Kunst in Coronazeiten: Was ist „nützlich“?

Wie „nützlich“ ist eigentlich meine Kunst? Herbst ist ja prädestiniert für melancholische Gedanken. Angesichts der fallenden Blätter, die im Sterben ihr spektakulärstes Farbfeuerwerk abbrennen, sinnieren Künstler*innen seit Jahrhunderten darüber nach, was eigentlich von ihnen bleibt. Und gerade aktuell hat das Thema sehr konkrete Auswirkungen: In der Coronakrise sind es nämlich oft die Kunstschaffenden und Selbständigen, die bei den staatlichen Hilfen durchs Netz fallen und in ihrer Existenz gefährdet sind, wie unlängst „Die Ärzte“ eindrücklich in den Tagesthemen auseinandersetzten (die persönlich sicher besser abgesichert sind als manch „kleineres Licht“, checkt mal #ohneunswirdsstill). Als Lektorin habe ich das Auftragsloch ebenfalls gemerkt – Autor*innen können als kreative Wesen nicht wie Roboter ihr Programm abspulen, wenn rundum Weltuntergangsstimmung herrscht und sie ihre Kinder wochenlang daheim betreuen müssen. Wenn sie dann erst später oder gar nicht den Auftrag an mich vergeben, erfahre ich das nie und kann es auch nicht als „Verdienstausfall“ nachweisen – ich merke nur, das es still ist in meinem Postfach, aber erkläre das einer den Ämtern.

Das ist eine sehr konkrete Angst, aber nicht die Ursache für mein Grübeln. Das entsteht dadurch, dass meine psychische Gesundheit nach wie vor nicht zulässt, dass ich das Pensum abarbeiten kann, das ich jahrelang von mir gewohnt gewesen bin.  Wenn ich es versuche, rächt sich mein Körper unmittelbar mit seiner Allzweckwaffe: Krankwerden. Im Januar werde ich 39, habe statistisch gesehen fast mein halbes Leben hinter mir und verdiene erst seit einem Jahrzehnt genug, um mich selbst zu versorgen, während meine Mutter schon mit 14 gearbeitet hat. Langes Studium, brotlose Praktika, nach wenigen Jahren in der gesellschaftlich verantwortungsvollen Position einer Journalistin so ausgebrannt, dass ich ausstieg und lieber mit Buchlektorat meinen Lebensunterhalt verdiente. Kein Wunder, dass mein fieses Hirn, das immer die höchsten Ansprüche stellt, wie ich die Gesellschaft verbessern, das Klima und die Welt retten soll, mich permanent dafür schielt, was für ein Schneeflöckchen ich bin und wie ungeeignet für den Alltag, der andere sehr viel härter trifft und fordert.

Kunst muss schon immer verteidigen, nicht unbedingt, dass es sie gibt, aber dass sie Geld kostet, Zeit kostet, dass sie „richtige Arbeit“ ist, anstrengt, auslaugt. Wir machen ja unser Hobby zum Beruf, worüber beschweren wir uns also? Neil Gaiman nannte es die „Fraud Police“ – der Typ mit dem Klemmbrett, der eines Tages vor der Tür steht und dir sagt, dass du aufgeflogen bist und dir einen ordentlichen Job besorgen musst, der nicht beinhaltet, das zu schreiben, woran du Spaß hast. Deshalb hat vor zwei Jahren das Buch „The Art of Asking. Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lassen“ von Amanda Palmer (das sie nach einem TED-Talk schrieb) derart Resonanz in mir erzeugt, weil sie von diesem Zwiespalt, diesem schlechten Gewissen sprach und dann aber Mut machte: „Iss den verdammten Donut“ (in Anspielung an den Dichter Thoreau, dessen Buch „Walden“ noch immer bei dtv als „radikales Selbstexperiment“ eines Aussteigers beworben wird, dabei schickte er jede Woche Wäsche nach Hause zu Mama und ließ sich mit Gebäck versorgen).

Sind meine Bücher Kunst, die es wert ist, dass mich andere unterstützen, mir den Rücken freihalten, damit ich sie schreiben kann, auch wenn sie aktuell noch wenig Geld einbringen? Meine Eltern und mein Freund tun genau das, und auch nach einem wiederholten Lesen von Amanda Palmer geht das schlechte Gewissen nie ganz weg, neben der unendlichen Dakbarkeit. Ich werde nie einen Pulitzer gewinnen oder einen Nobelpreis, mein Stil ist eher journalistisch-schnörkellos, meine Katzen und Gnackzuuzler sicher recht unterhaltsam und mit einer Botschaft, aber keine „hohe Literatur“. Das war nie mein Ziel. Ich schreibe, was ich selbst gerne lesen möchte. Damit bin ich eher weniger systemrelevant (und deshalb in der Coronakrise auch nicht rettungswürdig? ob für meine Werke oder in Verlängerung für die meiner Kundschaft?). „Vielleicht sollten Sie Ihre Selbständigkeit als gescheitert betrachten“, sagte mir ein Finanzberater vor einiger Zeit, weil ich entgegen des Businessplans nicht jedes Jahr ein Wachstum im Umsatz zu verzeichnen hatte. Kein Wunder, dass ich seither kaum mehr mit ihm gesprochen habe. Denn auch wenn ich gerne mehr verdienen würde oder schlicht stabiler wäre, zuverlässiger belastbar, weigere ich mich, den Wert meines Lebens allein mit Geld aufwiegen zu lassen, nur weil es das einzige Kriterium ist, das in der Branche dieses Herren zählt.

Das war nämlich das Schöne: Als ich letzte Woche mit Taschentüchern bewaffnet im geheimen Park saß, konnte ich die schädlichen Gedankenmuster umwerten, indem ich an meine geliebten Wölfe dachte. Was ist schon „Nützlichkeit“? Die Umwelt allein nach wirtschaftlichen Maßstäben zu beurteilen, ist die alte Denkweise, die uns überhaupt erst die ganzen Probleme eingebrockt hat, die wir heute haben. Der Wolf ist ein Konkurrent ums Wild und ein Beutegreifer, der uns zwingt, Aufwand beim Herdenschutz zu betreiben? Rotten wir ihn aus! Dass der Wolf im großen Zusammenhang eines funktionierenden Ökosystems eine wichtigere Rolle spielt als der Mensch selbst, ist eine Perspektive, die solche Leute nicht einnehmen können oder wollen. Denn alles muss ja nützlich, sprich: nützlich für den Menschen sein. Eine sehr egoistische Einstellung. Und auch wenn Menschen natürlich erstmal gesund sein müssen, ein Dach über den Kopf haben, Essen und Trinken brauchen, heißt das nicht, dass Kunstschaffende es nicht verdient haben, unterstützt zu werden, bis alle anderen Probleme auf dieser Erde gelöst sind. Denn Kunst ist „nützlich“, sie macht den Menschen zu dem, was er ist, sie ist gesund, hilft uns gerade jetzt, unsere Sorgen zu verarbeiten. Wenn meine Schwester für eine halbe Stunde Flötenunterricht per Skype macht, ist das eine halbe Stunde, in der die Eltern mal durchatmen können. Und wenn ich abends im Bett liege und mich die Existenzängste auffressen wollen, male ich mir aus, was als nächstes bei meinen Vampiren passiert, wie im Krimi der Verbrecher gefunden wird oder für welchen Job sich Werwölfe noch so eignen –  und schlafe entspannt ein. Auch wenn die Buchmessen ausfallen, sitzen die Leute jetzt daheim und brauchen Unterhaltung, Ablenkung, Inspiration, Film, Musik, Kunst, Bücher. Und sie werden sie auch brauchen, wenn wir diesen Scheiß überwunden haben.

Ich glaube, dieser Blogbeitrag ist etwas konfus und unzusammenhängend geworden und irgendwie erschienen mir die Gedanken in meinem erkältungsumnebelten Gehirn klarer, während ich den fallenden Herbstblättern zuschaute – aber vielleicht gibt es euch trotzdem was. Passt auf euch auf und bleibt gesund!

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