Von Schullektüre zur Inspiration – Der Schimmelreiter

Sie war noch nie in dem Museum gewesen, das die Stadt Husum ihrem berühmtesten Sohn gewidmet hatte. Erstens konnte sie Personenkult allgemein nicht leiden. Zweitens galt der Kerl als herausragender Vertreter des Bürgerlichen Realismus – gleich zwei Worte, die Kaja verabscheute.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Heute, am 1. Mai, erscheint mein Regionalkrimi „Sturmflutnacht“ offiziell bei Edel Elements. Allerdings ist irgendwo der Wurm drin und außer bei Amazon und natürlich Weltbild erscheint es noch auf keiner Verkaufsplattform. Hinter den Kulissen rödeln großartige Menschen , um das Problem zu lösen. Um euch die eventuelle Wartezeit zu verkürzen, setze ich meine Mini-Serie zu den Hintergründen der Geschichte und meiner Inspiration trotzdem fort. Heute: der Schimmelreiter von Theodor Storm.

Ein Buch in der Schule lesen und analysieren zu müssen, ist für viele der Tod jeglicher Freude daran. Das kann ich gut verstehen, das ging mir mit anderen Büchern auch so. Faust habe ich erst im Studium angefangen, einigermaßen zu begreifen (ohne ihn deshalb mehr zu mögen. Mit Ausnahme von Mephisto, selbstverständlich). Mittlerweile gibt es einen Trend, dass gequälte Schüler*innen ihrem Frust in Ein-Sterne-Rezensionen bei Amazon Luft machen. Eine absolute Freude zu lesen, und „Katzenfans“ zu Theodor Storms Schimmelreiter ist in meinen Augen ein Meisterwerk: „Für alle die dieses göttliche Werk in der Schule kosten müssen: Gott stehe Ihnen bei, Hauke wird Sie bis in ihre [sic] Träume verfolgen.“ Die Warnung vor den toten Tieren könnte ich gleich für meinen Krimi übernehmen.

Storms „graue Stadt am Meer“ ist heute ziemlich bunt – außer, der Schnee deckt alles zu wie im Februar 2018.

Ich habe den Schimmelreiter dagegen von Anfang an geliebt. Vielleicht, weil ich mich in der 7. oder 8. Klasse (weiß nicht mehr genau, wann wir ihn behandelten) so gut mit Hauke Haien identifizieren konnte. Ich wurde als Streberin gemobbt und entwickelte als Abwehrstrategie eine ziemlich hochnäsige Ader gegenüber meinen Jahrgangskolleg*innen, die in meinen Augen oberflächliche Saufbolde waren. Dass das Buch auf mehreren Ebenen funktioniert und auch Haukes Überlegenheitsgefühl und mangelndes Einfühlungsvermögen kritisiert, ist mir erst im Laufe der Jahre klargeworden. Das ist das Schöne an diesem Buch: Selbst wenn man es zigmal durchgekaut hat und es dann noch als Thema für die mündliche Literaturwissenschafts-Nebenfachprüfung nimmt, kann man Neues entdecken. Außerdem mag ich Storms bildliche, atmosphärische Sprache sehr gern, die er in seinen Gedichten und Weihnachtsgeschichten zum Einsatz bringt. Von seinen sonstigen Novellen kann keine seinem Alterswerk auch nur annähernd das Wasser reichen.

Die Anfangsszene mit Kaja am Deich ist eine ganz bewusste Hommage an die Rahmenhandlung des Schimmelreiters – so sehr, dass mir meine Lektorin zurecht die Ohren langgezogen hat, weil der Stil nicht so ganz zum Rest des Buches passte. Wir haben es also gemeinsam ein wenig abgemildert, aber Eingeweihte werden es erkennen. Nur, dass Kaja eine ganz andere Reaktion auf den Schimmelreiter am Deich hat: Als Pferdefreundin regt sie sich darüber auf, dass jemand bei diesem Wetter ein armes Tier vor die Tür jagt.

Im Storm-Haus steht heute der Schreibtisch, auf dem Theodor Storm 1888 den Schimmelreiter schrieb (u.r.). Als er noch in Husum wohnte, besaß er dieses Möbel allerdings noch nicht. Er hätte wahrscheinlich nicht in das Arbeitszimmer (oben) gepasst.

Aber fast wider Willen war Kaja amüsiert darüber, wie viel seiner eigenen Einrichtung, Wandbilder, sogar Geschirr – eine Möwentasse – der Mann laut den Infotafeln in seine Geschichten eingebaut hatte. Die Schreibstube im Obergeschoss gefiel ihr schon besser mit ihren roten Wänden, dem gusseisernen Kamin in der Ecke und einem Ausschnitt aus der angeblich einst viertausend Bücher starken Bibliothek des alten Mannes.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Das Storm-Haus in Husum besuchte ich bei meiner Recherchereise im Februar 2018 bereits zum dritten Mal, diesmal mit einem neuen Blick. Denn es galt, Werk, Schriftsteller und Museum aus der Sicht einer Frau zu schreiben, die ihn aus Prinzip als Vertreter des Bürgerlichen Realismus nicht leiden kann und nur gerade so viel über die Geschichte weiß, wie sie als Zugezogene in dieser Region nicht verhindern kann, zu wissen. Nicht, dass ich eine große Anhängerin von „Personenkult“ bin, aber ich mag es, solche Ausstellungen zu besuchen, die zeigen, wie Schriftsteller*innen gelebt haben und was aus ihrer Lebenswelt in ihre Werke eingeflossen sein mag. Das ist ein wenig, als würde ich mich über Jahrhunderte hinweg mit ihnen unterhalten und über Inspiration austauschen, was ich ja mit meinen Autorenfreund*innen heute besonders gerne tue. Als Literaturliebhaberin kann sich Kaja schließlich der Faszination des Schimmelreiters nicht ganz entziehen.

Vera betrachtete versunken einige recht stimmungsvolle Radierungen von den Schlüsselszenen der Novelle und Kaja hörte sich ein paar Aufnahmen an, ohne komplett zu verstehen, wie sie zusammenhingen. Die dramatische Stimme des Vorlesers und die bildhafte Sprache nahmen sie trotzdem gefangen. Fast stand sie wieder oben auf dem Deich und sah die Wellen am anderen Ende der Mole explodieren, mit einem Grollen, das ihre Knochen erschütterte.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Das sind natürlich nicht die einzigen Spuren des Schimmelreiters in der Region zwischen Dagebüll und Husum. Zwar ist der Hauke-Haien-Koog, wie ich letzte Woche bereits erzählt habe, erst deutlich nach Storms Tod nach seinem fiktiven Deichgrafen benannt worden. Aber in Fahretoft, wo im Roman Mariettas Beerdigung stattfindet, liegt gleich gegenüber der Kirchwarft das Hans Momsen-Haus. Die Sonnenuhr aus rotem Sandstein, die über dem Seiteneingang der Kirche angebracht ist, hat der berühmteste Sohn des Ortes angeblich vor über 250 Jahren selbst entworfen.

Die niedrigen Stützbalken waren im gleichen Blau gestrichen wie die Haustür und der Stuhl, der neben dem Spinnrad am gusseisernen Kamin stand. Etwas heller als die handbemalten Wandkacheln, die verschiedene Bibelgeschichten zeigten.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Was hat Hans Momsen mit der ganzen Geschichte zu tun? Nun, der Bauer und Mathematiker, Instrumentenbauer und Autodidakt gilt als real existierendes Vorbild für Hauke Haien, Storms Inspiration für den Überflieger – nur, dass Momsen meines Wissens nicht angefeindet wurde für seinen Intellekt, sondern seinem Dorf viel Gutes getan hat. Vielleicht hatte jemand, der eine Orgel und eine Sonnenuhr für seine Kirche entwirft, etwas mehr Feingefühl dafür, was seinen Mitmenschen wichtig ist, als Hauke. Heute ist das Haus eine Mischung aus Museum und Café.

Der Kuchen schmeckt in dieser Umgebung übrigens ganz wunderbar.

Ich bin also während dieser Reise nicht nur in meiner eigenen Geschichte herumgewandert, sondern auch in der, die sich ein Mann vor über einem Jahrhundert ausgedacht hat. Das liebe ich wirklich an diesem Beruf. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, wann da die Ideen in meinem Kopf miteinander kollidiert und verschmolzen sind, dass ich aus Kajas Reiterhof einen literarischen Reiterhof gemacht und das Drama in der Buchbubble angesiedelt habe, aber es passt gut zusammen.

Apropos Bücher: Schräg gegenüber des Storm-Hauses liegt übrigens eines der schönsten Antiquariate, das ich kenne. Schon der Eingangsbereich ist so vollgestopft mit Büchern, dass es mir ein Rätsel ist, wie die Besitzerin das alles im Kopf haben und zielsicher das empfehlen und finden kann, was die Kunschaft braucht – aber so ist es. 2018 suchte ich nach dem Museumsbesuch bei ihr Zuflucht vor dem starken Schneefall, und ehe ich es mich versah, haben wir uns über eine Stunde unterhalten und ich gestand ihr sogar, dass ich für meinen ersten Nordsee-Krimi recherchiere. Sie teilte meine Sorge, ob ich als Touristin wohl die Richtige dafür wäre, und bat mich, keine klischeehaften kühlen, blauäugigen „Käsköppe“ einzubauen. Daran habe ich mich gehalten und ebenso an die Mahnung, das Friesische kontrollieren zu lassen. Sprachwissenschaftler Felix hat sich die entsprechenden Passagen vorgenommen und glücklicherweise zielsicher die ostfriesischen Redewendungen rausgefischt, die sich in mein Nordfriesisch eingeschlichen hatten. Puh, sonst hätte ich mich nicht mehr nach Husum getraut!

Nächsten Samstag geht es dann weiter mit Teil 3 meiner Serie: das Reiten. Denn so ganz ungetrübt blieb meine Pferdeliebe nicht.

 

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