platschen zwischen dem Stimmengewirr. Besucher warfen Dinge in den Brunnen. Meistens Münzen.

Vincenzo sparte sich die Kletterei und tauchte aus dem Schatten einer Gaube. „Zu Füßen liegt euch das Erdengeschehen.“

„Falscher Film.“

Wieder schwiegen sie und betrachteten das bunte Gewimmel unter sich. „Ich habe Dracula einmal getroffen, hab ich das erzählt?“, fragte Vincenzo. „1978 hat er beim Münchner Ältestenrat vorgesprochen, als sie für Nosferatu mit Kinski in der Partnachklamm drehen wollten. Wir haben uns alle ein bisschen wie Fangirls aufgeführt, ehrlich gesagt. Aber schon damals dachte ich, dass er erschöpft wirkt.“

Damals, ‘78! Ravics Mundwinkel zuckten. Fast gestern. „Ich war 1921 in Lübeck, als sie das Original gedreht haben, mit Schreck“, sagte er. „Vlad war nicht dabei, damals hat er diese moderne Erfindung der Lichtspiele noch nicht ernst genommen. Ich mochte ja den Hammer Horror lieber. Dracula jagt Minimädchen. Christopher Lee war übrigens letzte Woche hier, um sich das Schloss seines verblichenen Meisters anzusehen.“

„Wie geht’s ihm?“

„Er leidet noch etwas unter Entzug von der ganzen öffentlichen Aufmerksamkeit. Aber langsam wurde es wirklich auffällig, dass er nicht weiter altert. Da muss er noch ein paar Jahrzehnte warten, bis die Menschen sein Gesicht vergessen haben.“

„Von der Stimme ganz zu schweigen“, ergänzte Vincenzo.

Sie wandten dem Schlosshof den Rücken zu und schauten auf die steilen Gras- und Waldhänge, die sich hinter dem Schloss erhoben. Eine frische Brise raschelte durch trockenes Laub und klapperte in den Ästen. Ein Käuzchen ließ seinen geisterhaften Ruf hören. Von einer Schäferhütte irgendwo über ihnen drang leise Hip-Hop herüber.

„Die Kinder der Nacht … welch süße Musik sie machen“, sagte Ravic in seiner Lugosi-Stimme und Vincenzo boxte ihm gegen den Arm.

Ravic kletterte über die Außenseite zurück zu dem gesperrten Teil des Schlosses und hangelte sich die Fassade hinab in die unteren Ebenen. Es war erneut Wasser ins Mauerwerk gezogen, und er machte sich eine geistige Notiz, einen Handwerker drauf schauen zu lassen. Schimmel war fast nicht zu vermeiden bei einem so großen Kasten, aber der Frost sollte keine Wand wegsprengen.

Vincenzo saß auf einer Fensterbank, baumelte mit den Beinen und wartete auf ihn. Der Junge gab gerne ein bisschen mit seinen Fähigkeiten an. Wenn ihm das mal nicht irgendwann zum Verhängnis wurde.

„Alle sind noch halb in Schockstarre, auch in München“, nahm Vincenzo den Gesprächsfaden wieder auf. Unwillkürlich wechselte er ins Deutsche, die Sprache, die seit seiner Verwandlung seinen nächtlichen Alltag beherrschte, auch wenn er nie den italienischen Akzent loswurde. Absichtlich, vermutete Ravic, weil es so charmant klang. „Auch wenn das meiste von dieser ‚Fürst der Vampire‘-Nummer natürlich Show war, war er doch der Älteste – Anwesende ausgenommen“, unterbrach er sich, obwohl Ravic nicht mal die Augenbrauen gehoben hatte. „Irgendwie kein schöner Gedanke, dass selbst Dracula die Nerven verliert und in die Sonne geht. In seinen Filmen kommt er immer wieder.“

Kurz wehte Ravic die Frage an, was es über ihn aussagte, dass er noch nie ernsthaft an Selbstmord gedacht hatte. Aber wie stets war das eine vergängliche Brise. Oberflächliche Arschlöcher lebten halt länger. Und hatten mehr Spaß dabei.

„Komm, hier lang“, sagte er. Es gab kein Rezept, keine Ratschläge oder Weisheiten. Jeder musste für sich selbst herausfinden, wie er mit der Ewigkeit umging.

Der Gang war nicht beleuchtet, doch den beiden Vampiren genügte das trübe Licht, das alle paar Meter durch die Fenster fiel. An den Wänden hingen Teppiche, vom Alter dünn gewetzt, die Muster verblasst.

Plötzlich war da etwas.

Ravic hob die Hand und brachte Vincenzo zum Stehen. Lauschte, spürte in die Schatten hinein. Vampire waren leise, hatten keinen Herzschlag und dünsteten auch nicht so viele Gerüche aus wie Menschen – aber da war eine Präsenz.

„Zeigst du dich freiwillig oder muss ich dich rausschleifen?“, fragte Ravic in den leeren Flur hinein.

Die rothaarige Frau, die aus dem Schatten auftauchte, war ganz Vlads Typ: jung, mit langen Locken, sinnlichem Mund, üppigen Hüften und einem ebensolchen Vorbau. Vielleicht ein wenig älter als Vincenzo, aber mit den Augen eines verlorenen Kindes.

„Verzeiht, Sire. Seid Ihr … der Schlossherr?“ Sie witterte und ein Zittern überlief ihren Körper. Offenbar begann sie zu ahnen, dass sie hier eine ganz andere Kreatur vor sich hatte als ihren Meister mit seinen lächerlichen sechshundert Jahren.

„Ravic.“

Die Frau duckte sich ein wenig wie eine Katze, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie angreifen oder flüchten sollte. Sie kannte also den Namen. Gut. „Sire, ich wollte nur dort wandeln, wo er ging. Dort stehen, wo er stand …“ Blutige Tränen stiegen ihr in die Augen.

Ernsthaft jetzt? Eindeutig Vlads Typ. Unterwürfig und gehirnamputiert.

„Das kannst du tun, mit einer geführten Reisegruppe, wie alle anderen auch“, brummte Ravic. „Verwandtenrabatt gibt’s nicht. Und wehe, du fällst mein zahlendes Publikum an!“

Der Gang schien für einen Moment dunkler zu werden, Schatten krochen näher und die Vampirin schrak zurück. Sie wimmerte: „Bitte, Sire …“

„Nix Sire. Kusch!“

Sie drehte sich um und floh. In die richtige Richtung.

Als sie außer Hörweite war, fragte Vincenzo: „Das war jetzt ein wenig hart, meinst du nicht?“

Ravic schnaubte und setzte seinen Weg fort, ohne sich umzudrehen. „Fast jede Nacht taucht hier so ein verdammtes Groupie auf, das nervt langsam.“ Mit Menschen kam er besser klar. Die waren nicht so … beschränkt.

„Ich bin auch aus reiner Neugierde hier“, sagte Vincenzo.

„Du warst angemeldet.“

„Ich bin der Einzige, den ich kenne, der deine Handynummer hat.“

„Und das bleibt auch so!“

Vincenzo hob abwehrend die Hände. „Schon gut. Ich sage nur: Wenn du ein Schloss mit einer solchen Tradition kaufst, gehört es eben nicht nur dir. Ein Teil gehört auch ihnen. Weil es ihnen etwas bedeutet. Weil er ihnen etwas bedeutet hat.“

Ravic stöhnte auf. „Ist ja gut, ich denke drüber nach, ob ich künftig nachsichtiger sein werde.“ Wenn nicht mal sein Ruf diese Kinder davon abhielt, herzukommen, konnte er eigentlich gleich kapitulieren.

Er zog einen Schlüssel aus der Hosentasche, schlug einen Wandteppich zur Seite und schloss die unscheinbare Tür auf, die dahinter verborgen lag. Eine schmale Stiege führte steil hinab in absolute Finsternis.

„Später muss ich noch in die Stadt“, sagte Ravic, etwas versöhnlicher. „Taschen aus dem Hotel holen und ein paar Erinnerungen manipulieren. Ich habe heute einen rüstigen Rentner aus Neuseeland im Angebot – der arme Kerl hatte nicht mal eine Reisegruppe, die ihn hätte vermissen können –, aber wie ich dich kenne, ziehst du die Dame aus Finnland vor.“

Vincenzo fletschte die Zähne zu einem Grinsen. „Ist sie hübsch?“

„Du bist so ein Macho.“ Ravic winkte dem Jüngeren, voranzugehen. „Wann lernst du endlich, auf die innere Schönheit der Menschen zu achten?“

***

Diese Kurzgeschichte ist für eine nie veröffentlichte Anthologie entstanden und zeitlich vor den Ereignissen von „No Pflock“ angesiedelt. Da allerdings in „meinem“ Universum Dracula pure Fiktion ist, gehören diese Ereignisse nicht Kanon. Trotzdem eine schöne Gelegenheit, meine Charaktere etwas besser kennenzulernen. Happy Halloween!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.