Gekaufte Rezensionen: Ein Appell an Selfpublisher

Eine Bloggerin schreibt über Selfpublisher und ihre Werke, führt kleine Interviews mit ihnen und verlinkt auf die Verkaufsseite. Toll! Immer wieder finden sich echte Schätze unter den Massen an selbstveröffentlichten Büchern. Der überforderte Leser kann jede Hilfe brauchen, sie auszugraben. Und auch diejenigen, die sich um gute Qualität in einem völlig offenen Markt bemühen. Vor allem, weil der Streit, ob Verlage das einzig Wahre sind, immer noch andauert.

Wie bitte? Die Bloggerin nimmt 15 bis 18 Euro für eine Autorenvorstellung? Von dem Autor selbst? Das ist kein Geheimnis, es steht ganz oben über der Liste mit Namen (zum Teil klein geschrieben), direkt bei dem „<3“. Herzig, genau. Das sind die Interviews: Erinnern ein bisschen an Schülerzeitung, tun nicht weh. Rezensionen soll es wohl auch bald geben, aber noch führt der Link ins Leere. Ich bin mal gespannt, ob da früher oder später auch mal ein Verriss von einem Buch auftaucht, mit dessen Autor die Bloggerin so nett (und gegen Geld) geplaudert hat.

Man kann ihr nicht mal Irreführung vorwerfen, sie bietet ihre Dienste ja ganz öffentlich an. (Und nein, ich setze hier nicht den Link. Ich nenne keine Namen. Ich sage nicht, wie ich auf sie stieß. Ich stelle niemanden bloß, der sich nicht angesprochen fühlt.) Aber das heißt in meinen Augen auch, dass sich diese Dame kein einziges Mal Gedanken gemacht hat, was journalistische Verantwortung bedeutet. Zumindest hoffe ich das, sonst wäre es noch schlimmer. Kein Wunder, diese Verantwortung vergessen ja auch professionelle Journalisten öfter im Eifer des Gefechts. Aber diese Bloggerin bewegt sich online, sie bedient ein Medium (auch wenn es ihr eigenes ist), vielleicht hat sie Leser, die ihrem Urteil vertrauen. Realisieren diese Leser immer, dass sie gekaufte Inhalte lesen?

In meiner Heimatstadt sprechen viele Leute vom Anzeigenblatt als „Zeitung“. Sie müssen nicht mehr die Tageszeitung abonnieren, weil ihnen in ihren Augen das Wichtigste ja auch so sonntäglich kostenlos ins Haus flattert. Dass die Inhalte dieses Anzeigenblatts nur deshalb diese Qualität besitzen, weil es sich bei der im gleichen Verlag erscheinenden Tageszeitung bedienen darf, daran denken sie nicht. Geht die Zeitung eines Tages aus Lesermangel ein, wird auch die Qualität des Anzeigenblatts abstürzen. Nun ist ein Anzeigenblatt als solches gekennzeichnet – trotzdem machen sich die Leser keine Gedanken, was das bedeutet: Ein Anzeigenkunde nimmt Einfluss. Er möchte nicht neben einem kritischen Artikel erscheinen, selbst dann nicht, wenn es nicht um ihn geht.

Ein Verlag ist ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen, das von den Anzeigenkunden fast ebenso abhängig ist wie vom Leser – ein gutes Drittel seiner Umsätze macht er mit ihnen. Das ist schon ein ganzes Stück weniger als noch vor fünf Jahren, aber das bedeutet leider nicht, dass Zeitungen sich dann wieder mehr dem Leser verpflichtet fühlen. Vielmehr werden die Redaktionen immer weiter zusammengespart, immer weniger Leute müssen unter immer mehr Zeitdruck Seiten füllen – und greifen dann auch mal auf einen Agenturtext zurück, der – Überraschung! – von einem bestimmten Kunden bezahlt wurde. Und manchmal – ich hab es selbst erlebt – wird der Journalist losgeschickt für einen eindeutigen Anzeigentext. Das war nach den Medienethik-Seminaren in Eichstätt durchaus ein Kulturschock.

Der Streit um die Unabhängigkeit der Redaktionen ist so alt wie meine Branche. „Wie kann ein Blatt dem öffentlichen Interesse dienen, das gleichzeitig über den Inseratenteil jedem zahlungsfähigen Privatinteresse zur Verfügung steht?“, schrieb Erich Schairer schon 1929 in seinem Jahrbuch der Sonntags-Zeitung, kurz nachdem ihm das Kunstück geglückt war, sämtliche Anzeigen aus seinem Blatt zu verbannen. Das Internet bietet nun ganz neue und fantastische Möglichkeiten, sich von eben jenen Privatinteressen frei zu machen. Die Krautreporter scheinen ganz gut zu fahren mit ihrem Crowdfunding-Qualitätsjournalismus, und sie sind da nicht die Einzigen.

Und auf der anderen Seite öffnet das Internet die Türen für Leute wie besagte Bloggerin, die sich fröhlich für – letztlich journalistische – Inhalte bezahlen lässt. Vor Jahren machte ich ein Praktikum im Reisejournalismus, der wie kaum ein anderer Bereich der Gefahr der Korruption ausgesetzt ist. Ein Kollege sagte ganz offen: Er veröffentlicht alles, solange der Preis stimmt. Und auch die Veranstalter der Pressereise müssten noch einiges abdrücken, wenn er über sie schreiben soll. Und dieses T-Shirt da will er auch umsonst. Macht es das besser, dass er so offen damit umgeht? Nein!

Wer im Netz mit welchen Interessen was schreibt, ist unglaublich schwer nachzuvollziehen. Zeitungen werden wenigstens kontrolliert und notfalls vom „zahnlosen Tiger“ gerügt. Ich will nicht, dass das Internet zu stark kontrolliert wird. Aber jeder Nutzer sollte sich bewusst sein, dass er nicht alles für bare Münze nehmen darf. Selbst wenn nicht offensichtlich Interviews verkauft werden, gibt es Gemauschel. Gekaufte oder getauschte Rezensionen bei Amazon sind schon lange ein Streitthema unter Selfpublishern. Ich habe natürlich auch schon die Bücher meiner Freunde positiv bewertet und bin dabei vielleicht nicht sonderlich objektiv. Aber sie gefallen mir wirklich und ich habe dafür keine Gegenleistung bekommen. Gefällt mir eines nicht, sag ich das der Freundin unter vier Augen und halte sonst die Klappe.

Aber sich Rezensionen zu kaufen ist nichts anderes als rücksichtslos.Ich kann diesen Menschen nichts anderes unterstellen als selbstsüchtige Motive. Wer so etwas tut, schreibt nicht aus Liebe zur Kunst, zum Thema oder zum Leser, sondern allein, um sich zu bereichern. Und auch wenn ich selbst jemand bin, der vom Schreiben lebt (und auch Corporate Publishing anbietet, was ich aber sehr genau trenne), kann ich das nur verachten. Deshalb bleibt auch mein böses Magendrücken, wenn Buchblogger nicht frei und ehrlich ihre Meinung schreiben, sondern sich einem Autorenkunden verpflichtet fühlen, und sei es nur unbewusst. Wer allein zu Hause vor seinem Computer sitzt, sollte eben selbst auf die Trennung von Redaktion und Anzeigen achten.

P.S. So kann man übrigens gekaufte Rezensionen eventuell erkennen

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