Vampire zum Einschlafen

Warum ich prima einschlafen kann, während ich mir ein Gemetzel meiner Vampire ausmale.

Ohne Witz, das mache ich regelmäßig, wenn mich nachts die Ängste zu fressen drohen. Das kennt ihr sicher, dass in der Dunkelheit alles größer, komplizierter und überwältigender ist als im Tageslicht. Krieg, Pandemie, gesundheitliche Probleme, ob körperlich oder psychisch, Erfolgsdruck, Erwartungen von Kund*innen, Familie oder am schlimmsten: von mir selbst. Das alles kann dafür sorgen, dass ich mich stundenlang schwitzend hin und her wälze, grübele und immer frustrierter und panischer werde. Wenn ich es aber schaffe, meine Gedanken darauf zu konzentrieren, wie die große Konfrontation im geheimen Vampirprojekt abläuft, an welchen Ereignissen der Menschheitsgeschichte Ravic heimlich beteiligt war oder wen Traudel (1) noch auf ihren Speiseplan setzt, komme ich zur Ruhe. Der Horror, den ich höchst selbst kontrolliere, kann mir nie so viel Angst machen wie das reale Leben.

Früher hat mir diese Dunkelheit in mir selbst Sorge bereitet. Als ich dann in der Schule in Ethik die Theorie von Freuds Todestrieb las, den wir in Kunst ausdrücken und umwandeln, um ihn weder gegen uns noch andere wenden zu müssen, hat das für mich total Sinn gemacht. Ich weiß, Freud ist heute aus gutem Grund umstritten, aber dass jeder Mensch zu Bösem fähig zu sein scheint, ist nicht wegzudiskutieren. Dieses Motiv beschäftigt mich in der ein oder anderen Form in allen meinen Romanen, nicht nur der Fantasy. Es ist besser, sich dessen bewusst und auf der Hut zu sein, finde ich.

Deshalb sind blutige Vampire mein „Wohlfühlgenre“, wie meine Agentin es mal nannte. Auch nach so vielen Jahren und Variationen fesselt mich dieses Raubtier, das einmal ein Mensch war, noch immer. Deshalb ist es kein Wunder, dass ich über einen Spaß-Spinoff meiner #Gnackzuzler wieder ins aktive Schreiben hineingefunden habe und diese Energie dann auf den sehr viel friedlicheren Cosy Crime übertragen werde. Kreativität lässt sich nicht erzwingen. Und mit jedem Wort und jedem vergossenen Blutstropfen erobere ich mir mein Leben von meinen Ängsten zurück. Tschakka!

Eine Fußnote

(1)

Ja, für alle, die genau aufgepasst haben: Ich hab gerade eine Kurzgeschichte verfasst über Traudels sechs Nächte als Unsterbliche. Da mehr als eine Leser*in wissen wollte, wie es wohl der alten Dame im Seniorenheim erging, die von Ravic plötzlich in dieses Leben geworfen wurde (eine nannte sie „mein Spirit Animal“), habe ich die Idee genutzt, um wieder ins Schreiben zurückzufinden. Um danach nahtlos mit dem Cosy Crime weiterzumachen. Ich muss noch sehen, in welcher Form ich das mit euch teile.

Oh, ihre Gedanken waren in seinen Kopf eingefallen wie ein Schwarm Wespen. Und genauso hatte sie unter ihren Feinden gewütet: Die Frau von der Tafel, die immer das Essen kalt werden ließ. Der Nachbar, der so laut Rotz herum spuckte, dass man es durch alle Wände hören konnte. Die Tratschtante vom Kartenclub, die beim Rommee schummelte. Traudel hatte sich nicht lange mit Hadern aufgehalten – Kriegsgeneration vom feinsten –, sondern sich sofort ins Vampirdasein gestürzt. Mit gerade mal sechs Nächten hatte sie wahrscheinlich einen Rekord¬ aufgestellt – für die kürzeste Lebensdauer als Unsterbliche.

Andrea Weil: No Pflock, Fabylon Verlag 2017

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