Mein Schatzzzzzzzzz – zum #WelttagdesBuches

Welttag des Buches – eigentlich brauchen Autor*innen nie eine Ausrede, um über ihre Babys zu reden, aber wenn mir einer so auf dem Silbertablett serviert wird … Seit 1995 hat die UNESCO den 23. April, u.a. Todestag Shakespeares, zum Feiertag des Lesens ernannt – wobei ich finde, sein Geburtstag hätte mehr Sinn gemacht, aber den kennt offenbar keiner so genau. Shakespeare, von dem es im Volksmund (oder eher: Autorinnenmund) heißt, seit den Griechischen Sagen und ihm gebe es keine originellen Geschichtenideen mehr, alles sei nur eine Variation der Motive und zwischenmenschlichen Konstellationen, die diese eingeführt haben. Trotzdem erscheinen im Jahr über 80.000 Bücher (E-Books sind dabei nicht mal systematisch mit erfasst), gleichzeitig, sagt die Statistik, hat der deutsche Buchmarkt zwischen 2013 und 2017 rund 6,4 Millionen Käufer verloren. Also konkurrieren viele Autoren um immer weniger Leser mit einer ewigen Wiederholung immer gleicher Geschichten? Und wie komme ich dazu, mir einzubilden, ich könnte da noch irgendetwas beitragen, das neu und interessant wäre?

Das ist ein Gedanke, der einige Autor*innen plagt und sogar bis hin zur Schreibblockade lähmt. Mir ist er auch nicht unbekannt, aber er beherrscht nicht mein Denken – denn die Geschichten sind einfach da und wollen raus. Ich habe keinen Anspruch, die Welt zu retten, einen Literaturnobelpreis zu gewinnen oder das Leben der Leser zu verändern, wie es andere Autorinnen bei mir getan haben. Ich möchte einfach meine Geschichten erzählen über die Charaktere, die ich dabei kennen und lieben lerne und immer weiter in meinem Kopf plaudern und weitere Ideen entwickeln. Die tiefgründigeren Motive gehen mir meist erst später auf. Sehr oft thematisiere ich die düstere Seite/das Böse in jedem einzelnen von uns, die Unbezähmbarkeit von Gefühlen vs. Verstand, wie Menschen (oder Wesen) sich einander annähern und Vertrauen gewinnen können. Klischees versuche ich natürlich auch zu vermeiden, aber nicht auf Teufel komm raus, denn manchmal sind sie nützlich und es ist gelegentlich absolut gerechtfertigt, Lesererwartungen zu erfüllen. Ich freue mich, wenn ich Leser*innen was mitgeben kann, aber vor allem möchte ich mit gewissem Niveau unterhalten. Und bislang scheint es mir ganz gut zu gelingen, wenn ich mir die Rückmeldungen anhöre.

Also möchte ich den Welttag zum Anlass nehmen, um meine Schätze nochmal kompakt vorzustellen. „Nur“ komplette Bände, nicht berücksichtigt werden die Kurzgeschichten, die ich insbesondere fürs Wolf Magazin verfasste und mit denen ich meine schriftstellerischen Fähigkeiten austestete und verfeinerte.

1. Der öffentlichen Meinung entgegentreten

Oft vergesse ich selbst dieses Buch, wenn ich von meinen Veröffentlichungen spreche, denn es ist „nur“ meine Diplom-Arbeit, die mit Unterstützung der Erich-Schairer-Journalistenhilfe (die bis 2014 den Schairer-Preis für Nachwuchsjournalisten auslobte) in der Reihe meines Professors erscheinen konnte. Ich musste sie ohnehin recherchieren und schreiben, die Veröffentlichung war das Tüpfelchen auf dem I. Das Thema, ja, überhaupt eine historische Diplomarbeit zu verfassen, dazu musste mich mein Prof erst überreden, denn eigentlich hatte ich andere Pläne (nebenbei bemerkt: Bitte nicht wundern, wenn in alten Blogbeiträgen die Links nicht klappen, die hat es beim Umzug zerhauen und ich komme nicht dazu, fünf Jahre neu zu basteln. Aber die Texte sind, hoffe ich, aus sich heraus verständlich).

Doch der leichte Widerwille legte sich bald, denn Erich Schairer entpuppte sich als faszinierende Persönlichkeit, die sich immer im Umfeld großer Männer bewegte, ohne selbst in den Vordergrund zu drängen. Mein persönlicher Höhepunkt in der Recherche war, als ich bei der Durchsicht von neun Kisten unsortiertem Nachlass im Handschriftenarchiv in Marbach am Neckar einen Entnazifizierungsfragebogen der Alliierten fand. Auf die Frage, ob er in irgendeiner Form Widerstand gegen die Nationalsozialisten geleistet habe, antwortete Schairer schlicht mit „Nein“. Dabei hat er mindestens einem Mitarbeiter zur Flucht in die Schweiz verholfen, einem untergetauchen Mitglied des kommunistischen Kampfbundes mit seiner Sonntags-Zeitung eine Plattform gegeben, getarnte Botschaften zu verbreiten, und selbst versteckt Kritik geübt. Doch während sich andere, die viel weniger getan hatten, nachträglich zu Widerständlern hochstilisierten wollten, war Schairer überzeugt: Wer in Deutschland blieb und diese Zeit überlebte, hatte sich in irgendeiner Form schuldig gemacht. Und hat somit eine besondere Verantwortung für die Zukunft. Konsequent und gut!

2. Schwedt – Weißt du noch?

Mein kleiner Bestseller! Welch schönen kleinen Buchmoment mir dieses Buch beschert hat, habe ich ja bereits erzählt. Außerdem hatte ich gerade eine sehr schöne Lesung in einem nachgebauten DDR-Wohnzimmer im Rahmen der Jubiläumswoche der Schwedter Wohungsbaugenossenschaft. Jüngst wollte mir der Besitzer der heimischen Buchhandlung unbedingt die Hand schütteln und sich bedanken, weil sich meine Anekdotensammlung im Weihnachtsgeschäft auch nach über drei Jahren immer noch gut verkauft. Also haben sich die über 35 Zeitzeugeninterviews definitiv gelohnt. Zwei Fehler sind mir passiert, die korrigiert werden müssen, sollte es eine zweite Auflage geben, aber ansonsten bestätigen mir viele Leser*innen, dass sie sich verstanden fühlen („Genau so war’s!“) – und das von einem eindeutig zu jungen Wessi. Dabei wage ich zu behaupten, dass ich nicht in Ostalgie abgerutscht bin. Aber selbst unter diesem Regime haben Menschen gelebt, gegessen, getanzt. Ich überlege schon, ob ich dem Verlag Grimma andrehen kann, wenn ich dorthin ziehe. Eine bessere Art, meine neue Heimat kennenzulernen, gibt es kaum.

3. No Pflock

Als mir meine Agentin Alisha Bionda sagte, sie habe No Pflock vermittelt, fochten zwei extreme Gefühle einen Kampf aus in mir: Ich freute mich natürlich wahnsinnig über meinen ersten Romanvertrag, auf der anderen Seite war dies von den beiden Vampirprojekten, die ich bis dato im Kopf hatte, das weniger liebe. Martin mit seinen zum Teil arg unsympathischen Charakterzügen entpuppte sich als schwer zu schreiben, deshalb wich ich vom Exposé ab und fügte noch die Perspektiven von Ravic und Alina hinzu. Und oh boy, was hat sich die Geschichte entwickelt und ist mir ans Herz gewachsen! Seit der Veröffentlichung haben sich auch die Nebencharaktere noch weiterentwickelt, dass ich mittlerweile eine Ravic Origins schreiben könnte, einen Liza Spinoff und zumindest eine grobe Idee für die Fortsetzung steht ebenfalls. Meine liebe Verlegerin bewarb sich mit meinem Werk bei Book mets Film der Bayerischen Filmfestspiele, und auch wenn das erfolglos blieb, ist es ein Riesenkompliment für mich. Damit ich rechtzeitig das Paket mit meinen Autorenexemplaren von der Nachbarin holen konnte, schwänzte ich den letzten Teil einer Tagung in Berlin – und bekam richtig, richtig feuchte Augen, als meine Kinderchen so vor mir lagen. Erst seit diese von vorn bis hinten in meinem Kopf entstandene Geschichte gedruckt wurde, fühle ich mich wie eine richtige Autorin. Und ich hoffe immer noch, dass sich #Gnackzuuzler im bayerischen Sprachgebrauch etabliert.

4. Neun Leben, achtzehn Krallen

Dieses Buch war auf andere Art ein „Erstes Mal“ – die erste Auftragsarbeit. Meine Agentin fragte mich ganz direkt, ob ich nicht einen Beitrag zur Vier Pfoten-Reihe schreiben wollte und führte mich damit „Back to the roots“. Denn Katzengeschichten gehören zu den allerersten, die ich schrieb und auf der Kinderseite unserer Heimatzeitung veröffentlichte. Mit unserem Straßenkater Tom als Vorbild setzte sich diese Geschichte in Rekordzeit in meinem Kopf zusammen. Der Stil ist mit seinen großen Abschnitten narrativer Zusammenfassung ziemlich verschieden von No Pflock, zumindest in meiner Wahrnehmung. Unterschiedliche Figuren haben eben ganz unterschiedliche Stimmen. Das ist ein wunderbares Beispiel, wie ich einen Vorschlag meiner Agentin, die mich gerne dazu anregt, meinen Horizont zu erweitern, genommen und mir komplett zu eigen gemacht habe. Das Ergebnis ist eine sehr persönliche Geschichte, in die viele Erinnerungen an meine Kindheit auf einem hessischen Dorf eingeflossen sind.

Ausblick

Vier Bücher bislang, auf die ich sehr stolz bin – aber das ist erst der Anfang. Von den Exposés mal ganz abgesehen, die meine Agentin für mich im Umlauf hat – historischer Roman, Romanze, Science Fiction, Jugendfantasy, Cosy Crime und mehr -, stehen bald ganz konkret zwei weitere Veröffentlichungen an: mein Herzensprojekt und wahrer Erstling „Menschenwolf“ (ich warte jeden Tag auf Rückmeldung des Lektorats) und natürlich der Nordsee-Krimi, der ein wenig Opfer meiner depressiven Phase wurde, aber endlich wieder Fahrt aufgenommen hat. Und ansonsten warte ich darauf, dass die Vampir-Fatigue wieder nachlässt. Die Viecher sind untot, sie kommen immer wieder – nicht umsonst bin ich am Osterwochenende ausgerechnet in Halle (und genau an der Burg Giebichenstein) mit diesem T-Shirt herumgelaufen. Muahahahahahaha.

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