Zwischen Schmerzen und Schreibflow – LBM 2016

Überall sehe ich gerade Erinnerungen an die Leipziger Buchmesse, die wir jetzt schon im zweiten Jahr missen müssen – und mir fiel auf, dass es von einer meiner wichtigsten vor 5 Jahren keine Bilder zu geben scheint, keine Social-Media Nachrichten, nicht mal einen Blogeintrag. Nach kurzem Wundern fiel mir das Datum auf und alles machte Sinn: März 2016 steckte ich ziemlich genau in der Hälfte der Zeit zwischen Bandscheibenvorfall und Bandscheiben-OP, die Ärzt*innen versuchten noch, Schmerzen und taubem Bein mit Spritzen und starken Tabletten zu kurieren. Ja, ich war auf der Buchmesse, sogar alle vier Tage – aber immer nur für höchstens eineinhalb Stunden. Den Rest verbrachte ich dösend auf dem Sofa des Freundes oder versuchte, im Liegen zu schreiben, denn der große Showdown im „No Pflock„-Manuskript stand an. Ich erinnere mich an dieses Wochenende als einen Rausch an Schmerzen und Begeisterung und witzigerweise sehen auch die wenigen Fotos, die ich gemacht habe, so aus: völlig verschwommen. Könnte aber auch an meinem miesen Billig-Smartphone gelegen haben.  Warum war dies eine meiner wichtigsten Buchmessen? Zum einen lernte ich erstmals meine anderen Mit-Textehexen kennen – Susanne hatte ich schon während meiner ersten Messe überhaupt in 2015 getroffen (oje, die Begegnung mit dem Bundesamt für magische Wesen ist nicht gut gealtert – aber der kommt ja eh nicht mehr nach Leipzig, ein Glück. Wer wissen will, warum, nur so viel: Auch schwule Männer können diskriminierende, misogyne Arschlöcher sein. Und versuchen, sich um das Zahlen von Rechnungen zu drücken.). Außerdem hatte ich das Vergnügen, Susanne erstmals in ihrem Element auf einer Lesung zu erleben. Ich liebe ihren Humor so unendlich.

Zum anderen bin ich 2016 endlich meinen Chatadias aus der Schreibnacht persönlich begegnet. Wir hingen immer gemeinsam im Chat rum (als die Zeitangabe noch funktionierte) und ließen unsere Buchcharaktere miteinander plaudern, was für Leute, die zufällig hereinstolperten, sehr seltsam gewesen sein muss – Vampir und Profililler tauschen sich über ihre letzte Beute aus. Deshalb gründeten wir eine Writing Buddies Gruppe und unsere ganz eigenen RPG. Bis heute schreiben wir uns täglich in unserem persönlichen Discord und organisieren Schreib- und Spielabende, um in der Pandemie freundliche Gesichter zu sehen. Ich möchte diese Frauen nie mehr missen in meinem Leben. Und der Anfang war dieser Abend vor 5 Jahren. Rosie hatte uns Muffins gebacken und als Erkennungszeichen Fähnchen mit den Namen unserer liebsten Charaktere reingesteckt – das kann doch nur der Beginn einer herrlichen Freundschaft sein, oder?

Roland kennen die meisten abseits meines Freundeskreises und der Rollenspielrunde, der er entwuchs, noch nicht. Das ist der Protagonist meiner Science-Fiction-Geschichte. Als ich das Exposé schickte, war die Spontanreaktion meiner Agentin: O weh, SF lässt sich schwer vermitteln. Und nach dem Lesen: Toll, willst du nicht gleich eine Trilogie draus machen? Ein Herzensprojekt, das noch weiter warten muss, aber es kommt. Ravic … Tja, Rosie wusste ja nicht, was der Kerl gerade in meinem Kopf und dann auf dem Papier anrichtete.

No Pflock ist zu einem großen Teil in dieser Phase entstanden, in der ich permanent Schmerzen hatte und mich nur von einer Tablette zur nächsten hangelte. Zum Abtippen habe ich mir dann in Ermangelung eines höhenverstellbaren Tisches, wie ich ihn mir nach der Reha anschaffte, ein Stehpult aus Pappkartons gebastelt, auf dem ich die Unterarme nicht auflegen konnte und prompt wieder Schmerzen in dem 2013 operierten Handgelenk bekam. Ob die Geschichte deshalb so blutig geworden ist, dass sich eine Rezensentin auf Amazon dazu hinreißen ließ zu schreiben: „Man könnte sagen, ‚No Pflock‘ verhält sich zu ‚Twilight‘ wie ‚Game of Thrones‘ zu ‚Narnia'“?

Ich weiß es nicht, aber dass mich Martin, Alina und Ravic so fesselten und beschäftigten, hat mich in diesen sieben Monaten, die ich nicht arbeiten konnte, wahrscheinlich davor gerettet, durchzudrehen. Zum Finale hin bin ich immer wie im Fieber, fliege förmlich mit dem Stift über die Seiten, denn plötzlich ist alles klar, sagen mir die Figuren genau, was passieren muss. Und wenn es, wie im Fall von No Pflock, stark vom Exposé abweicht. „Das passiert halt beim Schreiben“, sagte die wunderbare Verlegerin schulternzuckend, als ich ihr den Spoiler kleinlaut gestand. Der Twist, der meine Leserschaft oftmals entzweit, häufig, witzigerweise, nach Geschlechtern getrennt. Dieser entstand übrigens im Zug auf der Heimfahrt von der LBM. Entgegen meiner Gewohnheit hörte ich dabei Musik, weil die Kinder in der Sitzreihe neben mir zu laut kreischten. Immer wieder das „Doomsday Theme“ von Doctor Who in Dauerschleife.

Ja, das war sie, meine LBM vor fünf Jahren. Schöne Erinnerungen und schreckliche zugleich. Aber wir werden noch viele solche sammeln, gemeinsam. Wenn wir bis dahin geduldig sind und auf uns und andere aufpassen, dass diese Scheiß-Krankheit keine Chance hat. Stay home, stay safe, ihr Lieben!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.