Beste Inspiration: der Friedhof

Weltenbau-Serie, Teil 2: Namensgebung

Darüber unterhalten sich Autor*innen besonders gerne: Wie sie ihre Figuren benennen. Auch das ist Weltenbau. Und auch wenn ich coole, ausgefallene Namen schätze, können sie gerade in den realistischen Genres in meinen Augen zu sehr ablenken bzw. unrealistisch erscheinen. Namen wecken Assoziationen. Auch wenn sich Eltern dank des Internets von Kulturkreisen auf der ganzen Welt bedienen können oder auf so verrückte Ideen kommen, dass das Standesamt einen Riegel vorschieben muss (wobei sich mir nicht ganz erschließt, warum Popo und Matt-Eagle erlaubt sind, Sonne und Rosenherz aber nicht – manche Eltern wollen einfach, dass ihre Kinder gemobbt werden, oder?), halte ich mich lieber an Namen, die sich besser einfügen. Und wenn nicht, geschieht das mit Absicht.

Passend zur Region und zum Alter

Zum Beispiel: Helmut Nassauer, Protagonist meines aktuellen Cosy Crime, ist Jahrgang 1933, da hätten Eltern in einem hessischen Kaff ihr Kind definitiv nicht Vincenzo genannt. Und wenn ein Vincenzo im Münchner Vampirältestenrat sitzt, hat das eine besondere Hintergrundgeschichte. Die wird in „No Pflock“ nur angedeutet und erst ausgeführt, sollte je der Liza-Spinoff einen Verlag finden. Der Name Nassauer bezieht sich darauf, dass sich Helmut als chronisch unterbezahlter Lokaljournalist gern bei allen Vereinsveranstaltungen durchschnorrt (obwohl das Wort den Nassauern zu unrecht angehängt wurde – ursprünglich bedeutet es, dass andere Menschen vorgaben, in Nassau geboren zu sein, um von einem Stipendium des Nassauer Herzogs zu profitieren). Helmut heißt er, weil es erstens ein typischer „älterer“ Name ist und zweitens in mir die Assoziation mit dem von Armin Müller-Stahl gespielten New Yorker Taxifahrer im Film „Night on Earth“ weckt, dessen Name die amerikanischen Fahrgäste zu „helmet“ (= Helm) verhohnepipeln.

Bei meiner Recherchereise nach Dagebüll ging ich mit als erstes auf den Friedhof und identifizierte schnell Petersen als den am häufigsten vertretenen Namen. Deshalb heißt die Kriminalkommissarin so. Menschen lassen sich in der Regel in ihrer Heimat begraben und je älter ein Friedhof ist, umso leichter lässt sich ablesen, welche Familien alteingesessen sind.  Je größer eine Stadt, desto größer die Vielfalt. Die meisten Namen bei einem einzigen Besuch hab ich mir bislang auf dem Berliner Ostfriedhof notiert (mein Liebling dort war Eveking – so habe ich dann einen Drachen in einer Kurzgeschichte genannt). Deswegen gehe ich in allen Ländern und Städten gern dorthin, wegen der Namen und weil man dort vom Stress mehr Ruhe findet als in einem Park. Makaber? Finde ich nicht. Es ist ja auch eine Art, der Verstorbenen zu gedenken.Wir haben nur nicht so ein natürliches Verhältnis mit diesem Ort wie andere Kulturen.

Der Friedhof in Niebüll, auf dem in „Sturmflutnacht“ Marietta beigesetzt wird

Hauptfiguren – ein besonderes Verhältnis

Kehren wir nochmal zu Sturmflutnacht zurück: Petersens Kollege Liam Kasprzycki deutet etwas Diversität in der Truppe an. Meine Hauptfigur Kaja dagegen hat diesen Namen, weil ich früher auf dem Villmarer Heidehof ein Pferd mit Namen Caja geritten habe. Das mache ich häufig mit wichtigen Figuren: ihre Namen stellen ganz persönliche Assoziationen dar, die kaum jemand außer mir verstehen wird. Manchmal suche ich auch Namen mit einer ganz bestimmten Bedeutung. „Ravic“ beispielsweise ist tendenziell ein Spoiler, deshalb googeln auf eigene Gefahr, wenn ihr No Pflock noch nicht gelesen habt! Martin heißt so, weil es der durchschnittlichste Name ist, der mir einfiel – in der fünften Klasse hatten wir fünf davon. Nur in meinem Klassenraum! Solche „Wegwerfnamen“ (meine Entschuldigung an alle Martins) verwende ich sonst nur für eher unwichtige Nebenfiguren, damit die Aufmerksamkeit der Leserschaft von ihnen abgleiten kann und es nicht schlimm ist, wenn sie sie vergessen – diese Leute werden eh keine Rolle mehr spielen. Bei Martin allerdings ist ja der Witz, dass er absolut nichts Besonderes ist – der Anti-Twilight-Held.

Tiernamen – eigene und von Menschen gegebene

Besonders interessant wird es für mich bei Tieren. In „Menschenwolf“ hat Isa gelegentlich Kontakt mit echten Wölfen, und da habe ich mich von Fassung Eins an darauf verlegt, auf eine Namensgebung zu verzichten. Die Idee hatte ich von den amerikanischen Wolfsforschern: Sie bezeichnen die Tiere nur mit Nummern. Die romantische Erklärung lautet, wahrscheinlich hätten sie geheime Namen, die wir nie erfahren werden, deshalb sei es respektvoller, ihnen keine zu geben. Die unromantische Version lautet, dass die Forscher Distanz zu ihrem Forschungsobjekt wahren sollen. Die tatsächliche Erklärung dafür, was ich vorher nur gefühlt habe, kam mir erst zur dritten Menschenwolf-Fassung:

Wölfe haben keine Namen. Sie brauchen keine. Sie reden mit dem ganzen Körper, immer geradeaus und unmissverständlich. Jeder hat seinen unverwechselbaren Geruch, was braucht es da Namen?

Auf die Formulierung bin ich ein bisschen stolz.

Die Idee mit den geheimen Namen kam nochmal zurück bei „Neun Leben. achtzehn Krallen„, auch wenn mir da eher „Das Benennen von Katzen“ aus dem Musical Cats eine Inspiration war (keine Angst, ihr könnt auf den Link klicken, ich würde es niemanden antun, den schrecklichen Film zu verknüpfen). Es macht in meinen Augen Sinn, dass Katzen sich selbst Namen geben/welche haben, die nichts mit denen zu tun haben, die wir ihnen verpassen. Genauso, wie Mrri den Menschen seine eigenen Namen gibt: Oma Milch, Familie Wilddose und Herr Scharrecke – da dürft ihr mal raten, warum. Eine Ausnahme ist Jamima (wieder eine Cats-Referenz), die sich derart mit ihrer menschlichen Familie identifiziert, dass sie ihren kätzischen Namen komplett abgelegt hat. Und Zachi, der ein Easter Egg ist – er wandert aus verschiedenen meiner Geschichten hinein und wieder heraus. Ansonsten sind alle Katzen in Neun Leben nach Lauten benannt, die sie ausstoßen: Roa, Meo, Nau … Mrri selbst bezieht sich auf ein bestimmtes Begrüßungstrillern, das sein real existierendes Vorbild Tom immer hören ließ, wenn wir morgens die Terrassentür öffneten und sein Futter bereitstellten. Ich habe dieses Geräusch immer noch im Ohr und liebe es!

Straßenkater Tom, einst mein Lehrmeister in Sachen Respekt vor Tieren

Nächste Folge: Der Einsatz von Sinnen

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