Schneesturm im Watt – die Location von Sturmflutnacht

Die Feuerstelle war kalt und ein eigenartiges Licht erfüllte das Wohnzimmer. Kaja brauchte einen Moment, bis sie es identifiziert hatte: Schnee! Eine dünne Schicht schimmerte auf der Fensterbank und noch mehr rieselte, diffus glitzernd, herab. Irgendwo drang wohl der Mond durch die Wolken. Schnee am 8. März. An der Nordsee. Die Welt war wirklich verrückt geworden.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

In einer Woche erscheint mein Regionalkrimi „Sturmflutnacht“ auf allen Plattformen. Rund um das Veröffentlichungsdatum gebe ich in vier Teilen einen Einblick in die Hintergründe der Geschichte und meiner Inspiration. Zum Auftakt stelle ich euch heute eine der wichtigsten Protagonistinnen vor: die Nordsee.

Keine Ahnung, ob ich mich getraut hätte, mich in dieses neue Genre zu stürzen, hätte meine Agentin Alisha Bionda nicht gesagt: „Ich wette, du kannst das.“ Wie kam sie darauf? Weil ich in meinen anderen Werken schon längst etwas ähnliches getan und vielerlei Anspielungen an real existierende Orte eingestreut habe. Nicht umsonst wollte eine Rezensentin für „No Pflock“ das Genre „Lokal-Horror“ erfinden. Es gibt so viele Krimis, dass ich schlicht eingeschüchtert war, nicht glaubte, noch einen interessanten Twist finden zu können oder einen unvorhersehbaren Fall zum Miträtseln. Aber Regionalkrimis leben letztlich von ihrer Atmosphäre, von Fluff, dass man sie „nachreisen“ kann – und ihren Originalen an Ermittler*innen (mehr dazu in Fortsetzungsteilen). An den Gedanken klammerte ich mich und versuchte es einfach – und erste Rückmeldungen zeigen, dass die Spannung wohl auch nicht zu kurz kommt. Dann kam mir aber eine weitere Sorge in den Sinn: Kenne ich die Region überhaupt gut genug, um überzeugend ihren Flair einzufangen? Meine bisherigen Bücher hatte ich im Altmühltal angesiedelt, meiner hessischen Heimat und im ländlichen Brandenburg – alles drei Orte, an denen ich jahrelang gewohnt hatte. Die Nordsee? Die kannte ich als Touristin. Aber das immerhin schon sehr lange.

Kindheitserinnerungen

Klein-Andrea trotzt den rauschenden Wogen. (Foto: Jürgen Weil)

Das ist das früheste Nordseebild, das ich von mir finden konnte: 1987, im Alter von fünf Jahren, offenbar bei einer Kutterfahrt. Aufgewachsen in den hessischen Mittelgebirgen, hatte ich den Vorteil, dass meine Familie es für die jeweiligen Urlaube genauso weit in die Berge hatte wie an die See – und wir das gerne abwechselnd ausnutzten. Wenn andere Menschen beim Wort „Meer“ sofort an türkises Wasser, Sandstrand und Palmen denken, sind meine Assoziationen graue Wellen, Deich, Wind im Gesicht … und die Hälfte der Zeit eine endlose Schlickfläche, weil das Meer nicht mal da ist. Und ich liebe es!

1999: der erste Besuch in Husum und Umgebung. Tesha wird im Nationalpark natürlich angeleint. (Fotos: Jürgen Weil)

Verschiedene Urlaube führten uns von Ostfriesland bis hinauf nach Dänemark, wo ich die erste und einzige Flaschenpost meines Lebens fand. Husum und das Theodor Storm Haus (dazu auch später mehr) lernte ich erstmals 1999 kennen. Der Tine-Brunnen (o.r.) hat einen Gastauftritt in Sturmflutnacht. Die Wattwanderung absolvierte ich übrigens, wie man erkennen kann, in meinen Reitstiefeln. Tesha war enttäuscht, dass sie die Schafe am Deich nicht hüten durfte.

Damit war schon der erste Samen gelegt für die Faszination. Bilder, die mir blieben und die Jahre später wieder beim Schreiben aufstiegen. Viel wichtiger sollte die Region aber 2008 für mich werden.

Die Frustreise

Das Gleis der Lorenbahn, die zu den Halligen führt (ab hier: Fotos von mir)

Es war keine der privaten Loren der Halligbewohner, die auf der Strecke nur geduldet wurden, sondern Johann, der Postschiffer, der da von Oland her mitten aus dem Meer den Damm entlanggerumpelt kam. Sie winkte und der Mann mit dem buschigen braunen Bart und der schwarzen Mütze grüßte zurück, bevor er weiter den Deich hinauftuckerte.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Im Jahr nach meinem Journalistik-Diplom verbrachte ich einige Monate in Stuttgart mit verschiedenen Praktika, in der Hoffnung, über die Kontakte, die ich bei meiner Diplomarbeits-Recherche geknüpft hatte, ein Volontariat zu bekommen und beruflich Fuß zu fassen. Das ging daneben und statt einer Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, die mir bereits angekündigt worden war, kam eine Absage. Für mich stürzte die Welt zusammen. Nachdem ich die Tränen einigermaßen unter Kontrolle hatte, ging ich in das nächste Reisebüro und sagte: „Ich muss so schnell wie möglich weg. Am besten an die Nordsee.“ Zwei Tage später saß ich im Zug nach Dagebüll.

Mein „Ich lass mich nicht kleinkriegen“-Gesicht auf einem Bootssteg auf Föhr

Es war Juni und noch Nebensaison, ich hatte fast die ganze Ferienhaussiedlung für mich allein. Dagebüll-Mole war ein eigenartiges Örtchen, weil kaum jemand wirklich dort zu wohnen schien. Das alte Dagebüll rund um die Kirche war ein Bahnhof weiter landeinwärts gelegen. Aber es war ein Verkehrsknotenpunkt, um mit den Fähren nach Helgoland oder Föhr zu fahren, nach Norden konnte man in einer Fahrrad-Tagestour einen Hopser über die dänische Grenze machen und nur ein Stück südlich radelte ich durch den Hauke-Haien-Koog. Der existiert allerdings nicht annähernd so lange wie der „Schimmelreiter“, sondern wurde erst in den 60ern durch Landgewinnung eingedeicht und dient seither als Acker, Weide und zum Teil als Vogelschutzgebiet. An einem Tag fuhr ich nach Husum und erwischte auf dem Rückweg zufällig die Dampflok, die gerade erst als Experiment eingeführt worden war, um Touristen zu locken .

Die bunten Badebuden (oben), erzählte eine Wattführerin, werden von Generation zu Generation weitervererbt.

Dagebüll war da, als ich es am dringendsten brauchte, pustete mir im wahrsten Sinne den Kopf durch, ich konnte mir den Frust ohne Zeugen im leeren Watt wegtanzen und -schreien. Es mag schönere Orte geben an der Nordsee, aber dieser hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Deshalb dachte ich auch sofort daran, als mir Jahre später die Idee zur „Sturmflutnacht“ kam – schließlich war die ebenfalls vom Schimmelreiter inspiriert.

Recherchereise im Februar 2018

Wintergäste im Hauke-Haien-Koog

Nonnengänse, eine schwarzweiße Schar, die wie auf ein geheimes Kommando hin aufstob und laut schnatternd über das Wasser heranstrich. Die Vorhut bemerkte die Radlerin, drehte bei, flankierte Kaja fast auf Augenhöhe. Eine Welle lief durch den Schwarm und das chaotische und zugleich grazile Ballett wirbelte in die andere Richtung davon, um sich ein Stück weiter unten von ihrem vorherigen Rastplatz niederzulassen.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Ich hatte ursprünglich nicht geplant, den Krimi im Winter spielen zu lassen, aber wenn man dann zu Beginn der Recherche einen Blick darauf wirft, wann alle spektakulären Sturmfluten der Geschichte Nordfrieslands stattgefunden haben, ergibt sich die Jahreszeit von selbst. Zwar war ich schon oft in der Nebensaison an der Nordsee (und auch Anfang April kann man da die Winterjacke noch gut gebrauchen und sich gleichzeitig einen Sonnenbrand holen), aber noch nie mitten im Winter. Die Auswahl an Ferienwohnungen war äußerst begrenzt und umso größer meine Freude, als ich herausfand, dass man tatsächlich eine Ferienwohnung auf einem Isländer-Ponyhof direkt hinter dem Deich buchen konnte! Prompt habe ich Kajas Hof genau an diese Stelle verlegt und selbst die Ferienwohnung als Inspiration für den Aufbau von Kajas und Kalles Haus genommen.

Im Roman dient dieser Raum als Lesezimmer-Büro mit einem nicht unwichtigen Ausblick aufs Nachbarhaus.

Wieder fand ich Dagebüll-Mole relativ menschenverlassen vor, aber – meine Güte, was hatte sich der Ort in dem Jahrzehnt verändert! Eine Einkaufspromenade aus Holzhäusern, die ich eher nach Holland oder Schweden gesteckt hätte als nach Nordfriesland, hatte den alten Fischimbiss verdrängt, der einst Tote Tante to Go verkaufte und nicht mit Rum sparte, der Badestrand war gesperrt, weil der Deich erhöht werden musste (wegen des steigenden Meeresspiegels – passend zu meinem Krimithema) und die Ferienhaussiedlung hatte sich gefühlt verdreifacht. Später besorgte ich mir ein Probeabo des Nordfriesland Tageblatts, um im Archiv ein Jahrzehnt Lokalpolitik, Tourismusentwicklung, jüngste Sturmschäden und Kuriositäten nachzulesen. Das hat mir sehr geholfen, mich weiter einzufühlen.

Die Nordseestraße von Dagebüll-Mole.

Die Leute – vage bekannte Gesichter hinter hochgeschlagenen Kragen und tief in die Stirn gezogenen Mützen – machten ihr bereitwillig Platz und gaben den Blick frei auf die blaue Fassade des Friseurladens. Eine Holzbank stand davor, obwohl „Watt’n Schnitt“ wie die meisten Geschäfte in der Nebensaison geschlossen war.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Eine Woche blieb ich und suchte ganz gezielt nach Tatorten, Friedhöfen (und den häufigsten Namen auf den Grabsteinen), stoppte die Zeiten, wenn ich mit dem Fahrrad die verschiedenen Wege vor und hinter dem Deich abfuhr, plauderte mit meinen Gastgebern übers Reiten an der Nordsee, das wegen verschiedenster Naturschutzauflagen nicht so romantisch ist, wie man denken mag, und saugte die Stimmung auf.

Rechts der Hauke-Haien-Koog, links die Küste, die in der Sturmflutnacht viel gefährlicher aussieht als an einem sonnigen Nachmittag. Den Bauwagen habe ich im Roman zum Treffpunkt der Dorfjugend erklärt.

Ich machte Fotos von verschiedensten Details: Wann der Bücherbus vorbeikam, der eine Bibliothek ersetzte, wie die Mülleimer durch Gitterdeckel gegen hungrige Möwen gesichert wurden, auf welche Weise die Gittertore am Deich abgeschlossen waren, um zu verhindern, dass Autos hinauffuhren. Das Wichtigste waren die Gespräche mit den Menschen, die mir begegneten und die kein Stück ins Klischee der maulfaulen Nordlichter passten. Das haben mir auch Zugezogene in die Region bestätigt: Zurückhaltend vielleicht, aber auch neugierig und offen. Wer ehrliches Interesse zeigt, wird herzlich aufgenommen.

Der Friedhof von Fahretoft, gleich gegenüber des Hans Momsen Hauses.

Am liebsten wäre sie einfach hier stehen geblieben, aber die Menschen um sie herum drifteten der Prozession nach, also folgten sie im Kielwasser bis zum südlichen Ende, wo die moderneren Grabsteine standen. Die kahlen Äste der Bäume, die den Friedhof dort begrenzten, streckten ihre langen, dünnen Schattenfinger nach den Trauergästen aus.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Der Wind kam meist aus Ost und war absurd kalt. Die wenigen Stunden, die sich das Meer zurückzog, genügten, dass sich das ganze Watt mit grisseligem Eis überzog.

Die Reise kostete mich noch etwas mehr als gedacht: meine kleine Kamera. Fiel offen in eine Düne und ging eine untrennbare Verbindung mit Sand ein.

Am vorletzten Tag überraschte mich der laut meiner einheimischen Quellen dickste Schnee seit über zwanzig Jahren und brachte das Abenteuer mit sich, auf völlig ungeräumten Dammstraßen zu fahren und damit zu rechnen, jederzeit zu den Schafen in die Wiesen zu rutschen. Dank guter Winterreifen und nicht vorhandenen Gegenverkehrs ist alles gut gegangen und ich kam heil nach Schwedt zurück – das für den Rest des Winters enttäuschend schneefrei blieb.

Ich kam also zurück mit dem Kopf voller Bilder und Ideen, schrieb bereits vorformulierte Kapitel teilweise nochmal komplett nach den tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort um. Dass ich dann trotzdem stecken blieb und die Geschichte erst sehr viel später beendete, hatte dann andere Gründe. Doch ich hoffe, das Warten hat sich gelohnt und meine Leserschaft und solche, die es noch werden wollen, haben so viel Spaß mit meiner Nordsee, wie ich es hatte und habe.

Am 1. Mai setze ich meine Mini-Serie fort. Freut euch auf: der Schimmelreiter, das Reiten und Kaja als Protagonistin. Bis nächste Woche!

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