Liebe mit Hindernissen – die Autorin und die Pferde

Agathe lachte in die Kamera, Wange an Wange mit ihrem Fliegenschimmel Jungo. Hilf mir, Oma! Das war wohl das, was bei Kaja jemals einem Gebet am nächsten kam. Schon zu Lebzeiten war Agathe ihr guter Schutzgeist gewesen.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Die technischen Probleme sind gelöst und mein Regionalkrimi „Sturmflutnacht“ ist seit Mitte der Woche auf allen Plattformen zu haben. Bald fangen wir eine Lovelybooks-Leserunde an – haltet die Augen offen, wenn ihr mitmachen mögt! Rund um das Veröffentlichungsdatum gebe ich in vier Teilen einen Einblick in die Hintergründe der Geschichte und meiner Inspiration. Heute: nicht zwingend Schimmel, sondern alle  Pferde meines Lebens.

Ja, den Fliegenschimmel Jungo gab es wirklich. Er war mein Liebling in der Zeit, in der er als Schulpferd auf dem Villmarer „Heidehof“ zur Verfügung stand – obwohl ich damit ziemlich alleine war. Schnell stellte sich heraus, dass der Hannoveraner nicht das Nervenkostüm hatte, stetig wechselnde Anfänger*innen auf seinem Rücken herumturnen zu lassen. Ich aber verliebte mich spontan in ihn mit dem Ergebnis, dass er bei mir erheblich weniger Blödsinn machte als mit vielen anderen. Von solchen Kleinigkeiten wie mit mir auf dem Rücken mitten in eine Hecke galoppieren oder rückwärts im Graben herumstolpern statt vorwärts auf dem Weg. Bald boten die Besitzer des Reitehofs ihn zum Verkauf an – und als erstes mir, doch als Schülerin kurz vor dem Abi konnte ich ihn mir nicht leisten. Immerhin blieb er danach bis zu seinem viel zu frühen Tod auf dem Hof stehen und ich konnte beobachten, wie viel ausgeglichener und glücklicher er unter der Hand von zwei Profis wurde.

Jedes Mädchen hat seine Pferdephase, heißt es, und bei mir war es nicht anders: Ich kaufte regelmäßig die Wendy-Hefte, verschlang verschiedenste Pferdebücher wie die Anja-Reihe von Lise Gast. Mein Favorit war allerdings „Sturmwolke“ von Logan Forster, das mir mein Vater vererbt hatte und das ich Kaja als Inspiration für den Namen ihres literarischen Reiterhofs verpasst habe. Allerdings war mein Einstieg in die Reiterei keineswegs ungetrübt. Mit neun Jahren bekam ich nach langen Sehnen eine Zehnerkarte Einzelunterricht auf einem Hof im Nachbardorf geschenkt – das war das Mindestalter, denn dort gab es nur Großpferde. In der dritten oder vierten Stunde war „mein“ Pferd Pescado nicht verfügbar und ich wurde auf „Wildfee“ gesetzt, die ihrem Namen alle Ehre machte und ständig durchging. An der Longe konnte zwar nicht viel passieren, doch danach hatte ich eine tiefsitzende Panik und ständige Angst vor diesem unberechenbaren Tier unter mir. Ich weinte, wenn ich zur Reitstunde sollte, und wollte nach der Zehnerkarte nie wieder aufsteigen. Das hielt bis zum Alter von zwölf, dann hatten mich die vierbeinigen Freunde meiner Freundinnen wieder weichgeklopft. Ich fing auf dem Heidehof in meinem Heimatdorf wieder an, diesmal auf Ponys, um nicht so tief zu fallen, und blieb dabei, bis mir das Studium Zeit und Geld raubte. Eine gewisse Angst lauerte jedoch stets im Hintergrund und hatte immer wieder mal Gastauftritte, wenn die Pferde im Frühjahr beim ersten Ausritt besonders enthusiastisch wurden oder die Reitlehrerin einen Hindernisparkours aufbaute. Ich hatte nie Ambitionen, auf Turniere zu gehen, am liebsten bummelte ich mit den Pferdis draußen in der Natur herum.

Beim Regenbogen Ponyland in Schupbach (Foto: T. Schäfer)

Bis alle mit langen Zügeln ein paar entspannte Runden abritten, lachten sie sogar wieder. Kaja zog sich den Mantelkragen höher über den verschwitzten Hals. Mami und jetzt auch noch Traumatherapeutin. Aber ja, das passierte bei der Arbeit mit Pferden. Und beim Schreiben. Es wühlte Dinge auf.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Ein Jahrzehnt mit Pferden prägt natürlich – und seit ich Sturmflutnacht geschrieben habe, treibt mich die Lust um, nochmal mit diesem Hobby anzufangen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, wie viel ich meiner operierten Bandscheibe zutrauen darf. Es war jedenfalls erstaunlich, wie viel Wissen sich in den Tiefen meines Gedächtnisses vergraben hatte und hervorkam, kaum, dass ich mit dem Schreiben anfing. Sicherheitshalber recherchierte ich einiges nochmal nach, doch genau wie beim den Katzen von „Neun Leben, achtzehn Krallen“ zuvor lag ich erstaunlich oft goldrichtig. Allem voran ist der Name Kaja eine Hommage an „Caja“, das Pferd meiner Reitlehrerin, die ich nach Jungo eine ganze Weile übernehmen durfte. Viele Namen aus dem Roman haben Vorbilder in meiner eigenen Geschichte mit Pferden. Bis auf Schneeflocke, die ich einfach gleich eins zu eins ins Buch gehoben habe, das dickköpfige, schwarze Shetlandpony, dessen Namen niemand auf den ersten Blick verstand. Die Anekdote, wie sie unter der Absperrung der Halle durchlief, um ihre Reiterin abzustreifen, habe ich selbst gesehen. Weniger gelacht haben wir, als sie mir am Putzplatz von hinten in die Kniekehlen trat und mich damit komplett fällte.

Die Islandponys vom Hof in Dagebüll steckten den überraschenden Schnee besser weg als manche Menschen.

Die Seitenstraße war frei bis zum Horizont. Sie richtete sich im Sattel auf, beugte sich über den Hals, streckte die Hände vor und flüsterte: „Los!“ Der Hengst setzte sich fast auf seine Hinterhand, dann katapultierte er sich mit einem meterlangen Satz vorwärts, ein Geschoss, das endlich aus der Schleuder entlassen worden war. Kajas Jauchzen blieb irgendwo hinter ihnen zurück.

Andrea Weil: Sturmflutnacht, Edel Elements, Mai 2021

Dass ich das Glück hatte, bei meiner Recherchereise sogar auf einem Ponyhof in Dagebüll zu wohnen, habe ich ja bereits erzählt. Doch auch wenn das Wohngebäude an das Reethaus dortangelehnt ist, habe ich ansonsten geschummelt: Heuboden, Stall und der Gemeinschaftsraum darüber stehen in Wirklichkeit im hessischen Schupbach, auf dem „Regenbogen Ponyland“ eines befreundeten Pärchens. Dort habe ich einigen Einblick hinter die Kulissen eines Reiterhofbetriebes bekommen. Eigentlich würde das Gebäude rein größenmäßig gar nicht auf die Warft in Dagebüll passen, aber das sind nun mal die künstlerischen Freiheiten, die ich mir erlaube.

Nächste Woche schließe ich meine Mini-Serie ab mit ein paar Gedanken zu Kaja als Protagonistin.

 

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