2020 – positiv betrachtet

Ach, wir wissen doch alle, was dieses Jahr war. Wenn ein Beitrag, den ich im März schrieb, acht Monate später immer noch genauso gilt, auch wenn ich mittlerweile mit meinen Ängsten etwas Frieden geschlossen habe oder schlicht zu müde für sie bin, muss ich das nicht nochmal durchkauen. Deshalb werde ich etwas ganz Unerhörtes tun: Ich werde einen rein positiven Jahresrückblick schreiben! Geordnet nach meinen drei großen Highlights: Schreiben, Natur und Menschen.

1. Schreiben

Das war mein leicht panisch-begeisterter Blick, als ich im Mai endlich das fertige Manuskript von „Sturmflutnacht“ an Edel Elements schicken konnte. Und ja, wir sind zurück bei meinem ursprünglichen Arbeitstitel, was bedeutet, dass ich nach wie vor eine hundertprozentige Erfolgsquote habe – den Verlagen gefällt es offenbar, was ich vorschlage. Das Projekt geistert ja schon seit 2018 durch meinen Blog und wer ihn verfolgt, weiß, dass es nun eineinhalb Jahre nach der bereits verlängerten Deadline fertig geworden ist. Ich bin dem Verlag und meiner Agentin sehr dankbar, dass sie so geduldig waren und mir die Luft gelassen haben, als depressionsbedingt einfach gar nichts mehr ging. So eine lange Pause, das hatte mir etwas Sorgen gemacht. Was, wenn ich beim Abtippen feststellen würde, dass da ein großer Bruch drin ist, Logiklöcher, Widersprüche und noch schlimmer: dass ich die individuelle Erzählstimme verloren hätte? Aber nichts dergleichen! Ein paar kleine Wiederholungen, die ich leicht streichen konnte, das war’s. Kaja hat sich unverwechselbar in mein Hirn eingebrannt und ließ sich nicht mehr daraus vertreiben, die ehemalige Hausbesetzerin.

Meine zweite Sorge kam von der Tatsache, dass ich erstmals eine queere Hauptfigur hatte, auch wenn das für den Plot des Krimis kaum eine Rolle spielt, sondern nebenbei mitläuft, dass Kaja neben ihrem Lebensgefährten eben auch eine Geliebte hat, ohne dass Kalle damit ein Problem hätte. Meine Sensitivity Reader hatten da einige nützliche Anmerkungen, aber nicht alle Testleser*innen nahmen espositiv auf. Ob der bislang größte Verlag, der sich für eines meiner Manuskripte interessierte, Bedenken wegen der Massentauglichkeit bekommen würde? Tja – Edel Elements engagierte eine Lektorin, die sich für LGBTQ+ engagiert, und die Überarbeitung ging glatt über die Bühne. Das Cover stand, September war angepeilt … Also warum habt ihr noch nichts davon gehört? Weil die Veröffentlichung aus einem sehr coolen Grund, der noch nicht offiziell ist, auf Frühjahr verschoben wird. Stay tuned!

Bis dahin könnt ihr euch schon mal mit dem Projektsoundtrack einstimmen:

Ein Tod und gute Musik: der Sturmflut-Projektsoundtrack

Hallo, Möpschen! Jap, dafür gab es eine andere Veröffentlichung, die ich gar nicht so auf dem Schirm hatte, weil die Novelle schon vor einiger Zeit entstanden ist: „Vergiss ‚bis dass der Tod euch scheidet‘!“ in „Der Mops, der Liebesbote spielte„. Auf Instagram hab ich nach dem Auspacken in einem Video ein bisschen was über den Hintergrund erzählt. Inspiriert wurde es von den Dutzenden von Interviews, die ich als Lokaljournalistin mit Jubiläumspaaren geführt habe. Das Ziel: Zeigen, dass es auch im Alter noch Romantik gibt, im Alltag, und dass wahre Liebe manchmal heißt, loszulassen, alleine weiterzumachen, das Leben neu für sich zu entdecken, weil der verlorene Mensch es so gewollt hätte. Wenn ich schon romantisch werde, dann auf meine Art!

Nachdem ich also im März schön brav den Krimi beendet und zu den Testleser*innen geschickt hatte, öffnete ich die Schotten und ließ mein geheimes Herzensprojekt herein: den Vampirkrieg. Über zwei Jahre hatte ich ihn mir selbst verboten, weil ich erst das Projekt mit der Deadline beenden wollte, bastelte nur hier und da am „fertigen“ Band 1 herum, wenn eine Testleserin Anmerkungen zurückschickte. Abends im Bett aber malte ich mir heimlich Szenen aus – eine Entspannungsübung, da ich das ja nicht schreiben „musste“. Das Ergebnis dieser Strategie war, dass sich im Frühjahr über die Hälfte des Manuskriptsin einem Rutsch runterschreiben ließ wie diktiert und auch der Rest wenig Probleme bereitete. Besonders gern verkroch ich mich im Sommer in meinem geheimen Park, von dem ein Großteil der Bewohner Grimmas immer noch nicht bemerkt hat, dass exakt ein kleines Törchen offensteht, und brachte meine neue Fledermaus-Sonnenbrille zum Einsatz. Nach acht Monaten hatte ich mein bislang längstes Manuskript geschrieben und abgetippt, das mit etwas über 400 Normseiten noch den bisherigen Rekordhalter – Band 1 – um gut 40 Seiten überbot.

Eigentlich sollte ich das nicht zu laut sagen, weil sonst alle glauben, so einen Kraftakt könnte ich jederzeit aus dem Hut zaubern, dabei funktioniert das wohl nur dann, wenn man schon derart vertraut ist mit seinen Charakteren. Aber für mein nächstes Projekt habe ich  etwas mehr Zeit: ein neuer Krimi! Diesmal im Lokaljournalismus-Mileu und in meiner alten Heimat angesiedelt  – wenn auch in fiktiven Ortschaften, um meine Erlebnisse ausreichend fiktionalisieren zu können und niemandem auf die Füße zu treten. Ich hab mir die Leseprobe angeschaut und schon angefangen und war ganz überrascht, wie witzig Helmut Nassauer ist. Ich freu mich drauf, auch wenn ich mir dafür wieder Vampirkrieg 3 verbieten werde. Ich liebe sowohl meine Herzensprojekte als auch meine Auftragsarbeiten, selbst wenn die mir erst immer etwas ans Herz wachsen müssen.

2. Natur

Rund um Grimma habe ich mittlerweile einige schöne und nahezu einsame Schreibplätze gefunden. Ein besonderes Highlight ist immer das Eisvogelpärchen, das sich ausgerechnet am helllichten Mittag an der vielbegangenen Fußgängerbrücke rumtreibt oder sogar mitten am Bootsanleger fischt – während ich vorher in meinem Leben exakt zweimal einen Eisvogel gesehen habe, und einmal bin ich dafür extra um halb 5 morgens in den Nationalpark Unteres Odertal gefahren. Ein Foto ist mir trotzdem noch nicht von den beiden blauglitzernden Schätzen gelungen.

Eigentlich wollten der Freund und ich im Sommer nach Oberstdorf, doch obwohl zu dem Zeitpunkt Reisen erlaubt war, haben wir angesichts der völlig überhaufenen Hotspots im Allgäu beschlossen, eine Ecke zu suchen, die kaum jemand kennt. Die Wahl fiel auf den Kellerwald, den ich in der siebten Klasse mal mit der Schulklasse besucht hatte, aber nur äußerst vage Erinnerungen hatte. Mittlerweile sind die dortigen Buchenwälder nicht nur Nationalpark, sondern auch Weltnaturerbe – und einfach wunderschön. An einem Tag wanderten wir acht Stunden lang (etwas unfreiwillig, wir verpassten den Bus an unserem Ausstiegspunkt und mussten die letzten sechs Kilometer mit arg wehen Füßen humpeln) und begegneten dabei sechsmal Menschen. Genau der richtige Urlaub in einer Pandemie. Welch unterschiedlichen Charakter Buchenwälder annehmen können, ist faszinierend, ebenso die arg ausgetrocknete Edertalsperre, die wegen Niedrigwasser alte Ruinen längst versunkener Kirchen und Friedhöfe freilegte.

Vor allem aber haben wir uns immer mehr vom Muldetal und seiner Umgebung erwandert und inmitten von Sachsen einsame Fleckchen gefunden, die wie aus einem Märchen erscheinen. Irgendeine Geschichte muss ich mal in diesem winterlichen Birkenwald voll vertrockneter Farne ansiedeln.

3. Menschen

Menschen? Und das im Social Distancing? Tja, wenn man sich nicht besuchen kann, werden Leute halt kreativ. Ob Skype-Brettspiel mit Schwesterchen, Glühweintrinken mit ehemaligen Journalistenkolleg*innen, Bleib-auf-der-Couch-Filkwochenenden, bei denen wir Livekonzerte zum Mittagessen in die Küche geliefert bekamen, Online-Lesungen und Podiumsdiskussionen – so viel Kontakt hatte ich teilweise seit Jahren nicht mehr zu so vielen Menschen. Und erst die gemeinsamen Schreibsessions mit meinen Chatadias aus der Schreibnacht! Einfach nur zusammensitzen, sehen und hören, wie die anderen tippen, hin und wieder eine Frage stellen, wenn man an einer Stelle hängt – sehr inspirierend.

Aber ja, „Leute“ konnten mich in diesem Jahr sehr nerven, vor allem solche, die nie lernen werden, wie man einen Mund-Nasen-Schutz aufsetzt. Ich war manchmal gar nicht so böse, mich zusammenrollen und alle anderen aussperren zu können (mittlerweile hat Margarete Stokowski im Spiegel einen Beitrag verfasst, was alle Menschen im Lockdown jetzt von Menschen mit Depressionen lernen können, ein Gedanke, den ich ja  schon früh hatte). Achtung, jetzt kommt der positive Twist, gerade, als sie in Gefahr ist, abzugleiten! Alle bis auf einen: Der Mann, mit dem ich endlich letztes Jahr zusammengezogen bin. Als jemand, die ihre Freiräume schätzt, hätte man meinen können, ich drehe durch, wenn Gerd die ganze Zeit im Homeoffice mit mir rumhängt – aber nix da. Vier Zimmer-Wohnung, in der jede*r sein/ihr eigenes Reich hat, ist die goldrichtige Entscheidung gewesen. Und als ein Haushalt kann uns niemand das Knuddeln verbieten. Vor zwei Jahren hätte ich mir das noch nicht vorstellen können, aber jetzt bin ich sehr glücklich.

Tja, das klingt doch nach einem sehr erfolgreichen Jahr, oder? Genauso, wie ich in meinem Gute-Laune-Kalender abends mindestens eine schöne Kleinigkeit des Tages notiere, und wenn ich mir noch so sehr den Kopf zerbrechen muss, hat mir dieser Rückblick gut getan und war gar nicht so schwer. Versucht es auch mal! In diesem Sinne: Habt ruhige Feiertage, bleibt vernünftig und gesund. Und was das nächste Jahr betrifft, halte ich es mit John Oliver, bevor er 2020 spektakulär in seiner Show Last Week Tonight in die Luft sprengte:

„What happens next is up to all of us. It going to depend on how willing we are to fight, how well we learned from what has happened and how much we are able to care about each other.“

– Was als nächstes passiert, hängt von uns allen ab. Es wird davon abhängen, wie bereitwillig wir kämpfen, wie gut wir aus dem, was passiert ist, gelernt haben und wie weit wir in der Lage sind, uns umeinander zu kümmern.

 

2 Kommentare zu „2020 – positiv betrachtet“

  1. Buch beendet eineinhalb jahre nach der verlängerten Deadline? Das ist ja fast Warp-Speed, liebe Andrea. Besser spät als nie. 🙂
    Ja, die Verlage sind in diesem Jahr mit uns Autoren sehr geduldig.

    Ich muss gestehen, ich kann John Oliver nicht, aber das Ende seiner Show ist tatsächlich spektakulär. Danke fürs posten. Und danke für den positiven Rück- und Ausblick. Wir alle haben viel, für das wir dankbar sein können, auch wenn wir es manchmal vergessen.

    Frohe Feiertage!

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