Eine kleine Halloween-Kurzgeschichte

Ich sah ihn immer auf dem Heimweg nach der Nachtschicht, wenn ich mir noch rasch eine Currywurst holte. Ein Männchen mit schmalem Gesicht und verfilzten, dunklen Haaren, Armen wie Stöcken, die aus einem schmutzigen T-Shirt mit zur Unleserlichkeit verblasster Aufschrift ragten, die Haut so weiß und dünn wie Papier. Nicht mal, wenn der Wind durch die entlaubten Bäume strich und der eisige Nebel vom Fluss aufstieg, trug er eine Jacke. Niemand kannte seinen Namen, deshalb nannten sie ihn Wien, wenn sie überhaupt mit ihm sprachen.

Jede Nacht zappelte, nein, tanzte er fast in seiner kränklichen Eleganz von einer Imbissbude zur nächsten. „Servus! Hast Alzerl für mi?“ Er zeigte mit zwei Fingern an, wie wenig „Azerl“ sein musste, dazu ein Lächeln, das erstaunlich saubere, gerade Zähne entblößte. Ein Hopser von einem Fuß auf den anderen, sein Kopf ruckte hin und her.

Als ich das Schauspiel zum ersten Mal sah, dachte ich, er wollte Geld für seinen nächsten Schuss erbetteln. Aber sein Stoff war ein ganz anderer.

An diesem Abend hatten ihn die meisten schon weitergescheucht. Ich wischte gerade mit dem letzten Stück Brot meine Pappschachtel sauber, da winkte Charlotte ihn heran. „Hallo Wien!“ Sie reichte ihm die Ketchupflasche durchs Fenster. „Komm, du Hungaharke, willste een Brühpulla?“

„Dankscheen.“ Er schüttelte den Kopf und griff nach der Flasche wie ein Verdurstender, setzte sie an den Mund und saugte. Mir wurde bei dem Anblick ein wenig übel und ich drehte mich zu Charlotte um, die den Mund verzog und mitleidig den Kopf schüttelte. Ketchup! Kein Wunder, dass er so dürr war.

Während ich nicht hingeschaut hatte, war es Wien irgendwie gelungen, die Flasche ihrer Länge nach aufzuschneiden. Jetzt leckte er die Reste heraus, das Gesicht von einem Ohr zum andern rot verschmiert wie bei einem Raubtier. Einem sehr armseligen. Charlotte hielt ihm noch eine Serviette hin, die er mit einem weiteren „Dankscheen“ ablehnte, dann hampelte er die Promenade entlang zur nächsten Lichtinsel im Nebelmeer.

„Armer Kerl“, sagte ich leise. „Ist er krank oder …“

Ein Poltern und ein feuchtes „Flatsch“ vom Nachbarstand. „Du Aas!“, brüllte der Imbissbudenbesitzer. Der Ketchupeimer war runtergeknallt, hatte seinen Deckel verloren und den Großteil seines Inhalts auf das Pflaster verteilt. Wien hockte auf allen vieren daneben und schlabberte das rote Zeug vom Boden auf wie ein Hund. Ich lief hinüber, gerade, als der Koch aus seinem Wagen stürmte und einen Wischmopp auf den Rücken des Bettlers niedersausen ließ. „Mach’n Abjang!“

Ich fiel ihm in den Arm – und hörte ein Knurren. Plötzlich stand Wien dicht neben mir. Seine Augen blitzten grün auf, er fletschte die rotverschmierten Zähne, die mit einem Mal noch länger wirkten als sonst. Er griff nach dem Wischmopp, es knackte und der Imbissbudenbesitzer starrte entgeistert auf den kurzen Stumpf, den er noch in der Hand hielt. Wien grollte wieder. Mein Herz stolperte. War das wirklich nur Ketchup?

Dann verwandelte sich die Miene zurück in Wiens freundlich-verschämtes Gesicht. „Verzeihn’s bittschee. I hab …“ Er ließ den abgebrochenen Stiel fallen, drehte seine Jeanstaschen um, um zu zeigen, dass sie leer waren, und zuckte die Schultern.

„Ich … ich zahl das“, sagte ich schnell. Der Koch starrte nur.

Ich sah Wien hinterher, wie er elegant in der Dunkelheit verschwand, das Zappeln zumindest für diesen Moment besiegt – und hatte das Gefühl, gerade so einer Katastrophe entgangen zu sein. Aber das war Unsinn. Er war doch nur ein Ketchupjunkie.

 


„Just a little bit of silliness“, wie J.M. Barrie in „Finding Neverland“ gesagt hätte (ich weigere mich, den deutschen Namen des Films zu schreiben). Ich schreibe selten einfach so Kleinigkeiten aus Spaß, es passt auch nicht in das Vampirkonzept meiner Bücher, aber ich hoffe, ihr amüsiert euch ein bisschen. Wer den schlechten Wortwitz findet, darf ihn behalten 😉 Happy Halloween!

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